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Full text of "Psychoanalyse der christlichen Religion"

Ernest Jones 




Zur Psychoanalyse 



der 



christlichen Religion 





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ZUR PSYCHOANALYSE 
DER 

CHRISTLICHEN RELIGION 



VON 



ER NEST JONES 



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IMAGO-BÜCHER / XII 



Zur Psychoanalyse 

der 

christlichen Religion 



Von 

Ernest Jones 

London 



1928 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 
LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 









Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck der Elbcmühl, Wien, III. 



Inhalt 

Seite 

Religionspsychologie 

(Vortrag, gehalten in englischer Sprache auf dem X. Internationalen Kongreß für 
Psychologie in Groningen am y. September 1926. Englisch in „British Journal 
of Medical Psychology", VI, p. 264—269.) 

Der Gottmensch-Komplex . . 

(Zuerst deutsch erschienen 1913 in der „Internationalen Zeitschrift für Psycho- 
analyse«, Bd. I, S. 313 ff. Englisch 1923 im Sammelband „Essays in Applied 
Psycho- Analysis u by Ernest Jones.) 

Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 54 

(Zuerst deutsch erschienen 1914 im „Jahrluch der Psychoanalyse*, Bd. VI, S. 13; ff. 
Englisch 1923 im obgenannten Sammelband.) 

Eine psychoanalytische Studie über den Heiligen Geist 116 

[Vortrag auf dem Vit. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Berlin am 
27. September 1922. Zuerst deutsch erschienen 1923 in der „Imago", Bd. IX, 
S. sS ff. Italienisch I920 in „Archivio Generale di Neurologia, Psichiatria e 
Psicoanalisi a , III, S. 1 iy ff. Englisch 1923 im obgenannten Sammelband.) 



KUNSTBEILAGE: 

Simone Martini: Der englische Gruß 



nach Seite 112 



RELIGIONSPSYCHOLOGIE 

Trotz der ausgezeichneten Arbeit, die die Pioniere auf diesem Gebiet 
vor ungefähr einem Viertel] ahrhundert leisteten, — ich brauche nur die 
Namen Coe, Davenport, Flournoy, Frazer, Höffding, King. 
Starbuck und vor allem Leuba zu nennen, — wurde die Forderung, 
die sie erhoben, religiöse Phänomene in den Kreis der Wissenschaft einzu- 
beziehen, noch nicht allgemein oder auch nur in etwas weiterem Aus- 
maße • erfüllt. Es ist durchaus verständlich, daß wir hier auf das letzte 
Bollwerk der Evolutionsgegner stoßen. Der Glaube an das Wunder eines 
eigenen Schöpfungsaktes, den alle modernen Denker hinsichtlich des 
menschlichen Körpers bereits aufgegeben haben und in Bezug auf den 
größeren Teil seines Geistes allgemach aufgeben, wird zähe festgehalten, 
so wie man die Frage der religiösen Erscheinungen aufwirft. Als roheste 
Form dieses Glaubens erscheint die Ansicht, daß die menschliche Seele 
einschließlich ihrer religiösen Fähigkeit dem Menschen von Gott ein- 
gepflanzt sei, so daß es ruchlos und gleichzeitig zwecklos sei, nach ihrem 
Ursprung zu forschen. Damit hängt natürlich aufs engste die Vorstellung 
zusammen, daß diese religiöse Fähigkeit allein dem Menschen eigen und 
mit keiner Äußerung, die wir vielleicht auch bei anderen Lebewesen 
finden, wie z. B. Angst, Ehrfurcht, Hochachtung, zu vergleichen ist. 
Die andere Ansicht, für die gerade diese Parallele spricht, ist die gene- 
tische; darnach müssen sich die religiösen Äußerungen sowie alle 
anderen menschlichen aus einfacheren, hier letzten Endes nichtreligiösen 
Formen des Geisteslebens entwickelt haben. Die Gründe, die zur Unter- 
stützung dieses Standpunktes und als Bechfertigung für die psycho- 
logische Erforschung der Beligion angeführt wurden, besonders von Coe 



Kniest Jones 



und Leuba, erscheinen mir so zwingend, daß ich kein Wort darüber 
verlieren will. Eine Bemerkung nur möchte ich machen: Auch für 
diejenigen, die den genetischen Standpunkt einnehmen, ist es möglich, 
philosophisch daran festzuhalten, daß die Entwicklung der Religion wie 
jede andere Entwicklung nur eines der wunderbaren Mittel ist, die der 
Schöpfer anwendet, um Bewunderung und Anbetung seiner Größe hervor- 
zurufen. Uas Problem der Existenz oder Nichtexistenz eines solchen 
Schöpfers ist direkter Forschung als solches nicht zugänglich und wird 
immer nur durch seelische Prozesse entschieden werden; deren Natur 
aber kann nun in helles Licht gerückt werden. 

Bei dem Versuch, der Bedeutung der Religion so nahe als möglich 
zu kommen, stoßen wir gleich bei Beginn auf eine Schwierigkeit: die 
Meinungen darüber, was dieser Begriff umfaßt, sind sehr verschieden. 
Jede psychologische Theorie der Religion ist daher der Kritik ausgesetzt, 
daß sie diesen oder jenen Zug, dessen Wichtigkeit behauptet wird, nicht 
umfasse. Einige dieser Einwände sind an den Haaren herbeigezogen 
und beweisen nichts anderes, als daß die betreffende Theorie noch un- 
vollständig ist, was der Autor selbst in den meisten Fällen wohl zugeben 
würde. Ein Versuch, den Begriff Religion genau zu definieren, wäre 
wie die Definition der Sexualität bei dem jetzigen Stand unseres Wissens 
ein anmaßendes Unterfangen; wir müssen damit zufrieden sein, daß 
wir doch eine ganz gute allgemeine Vorstellung davon haben, was unter 
dem Wort zu verstehen ist. Es herrscht eine weitgehende Übereinstimmung 
darin, daß jede umfassende Theorie zumindest folgende Seiten des Problems 
in Betracht ziehen muß: 1) Das Hereinspielen des Überirdischen, die 
Beziehung zum Übernatürlichen. Dies wurde umschrieben als „das 
Bewußtsein unserer tatsächlichen Beziehung zu einem unsichtbaren 
geistigen Prinzip". Dem geistigen Prinzip wurden die Attribute Macht 
und Unantastbarkeit zugeschrieben. Die Affekteinstellung ihm gegenüber 
wechselt. Am charakteristischesten sind die Gefühle der Abhängigkeit, 
Angst, Liebe und Ehrfurcht. Am konstantesten ist vielleicht das Zuerst- 
genannte. Der Versuch, dieses Prinzip günstig zu stimmen, ist weit 
verbreitet, muß aber nicht vorhanden sein. 2) Das Streben, sich mit 
den verschiedenen Problemen, die den Tod betreffen, in Denken und 
Fühlen auseinanderzusetzen. 3) Das Streben nach W'erten und ihre 
Erhaltung, besonders solcher, die als die höchsten und dauerndsten an- 
gesehen werden. 4) Eine beständige Verbindung mit ethischen und 



H eligionspsychologie 



9 



moralischen Idealen. Religion findet sich selten getrennt von diesen 
Idealen, die aber ihrerseits oft, besonders unter zivilisierten Völkern, 
von Religion unabhängig sind. 5) Zusammenhang zwischen Religion 
und dem Gefühl der Unzulänglichkeit gegenüber den Schwierigkeiten 
des Lebens, mögen diese Schwierigkeiten nun äußere sein oder, was 
bezeichnender ist, innere, wie z. B. das Gefühl von Sünde und Schuld. 
Jeder einzelne dieser Züge wurde zu verschiedenen Zeiten heraus- 
gehoben und als eigentlicher Kern der Religion angesehen. So haben 
wir, um nur einiges zu erwähnen, Statius' berühmten Satz „primus in 
orbe deos fecit timor" , Herbert Spencers Versuch, die Anfänge der 
Religion auf die Notwendigkeit der Versöhnung toter Vorfahren 
zurückzuführen (andererseits betrachtet er Religion als einen Versuch, 
das Universum verständlich zu machen), Durkheims nachdrückliche 
Betonung der Unantastbarkeit, Feuerbachs Zurückführung der Reli- 
gion auf den „Trieb nach Glück", Frazers Definition als „Versuch, 
Kräfte, die dem Menschen überlegen sind, günstig zu stimmen und zu 
versöhnen", Höffdings Auffassung als „Bewahrung von Werten" usw. 
Leuba findet in diesen endlosen Bemühungen, eine einheitliche Er- 
klärung der Religion zustande zu bringen, ein Haupthindernis ihrer 
psychologischen Erforschung. Und er gelangt zu der wichtigen Schluß- 
folgerung, daß die verschiedenen Seiten und Äußerungen der Religion 
von verschiedenen und wahrscheinlich entgegengesetzten Quellen stammen. 
Ich persönlich halte diese Schlußfolgerung für einen unnötigen Ausweg 
der Verzweiflung; doch können wir daraus die Weisheit lernen, daß 
jedem Versuch einer Generalisierung eine geduldigere Analyse der indi- 
viduellen Erscheinungen vorangehen muß. 

Das Streben, religiöse Äußerungen in die Ausdrücke für primäre 
Gefühle und Triebe zu übersetzen, hatte keinen viel besseren Erfolg, 
wahrscheinlich deshalb, weil die Psychologie des Instinktlebens selbst 
noch auf so unsicherem Grund steht. Viele Schriftsteller haben die 
wichtigste Rolle der Furcht zugeschrieben, aber Belege dafür finden 
sich nur in bestimmten Gruppen der religiösen Erscheinungen, während 
sie in anderen offenbar ganz fehlen. Irving King u. a. haben die 
kulturellen und sozialen Quellen der Religion betont und auch Trotters 
Hinweis auf die Verbindung zwischen ihr und dem Herdeninstinkt soll 
nicht unerwähnt bleiben. Die sogenannten Instinkte der Selbstbehauptung 
und Selbstunterwerfung spielen offenbar in manchen Erscheinungen 



l o Kniest Jones 



eine gewisse Rolle. Über die Verbindung zwischen Religion und Sexua- 
lität wurde eifrig gestritten. Aber diese Diskussionen wurden in ihrem 
Wert stark herabgedrückt durch . die Neigung, einen extremen Stand- 
punkt einzunehmen. So erwähnt z. B. Leuba in seinem führenden 
Werk diese Verbindung nicht, während William James ihre Existenz 
ausdrücklich ableugnet. Doch sind die Reweise für ihr Vorhandensein 
zu unzweideutig, um übersehen zu werden, und sie geht viel weiter 
als man im allgemeinen weiß. Doch haben die meisten Verfechter des 
erotischen Ursprungs der Religion ihre Ansichten in einer so primitiven 
Form vorgebracht, daß sie nicht überzeugen konnten. 

Die letzte Diskussion über Religionspsychologie, die auf dem sechsten 
Kongreß dieser Vereinigung im Jahre 1909 in Genf stattfand, zeigte 
den damaligen Höchststand unseres Wissens und vielleicht überhaupt 
den äußersten Punkt, bis zu welchem die akademische Psychologie 
uns bringen konnte. Doch hat seitdem in unserem Wissen eine Revolution 
stattgefunden, die hinsichtlich der Religionsprobleme unsere Aufmerk- 
samkeit erfordert. Ich spreche von der wachsenden Erkenntnis, — wir 
verdanken sie hauptsächlich den Schriften Freuds und seiner Schule, — 
welch ungeheuere Bedeutung das unbewußte Seelenleben besitzt. Die 
Ansicht dieser Schule, die von einer erdrückenden Menge von Material 
unterstützt wird, geht dahin, daß der ursprüngliche und wesentliche 
Teil unseres inneren Lebens unbewußt ist; das Bewußtsein hingegen, 
das früher für das Ganze gehalten wurde, wird nur als ein sorgfältig 
ausgewählter Teil dieses Ganzen angesehen. Was wir früher für die 
primären Elemente in unserem Bewußtsein hielten, erkennen wir jetzt 
als die auf das feinste ausgearbeiteten Endglieder einer komplizierten 
Kette von nicht wahrnehmbaren (unbewußten) seelischen Prozessen. Da 
nun religiöse Äußerungen, nach vielen Zeichen zu schließen, aus den 
tiefsten Tiefen der Persönlichkeit stammen, würde es uns nicht ver- 
wundern, wenn die geduldige Durchleuchtung der Prozesse, die in 
diesen Tiefen vor sich gehen, ihres Wesens, ihrer Stärke und ihrer 
Wirkung, auch auf die Geheimnisse der Religion Licht werfen würden. 
Freud selbst und verschiedene seiner Schüler, einschließlich Reik, 
Röheim, Pfister, Löwenstein, Kinkel, Levy, Dukes, wie 
auch der Schreiber dieser Zeilen u. a. haben eine ganze Anzahl von 
Einzeluntersuchungen über verschiedene Seiten der Religion veröffentlicht. 
Doch ist es bis heute noch zu keiner umfassenden Darstellung der 



Bedeutung dieser Untersuchungen für die Religionspsychologie als 
Ganzes gekommen. Auch kann eine solche Aufgabe in dem kurzen 
Zeitraum, der mir hier zur Verfügung steht, nicht bewältigt werden. 
Dennoch muß ich einige Andeutungen über die Hauptgrundsätze geben, 
denen eine solche Darstellung folgen müßte. 

Die Psychoanalyse hat die Aufmerksamkeit auf ein Gebiet gelenkt, 
das logischerweise durchforscht werden sollte, bevor man sich an das 
dunklere und weiter abseits gelegene Gebiet der ererbten Instinkte heran- 
wagt. Ich spreche von dem Seelenleben des Kindes, das sich im späteren 
Leben im Unbewußten fortsetzt und dessen wichtigsten Bestandteil 
bildet. Das Seelenleben des Kindes unterscheidet sich nach seinem 
Inhalt und seiner Funktionsart wesentlich von dem bewußten des 
Erwachsenen; sein größerer Teil wird im späteren Leben begraben, 
„verdrängt", und dem Bewußtsein unzugänglich. Dieser Vorgang ist das 
Resultat mächtiger Kräfte, die nach dieser Richtung hin arbeiten. Es 
besteht nun die allerstärkste Neigung, die Wichtigkeit der infantilen 
seelischen Prozesse herabzudrücken; man empfindet sie nur als „kindisch", 
so daß jeder Versuch, sie mit wichtigen Vorgängen bei den Erwachsenen 
zu vergleichen, einem instinktiven Unglauben begegnet. Ich will das 
an einem einfachen Fall erläutern: Nehmen wir an, jemand würde die 
unbeschreibliche Angst vor übernatürlichen Kräften, die ja unendlich 
oft beobachtet wurde, und die Angst vor dem schrecklichen Zorn 
Gottes, die noch immer beobachtet werden kann, mit der Angst ver- 
gleichen, die ein Kind unter Umständen vor seinem Vater empfindet. 
Niemand kann darüber richtig urteilen, der sich nicht durch eine 
psychoanalytische Erforschung des Unbewußten persönlich davon über- 
zeugt hat, wie intensiv die Angst des Kindes vor dem Vater sein kann. 
Im vergangenen Viertel Jahrhundert hat sich aus der psychoanalytischen 
Erforschung des religiösen Lebens der einzelnen ein umfassendes 
Erfahrungsmaterial angesammelt und außerdem wurden, wie oben 
erwähnt, eine große Anzahl von Arbeiten veröffentlicht, die psychoana- 
lytische Studien über verschiedene Seiten der religiösen Vorstellungen 
und Erscheinungen enthielten. Die Schlußfolgerung nun, die sich aus 
all diesen Forschungen ergeben muß, lautet : Das religiöse Leben 
stellt eine ins Kosmische projizierte Dramatisierung 
der Gefühle, der Angst und der Sehnsucht dar, die aus 
der Beziehung des Kindes zu seinen Eltern entstehen. 



12 



Kniest Jones 



Dieser Satz wird denjenigen wenig sagen, die keine Kenntnis von der 
modernen Erforschung des Unbewußten haben. Aber er ist bedeutungs- 
voll für jene, die diese Kenntnis besitzen. 

Nach diesem Grundsatz mögen nun die fünf oben aufgezählten Seiten 
des Religionsproblems erläutert werden : 

1) Beziehung zu einem übernatürlichen geistigen Prinzip, häufiger 
zu übernatürlichen Wesen. Die mit diesen Wesen verknüpften Eigen- 
schaften, Macht und Tabu, und die wechselnde Affekteinstellung, 
vor allem die Gefühle der Abhängigkeit, Furcht, Liebe und Ehrfurcht, 
sind alle direkte Reproduktionen der Einstellung des Kindes gegen 
seine Eltern. Das Gefühl des Kindes für das Absolute bezieht sich in 
seiner ursprünglichen Fassung auf die eigene Bedeutung; wenn durch 
den Kontakt mit der Wirklichkeit darin eine Störung eintritt, setzt es 
sich teilweise als anthropozentrische Anschauung des Universums fort, 
die wir in allen Religionen finden, teilweise aber wird es auf die Eltern 
übertragen, und wenn auch dies mißlingt, weiterhin auf göttliche 
Wesen ; an Stelle des irdischen tritt der himmlische Vater. Die Konflikte 
mit den Eltern, die sich während der Erziehung notwendigerweise 
ergeben und deren wichtigster in der Regulierung oder Behinderung 
der infantilen Sexualität besteht (oder des Liebeslebens des Kindes, wenn 
dieser Ausdruck vorgezogen wird), sind größtenteils auch zu der Zeit, 
zu der sie sich abspielen, unbewußt. Sie führen zu verdrängten Todes- 
wünschen gegenüber den Eltern, mit der daraus folgenden Angst vor 
Vergeltung; daher kommt der bekannte religiöse Trieb, die Geister der 
toten Vorfahren oder andere Geister zu versöhnen. Die gleichfalls 
vorhandene Liebe führt zu dem Wunsch nach Verzeihung, Versöhnung, 
Hilfe und Unterstützung. 

2) Die Gefühlsprobleme, die mit dem Tod zusammenhängen, entstehen 
nicht etwa aus der philosophischen Betrachtung fremder Toter, sondern 
aus der ambivalenten Einstellung gegenüber geliebten Personen. Todes- 
furcht erweist sich nach klinischer Erfahrung ausnahmslos als der 
Ausdruck unterdrückter Todeswünsche gegen geliebte Objekte. Man hat 
weiterhin gefunden, daß die Komplexe Tod und Kastration (oder die 
gleichbedeutende Entziehung des geliebten Objektes) auf das engste mit 
einander verbunden sind und daß die angstvolle Forschung nach dem 
unendlichen Fortleben der Persönlichkeit stets die Furcht vor straf- ( 
weiser Impotenz ausdrückt. 



R elig ionspsycliologie \ 3 



3) Die primäre Selbstliebe des Kindes und seine Überzeugung von 
der eigenen Bedeutung, wodurch es dem Absoluten näher kommt als 
durch irgend eine andere Erfahrung im Leben, wird gewöhnlich auf 
einen besonderen Teil des Innenlebens übertragen, den wir ÜberTch 
nennen; es ist das Ideal, nach dem das Ich als Resultat seiner mora- 
lischen Erziehung strebt. Das Gefühl für höchste Werte, für einen 
richtigen „Sinn" des Lebens, das in allen höheren Religionen eine 
bedeutende Rolle spielt, ist eine typische Äußerung dieses Strebens. 
Natürlich hängt es zusammen mit dem Wunsche, mit Gott versöhnt 
zu sein und seinen Beifall zu finden. 

4) Die stete Verbindung zwischen Religion und Moral ist eine andere 
Auswirkung dieses selben Zuges. 

5) Das Gefühl der Unzulänglichkeit gegenüber dem Leben, „senti- 
ment. d'incompletude" nach Jan et, „Minderwertigkeitskomplex" nach 
Freud, kann sich auf jedem Gebiet zeigen, auf physischem, moralischem, 
geistigem usw. Doch enthüllt die psychoanalytische Untersuchung dieser 
Erscheinung ihren einheitlichen Ursprung, nämlich das Gefühl von 
Sünde oder Schuld, das in dem Kind entsteht, wenn es sich bemüht, 
alle seine Triebe mit den Ansichten der Erwachsenen in Einklang zu 
bringen. Es ist daher psychologisch begreiflich, daß alle Unzulänglich- 
keitsgefühle, auf welchem Gebiet immer, dadurch gemildert werden 
können, daß man ihren Ursprung mit religiösen Mitteln behandelt; 
mit dem Vater versöhnt zu sein, bedeutet so viel als seinen Beistand 
erlangen. Es ist wohl .bekannt, was für eine bedeutsame Rolle das 
Schuldgefühl in der Religion spielt; ohne dieses und die daraus folgende 
Notwendigkeit der Erlösung würde z. B. die christliche Religion ihres 
Sinnes fast entkleidet sein. 

Zum Schluß möchte ich noch bitten, aus der primitiven Form der 
vorgebrachten Behauptungen nicht auf ihr Wesen zu schließen. Sie 
ist ein unvermeidliches Resultat meines Versuches, in wenigen 
Worten ein neues und außerordentlich kompliziertes Wissensgebiet 
darzustellen. 



DER GOTTMENSCH-KOMPLEX 

Der Glaube, Gott zu sein, und die daraus folgenden 
Charaktermerkmale 

Jeder Psychoanalytiker ist sicherlich Patienten begegnet, unter deren 
unbewußten Phantasien sich auch eine sehr merkwürdige befand, in 
der der Kranke sich selbst mit Gott identifizierte. Eine solche megalo- 
manische Phantasie wäre kaum verständlich, wenn wir nicht wüßten, wie 
eng die Vorstellungen von Gott und Vater zusammenhängen, so eng, daß, 
vom rein psychologischen Standpunkt aus, die erste einfach als ver- 
größerte, idealisierte und projizierte Form der zweiten angesehen werden 
kann. Die Identifizierung des eigenen Ich mit dem geliebten Objekt 
begegnet in einem gewissen Ausmaß bei jeder Neigung und ist ein 
regelmäßiger Bestandteil des Verhaltens eines Knaben seinem Vater gegen- 
über; jeder Knabe ahmt seinen Vater nach, stellt sich vor, daß er der 
Vater sei, und bildet sich bis zu einem gewissen Grad nach ihm. Es ist 
deshalb nur natürlich, daß ein ähnliches Verhalten sich in Bezug auf 
den vollkommeneren himmlischen Vater entwickelt, und in der Tat wird 
es sowohl in der religiösen Lehre direkt eingeschärft, daß man danach 
streben soll, dem göttlichen Vorbild so ähnlich als möglich zu werden 
(d. h. es nachzuahmen), als auch in dem Glaubenssatz, daß jeder Mensch 
ein Ebenbild Gottes ist und den göttlichen Geist in sich trägt. Der 
Übergang von gehorsamer Nachahmung zur Identifizierung geht oft sehr 
schnell vor sich und im Unbewußten kommt praktisch beides auf das 
gleiche hinaus. Die dem Gesandten in einem fremden- Land oder dem 
Gouverneur einer fremden Provinz anvertraute Funktion, seinen König 
oder Staat zu repräsentieren, ist oft viel weiter ausgedehnt worden. 



Der Gottmensch- Komplex 1 5 



wenn es eine günstige Gelegenheit gestattete, sie gegen eine größere 
Machtstellung einzutauschen ; das römische Kaiserreich z. B. war dieser 
Gefahr ständig ausgesetzt. In der Religion finden wir Andeutungen des- 
selben Prozesses, wenn sie auch natürlich weniger deutlich sind. In 
den Augen des Volkes bedeuten Gestalten wie Buddha, Mohammed, 
Petrus und Moses mehr als bloße Stellvertreter Gottes, und wir finden, 
daß auch geringere Propheten und Prediger im Namen Gottes mit einer 
so überraschenden Autorität sprechen, daß der Gedanke, sie sei bloß 
durch ihre Kenntnisse hervorgerufen, ausgeschlossen ist; anders aus- 
gedrückt: man fühlt mit Sicherheit, daß ihr bewußtes Verhalten für 
gewöhnlich das Produkt einer unbewußten Phantasie ist, in der sie ihre 
eigene Persönlichkeit mit derjenigen Gottes identifizieren. 

Diese Phantasie ist durchaus nicht selten und begegnet vielleicht 
hie und da bei allen Menschen ; natürlich ist sie bei Männern viel häufiger 
als bei Frauen, wo dafür eine andere, entsprechende, einzutreten scheint, 
die, die Mutter Gottes zu sein. Doch gibt es eine Klasse von Menschen, 
bei denen sie viel stärker ausgebildet ist als bei anderen und einen 
konstanten und integrierenden Teil ihres Unbewußten ausmacht. Wenn 
solche Leute verrückt werden, sind sie imstande, die Wahnidee, daß sie 
wirklich Gott seien, offen auszudrücken. Beispiele dieser Art kann man 
in jeder Irrenanstalt treffen. Im Zustande der Gesundheit, d. h. wenn 
das Gefühl für die Realität und die normalen Hemmungen des Bewußt- 
seins wirksam sind, kann sich die Phantasie erst nach dem Durch- 
laufen der Zensur und daher nur in einer modifizierten, abgeschwächten 
und indirekten Form zur Geltung bringen. Mit diesen äußeren Betäti- 
gungen haben wir es hier zu tun, und es ist das Ziel dieses Aufsatzes, 
zu zeigen, wie man von ihnen auf die Existenz eines — wenn man so 
sagen darf — „Gottmensch-Komplexes" schließen kann. 

Dieser unbewußte Komplex hinterläßt, wie jeder andere wichtige, 
deutliche Spuren seines Einflusses auf das bewußte Verhalten und die 
bewußten Reaktionen; die Analyse einer Anzahl von Individuen, bei 
denen er scharf ausgeprägt ist, zeigt, daß die durch ihn hervorgerufenen 
Charaktermerkmale 1 ein ziemlich typisches und für diagnostische Zwecke 

1) Als Georg M e r e d i t h in „Der Egoist" seinen Helden mit einigen besonders 
menschlichen Eigenschaften ausstattete, tadelten ihn seine Freunde, jeder für sich, 
daß er ihre verborgenen Schwächen der Welt offen gezeigt habe ; jeder sah 
nämlich in des Dichters Beschreibung einen Spiegel seines eigenen Herzens. Die 



jg Ernest Jones 



hinreichend deutliches Bild konstituieren. Es ist verständlich, daß sie den 
charakteristischen Merkmalen des Vaterkomplexes im allgemeinen ähneln, 
da sie nur eine vergrößerte Form dieser sind. Tatsächlich bilden sie 
einen Teil dieser ausgebreiteteren Gruppe, aber einen, der genügend 
selbständig ist, so daß er es verdient, einzeln herausgehoben und von 
dem Rest der Gruppe geschieden zu werden. 

Die induktiven Verallgemeinerungen, zu denen ich auf Grund meiner 
Beobachtungen gelangt bin, stimmen nicht ganz mit denen überein, die 
man aus einer deduktiven Erwägung der Attribute, die Gott für gewöhnlich 
zugeschrieben werden, erwarten könnte. Ein Hauptunterschied z. ß. ist 
folgender: Die Eigenschaft Gottes als Schöpfer ist für den gewöhnlichen 
Geist wohl die eindrucksvollste, was sich in der Übereinstimmung zeigt, 
mit der die Existenz Gottes durch die Frage: „Wer sonst könnte die 
Welt geschaffen haben?", oder durch abstrakte Erwägungen über die 
Notwendigkeit einer „ersten Ursache" als gesichert hingestellt wird; unter 
den dem Gottmensch- Komplex angehörigen Phantasien ist diese Eigen- 
schaft aber keineswegs die am meisten hervortretende oder typische, 
sondern am auffälligsten und charakteristischesten sind wohl jene Phanta- 
sien die sich auf wirksame Macht im weitesten Sinne (Ommpotem) 
beziehen und die meisten zutage tretenden Äußerungen des Komplexes 
können mit den dahingehörigen Ausdrücken bezeichnet werden. Nach 
meiner Erfahrung ist die Hauptgrundlage des Komplexes in einem 
kolossalen Narzißmus zu suchen und diesen halte ich für den wichtigsten 
Zug der betreffenden Individuen. Alle Charakterzüge, die sogleich be- 
schrieben werden sollen, können entweder direkt vom Narzißmus abgeleitet 
werden oder stehen in engster Verbindung mit ihm. 

Übermäßiger Narzißmus führt unvermeidlich zu einer übertriebenen 
Bewunderung für die eigenen Kräfte und Vorzüge, und zwar sowohl 
physische als geistige, sowie zum Vertrauen in die eigene Weisheit. Zwei 
psychosexuelle Triebe sind mit ihm besonders nahe verbunden, Autoerotik 
und Exhibitionismus;' es sind zwei der primitivsten, und wir werden 
sehen, daß sie eine höchst wichtige Rolle in der Bildun^ Jer_Ch^rakter- 
Charakterzüge, auf die ich in diesem Aufsatz aufmerksam machen will, sind so 
weh ve breifet daß ich in Gefahr bin, mich einem ^^J^^T^ 
wie jeder Autor, der sich bemüht, zu unserem Vorrat .psychoanalytischer Kennt- 

nisse etwas beizutragen. ivi-«* «;.. 

Siehe Stekel. Zur Psychologie des Exhibitionismus. Zentralblatt für 

Psychoanalyse, Jahrg. I, S. 494. 






Der Gottniensch-Komplex 



17 



züge spielen. Mit dem letzteren der beiden, dem Exhibitionismus, ist 
immer sein Gegenstück, der Schau- und Wissenstrieb, verbunden, und 
auch dieser bringt einige der Endresultate hervor. Aus der engen, gegen- 
seitigen Verbindung der vier Triebe, Narzißmus, Autoerotik, Exhibitio- 
nismus und Schautrieb, erklärt es sich, daß eine scharfe Scheidung der 
resultierenden Charakterzüge nach ihrem Ursprung ganz unmöglich ist; 
viele derselben können nämlich unter jeden beliebigen der vier eingereiht 
werden, und es ist daher wohl richtiger, sie als Ganzes und nicht 
gesondert zu beschreiben. 

Eine andere allgemeine Bemerkung möchte ich noch machen, bevor 
ich auf die Einzelheiten eingehe; ich will nämlich die Aufmerksamkeit 
auf die charakteristisch negative Art lenken, in der sich diese Triebe 
in dem zu besprechenden Charakterbild äußern ; übertriebene Bescheiden- 
heit z. B. trifft man öfter als stark ausgeprägte Eitelkeit. Der Grund 
ist, daß die ungewöhnliche Stärke der primitiven Triebe auch eine 
Reihe ungewöhnlich starker Reaktionsformen hervorgerufen hat und 
diese, da sie mehr an der Oberfläche des geistigen Lebens liegen und 
besser im Einkang mit den sozialen Gefühlen stehen, sich meist direkt 
äußern. Tatsächlich kann man oft auf die Stärke der zugrunde liegenden 
Triebe nur aus der Intensität der durch sie hervorgerufenen Reaktions- 
bildungen schließen. 

Wir wollen die Reihe mit der Erwähnung einiger Äußerungen von 
narzißtischem Exhibitionismus beginnen, d. h. dem Wunsch, die eigene 
Person oder einen Teil davon zur Schau zu stellen, verbunden mit dem 
Glauben an ihre unwiderstehliche Macht. Diese Macht, dieselbe, die dem 
Tabukönig 1 oder den Sonnen- und Löwensymbolen der Mythologie zu- 
geschrieben wird, gilt für Gutes und Böses, für Schöpfung und Zer- 
störung, ist also typisch ambivalent. In den zu beobachtenden Beispielen 
dominiert das Element des Bösen, ein weiterer interessanter Unterschied 
zwischen dieser Phantasie und der (modernen) Auffassung von Gott. 

Die ersten Manifestationen sind, wie überhaupt die des ganzen Kom- 
plexes, besonders typische Reaktionsbildungen. So ist auffallende Selbst- 
zufriedenheit oder Eitelkeit nicht so häufig oder so charakteristisch • als 
eine übertriebene Bescheidenheit, die oft so scharf ausgeprägt ist, daß 
sie an Selbstverleugnung grenzt. Der Betreffende äußert seine 



i)S. Freu d, Ges. Schriften, Bd. X, S. 55—66. 
Jones, Zur Psychoanalyse der christlichen Religion. 



i8 



Kniest Jones 



festesten Überzeugungen in der vorsichtigsten Weise, er vermeidet das 
Wort „ich'' im Reden und Schreiben und lehnt es ab, eine hervorragende 
oder aktive Rolle im Leben zu spielen. Schon diese Übertreibung zeigt, 
daß es sich um eine angenommene Eigenschaft handelt, nicht um einen 
primären Charakterzug, sondern um eine Reaktion auf einen solchen, 
und das wird ganz klar, wenn wir die extremen Formen beobachten. 
Diese stellen das dar, was ich für das Charakteristische halte, nämlich 
einen Trieb, sich abzusondern. Ein solcher Mensch ist nicht dasselbe 
wie andere Sterbliche; er ist etwas Besonderes und eine bestimmte 
Distanz muß zwischen ihm und den anderen gewahrt werden. Er macht 
sich so unzugänglich als möglich und hüllt seine Person in einen 
Schleier des Geheimnisses. Zunächst will er nicht in der Nähe 
anderer Leute leben, wenn es sich vermeiden läßt. Ein solcher Mann 
erzählte mir voll Stolz, er lebe in dem letzten Haus seiner Stadt (einer 
Großstadt), und er finde auch das zu nahe dem Haufen, so daß er be- 
absichtige, weiter wegzuziehen. Derartige Leute ziehen es natürlich vor, 
auf dem Lande zu wohnen, und wenn ihre Tätigkeit dies nicht zuläßt, 
bemühen sie sich, ein Heim außerhalb der Stadt zu besitzen, wohin sie 
sich am Ende jedes Tages oder jeder Woche zurückziehen können. Sie 
werden täglich zu ihrer Arbeit kommen und ihren Freunden gegenüber 
niemals ihre Wohnungsadresse erwähnen, sondern für alle notwendigen 
gesellschaftlichen Zwecke Klubs und Restaurants benützen. Sehr selten 
laden sie Freunde in ihr Heim, wo sie in einsamer Größe herrschen. 
Sie legen überhaupt den größten Nachdruck auf das Privatleben, was 
einerseits der direkte Ausdruck des Autoerotismus (Masturbation), ander- 
seits eine Reaktion auf verdrängten Exhibitionismus ist. Es gibt also 
zwei Elemente bei diesem Trieb : den Wunsch, nicht gesehen zu werden, 
und den Wunsch, entfernt und unzugänglich zu sein ; bald ist der eine, 
bald der andere stärker betont. Beide sind hübsch illustriert in der 
folgenden Phantasie, die mir ein Patient anvertraute: Sein Lieblings- 
wunsch war es, ein Schloß in einem fernen Gebirge, ganz am Ende des 
Landes (nahe dem Meer) zu besitzen ; wenn er dorthin zog, wollte er in 
seinem Automobil ein schreckliches Hörn blasen, dessen Schall längs 
der Berge widerhallen sollte (Donner von Jehova und Zeus, väterlicher 
Flatus), und wenn die Diener und die Lehnsleute es hörten, dann 
sollten sie in ihren unterirdischen Zimmern verschwinden und alles im 
Schloß für ihn bereit halten; unter gar keinen Umständen dürften sie 



^^^ Der Gottmensch-Komplex 1Q 

ihn sehen. Solche Leute bereiten im täglichen Leben, sogar im geschäft- 
lichen, dem Gesehenwerden alle erdenklichen Schwierigkeiten; Ver- 
abredungen müssen lange vorher getroffen, Sekretäre interviewt werden, 
und wenn die Zeit kommt, verspäten sie sich entweder oder sie sind 
„zu beschäftigt", überhaupt zu kommen. Wie hervorstechend dieser Zug 
der Unzugänglichkeit bei Adeligen, Königen und Päpsten und sogar 
bedeutenden Kaufleuten 1 ist, weiß man. Ein Nebenprodukt des Wun- 
sches nach Distanz, der übrigens auch andere Wurzeln hat, ist ein 
sonderbares Interesse für die Art der Fortbewegung und für die Mittel 
die sie befähigen, Entfernungen zunichte zu machen ; sie reisen immer 
erster Klasse oder per Automobil, wodurch sie sich von der Plebs fern- 
halten, bestehen darauf, das beste Telephonsystem zu haben (was ihnen 
die Möglichkeit eines Verkehrs, ohne gesehen zu werden, bietet) usw 
Dieser Zug steht m überraschendem Konstrast zu der Tatsache daß 
solche Leute nie freiwillig weite Strecken reisen, am wenigsten außer- 
halb ihres eigenen Landes. Sie fühlen sich immer am wohlsten zu Hause 
lieben es nicht, unter Leute zu gehen, sondern bestehen darauf, diese 
irgendwohin zu sich kommen zu lassen. 

Den Sinn dieses Wunsches nach Unzugänglichkeit erkennen wir 
sofort, wenn wir seine äußersten Übertreibungen ins Auge fassen wie 
man sie bei Irrsinnigen antrifft. Der verstorbene paranoische König 
Ludwig von Bayern scheint einen typischen Fall dafür geboten zu haben 
Ls heißt, daß er damit begann, Ludwig XIV. zu imitieren (Namens- 
determination - Stekel), und dahin gelangte, sich förmlich mit dem 
Rat Soleü zu identifizieren. Es wird ferner berichtet, daß er in diesem 
Stadium nicht mit den Leuten sprechen wollte, wenn keine trennende 
Schranke zwischen ihm und ihnen war, und daß die Wache wenn er 
ausging, das Volk vor seiner Annäherung warnen und es veranlassen 
mußte, sich vor seiner strahlenden Gegenwart zu verbergen Dieses 
Gehaben kann nur den Glauben anzeigen, daß die von seiner Herr- 
lichkeit ausgehenden Strahlen mit der Kraft der Zerstörung beladen 
seien, und die Ängstlichkeit des Königs v er barg möglicherweise verdrängte 

i) H. G. Wells giMin seiner Novelle~>ono-Bun g ay« eine amüsante Be- 
schre.bung der Schwierigen, d ie es kostet, eine Unterredung mit einem erfolg- 
reichen Finanzmann zu erlangen. Die Bittsteller werden in allmählicher Auswahl 
von einem Sekretär nach dem anderen in ein Zimmer nach dem anderen geführt 
und nur sehr wenige sind glücklich genug, bis in das Allerheiligste zu dringen 
und Auge in Auge vor dem großen Mann selbst zu stehen. 



20 



Er liest Jones 



Todeswünsche. Wir haben hier eine Erneuerung der alten ägyptischen, 
griechischen und persischen Projektion des Vaters als eines Sonnen- 
gottes, die auch im frühen Christentum eine wichtige Rolle spielte. 
Ihre Bedeutung in der Paranoia, ebenso wie die der interessanten und 
nicht seltenen «?g7o77.-Phantasie wurde von Freud in seiner Schreber- 
Analyse 1 dargelegt. Im Wahnsinn kann der Kranke seinen Vater und 
sich selbst mit der Sonne identifizieren, wie in dem eben erwähnten 
Beispiel, oder auch bloß den ersteren, wie einer meiner paraphrenischen 
Patienten tat, der den größeren Teil von zehn Jahren damit zubrachte, 
herausfordernd in die Sonne zu starren. Bei normaleren Menschen 
bleiben solche Phantasien im Unbewußten und nur eine verfeinerte 
Form davon kann zum Bewußtsein dringen, wie z. B. eben der Wunsch 
nach Abgeschlossenheit. Dieser Wunsch also scheint auf indirektem 
Wege hauptsächlich einen sehr starken narzißtisch-exhibitionistischen 
Trieb auszudrücken, gegründet auf den Glauben des betreffenden 
Individuums, daß seine Nähe' auf andere Menschen von furchtbarer 
Wirkung sei und daß die Herrlichkeit seiner Anwesenheit sie ver- 
wirren, ja selbst erblinden lassen könne; als Schutzmittel gegen so 
schreckliche Konsequenzen zieht er sich, wo immer es möglich ist, in 
eine gewisse Entfernung zurück. Ein verdrängter Wunsch, der ebenfalls 
zur Determinierung dieses Verhaltens beiträgt, wird aufgedeckt, wenn 
man die Angst, andere zu blenden, untersucht. Diese symbolisiert 
natürlich die Angst, d. h. den verdrängten Wunsch zu kastrieren, und 
wir werden später sehen, daß sowohl dieser Wunsch als auch die 
ihn begleitende Angst, kastriert zu werden, hervorragende Charakteristika 
der zu betrachtenden Komplexgruppe sind. 

Der zweite, oben in Verbindung mit der Unzugänglichkeit erwähnte 
Zug, das Geheimnisvolle, kann als geistiges Korrelat zu ersterem 
aufgefaßt werden. So entfaltet sich der ganze Trieb zur Absonderung 
auf der physischen Seite in dem Wunsch, unzugänglich, auf der 
geistigen in dem Wunsch, geheimnisvoll zu sein. Die betreffende Person 
strebt danach, sich in eine undurchdringliche Wolke von Geheimnissen 
und Verschwiegenheit zu hüllen. Selbst die trivialsten, ihn selbst 
betreffenden Auskünfte, die bei sich zu behalten ein gewöhnlicher 
Mensch nicht für nötig hielte, umgibt er mit einem Schimmer hoher 



1) Freud, Ges. Schriften, Bd. VIII. 



Der Gottmensch-Komplex 21 



Bedeutung und teilt sie nur unter einem gewissen Zwang mit. Ein 
solcher Mensch ist sehr schwer dazuzubringcn, sein Alter wissen zu 
lassen oder seinen Namen und Beruf einem Fremden zu verraten, 
geschweige denn, von seinen Privatangelegenheiten zu sprechen. Ich 
weiß von einem Mann, der acht Jahre in einer Stadt im westlichen 
Amerika lebte, ohne daß einer seiner Freunde erfahren konnte, ob er 
verheiratet war. Jeder, der die Öffentlichkeit des amerikanischen Privat- 
lebens einigermaßen kennt, wird sich einen Begriff davon machen, 
was das für eine Leistung ist. 

Die Einstellung 'dieser Menschen zum Schreiben ist auch ein 
Abkömmling desselben Triebes. Ein Mann dieser Art schreibt unwill- 
kürlich besonders ungern Briefe. 1 Er will solche Ausdrucksformen seiner 
Persönlichkeit nicht preisgeben und findet auch in der Nichtbeantwortung 
fremder Briefe einen passenden Weg, seine Ansicht über ihre Bedeutungs- 
losigkeit zu bekunden. 2 Trotz eines stark ausgeprägten Sinnes für 
korrekte Sprache, wovon später die Rede sein soll, drückt er seine 
Gedanken selten klar und direkt aus. Sehr charakteristisch ist eine in 
die Länge gezogene Diktion voller Verwicklung und Umschweife, die 
zu Zeiten so schwülstig und dunkel wird, daß der Leser unmöglich 
erraten kann, was gemeint ist. Je wichtiger das Thema ist (für den 
Schreiber), desto schwerer fällt es ihm, sich von seinem kostbaren 
Geheimnis zu trennen. Der wichtigste Teil wird oft überhaupt nicht 
geschrieben, sondern an Stelle dessen werden fortwährende Andeutungen 
darauf gemacht, mit dem wiederholten Versprechen, ihn bei einer 
künftigen Gelegenheit zu enthüllen. 

In auffallendem Gegensatz dazu steht die Tatsache, daß die Hand- 
schrift gewöhnlich klar und leserlich ist; bei einigen dieser Leute ist 
sie im Gegensatz dazu vollkommen unleserlich, aber in beiden Fällen 
ist die betreffende Person übertrieben stolz, sei es auf die Deutlichkeit, 
sei es auf die Unleserlichkeit. Jedenfalls besteht er darauf, daß sie 
etwas ihm Eigentümliches, Besonderes und in ihrer Art einzig 



1) Ich brauche kaum zu sagen, daß es außer der hier erwähnten noch zahl- 
reiche andere Gründe für diese Hemmung gibt. 

2) Napoleon erklärte dieses souverän verachtende Verhalten sehr witzig. Es 
heißt, daß er es sich besonders in Zeiten großer Inanspruchnahme zur Regel 
machte, keinen Brief zu beantworten, bevor er drei Monate alt war. Als man 
ihn einst deshalb tadelte, meinte er, daß er sich viel Arbeit erspare, denn die 
meisten Briefe beantworteten sich innerhalb dieser Zeit von selbst. 



22 Ernest Jones 



Dastehendes sei. (Im allgemeinen verletzt nichts einen solchen Menschen 
mehr als die Zumutung, daß er einem anderen gleiche, sei es in der 
Schrift, der äußeren Erscheinung, dem Charakter oder Benehmen.) Der 
Schleier von Geheimnis und Dunkelheit, den er über sich wirft, ist 
natürlich so weit ausgedehnt, alles, was ihm angehört, zu bedecken. So 
erwähnt er niemals von selbst seine Familie und spricht nur wider- 
strebend von ihr, wenn jemand sich danach erkundigt; dasselbe ist der 
Fall mit allen Angelegenheiten, mit denen er sich etwa befaßt. Daß 
all diese Verschwiegenheit nicht allein narzißtische Schätzung der eigenen 
Person, sondern auch Autoerotismus 1 überhaupt und besonders Mastur- 
bation verrät, ist zu wohl bekannt, um hier besonderen Nachdrucks zu 
bedürfen. Die ursprüngliche narzißtische Tendenz kommt in folgendem 
merkwürdigen Zug an die Oberfläche: Wenn die Schweigsamkeit 
beseitigt ist, wie z. B. während der Psychoanalyse oder bei einem 
vertraulichen Gespräch mit einem intimen Freund, hat der Betreffende 
die größte Freude daran, über sich selbst mit größter Umständlichkeit 
zu sprechen, und wird niemals müde, seine geistigen Eigenheiten zu 
erörtern und zu zergliedern. Er ist immer geeignet zum erfolgreichen 
Vorleser und Tischredner, was mit seinen sonstigen Reaktionen gegen 
den Exhibitionismus kontrastiert. 

Der Trieb zur Absonderung äußert sich auf der rein geistigen Seite 
auch ganz direkt. Solche Leute sind ungesellig und unsozial im weiteren 
Sinne. Sie fügen sich nur schwer einer Tätigkeit in Gemeinschaft 
mit anderen, sei sie politischer, wissenschaftlicher oder geschäftlicher 
Natur. Sie geben, im Verhältnis zum Durchschnitt, schlechte Staats- 
bürger ab. 2 Welches Interesse auch immer sie an öffentlichen 
Angelegenheiten nehmen mögen, sie beteiligen sich nicht daran, ja sie 
stimmen nicht einmal ab, da eine so plebejische Funktion unter ihrer 
Würde ist. Jeder Einfluß, den sie etwa ausüben, wird daher indirekt 
bewirkt, indem sie aktivere Bewunderer anspornen. Ihr Ideal ist es, 

1) Sein Hervortreten in unserer Komplexgruppe erklärt die Häufigkeit, mit 
der der zu beobachtende Typus zwei Charakterzüge aufweist: Interesse für 
philosophische Diskussionen über die Natur der Wahrheit (Pragmatismus usw.) 
und daneben einen niedrigen, persönlichen Ehrenstandpunkt in Angelegenheiten 
von Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit. 

2) Sehr charakteristisch ist der Mangel an Bürgertugenden im praktischen 
Sinne, verbunden mit einem lebhaften, theoretischen Interesse für soziale Reform, 
das später erwähnt werden soll. 






Der Gottmensch-Komplex 



„der Mann hinter dem Throne" zu sein, die Dinge von oben zu lenken, 
unsichtbar gegenüber der Menge. Einer allgemeinen Bewegung zu 
folgen, daran teilzunehmen, ja sogar sie zu leiten, sei sie sozial oder 
wissenschaftlich, hat etwas Abstoßendes für sie und sie machen alle 
Anstrengungen, um einen Zustand von großartiger Isoliertheit aufrecht- 
zuerhalten. Darin können sie wie Nietzsche wahre Größe erreichen, 
aber häufiger bringen sie es nur zu einem morosen Egoismus. 

Wie zu erwarten, muß ein so starker exhibitionistischer Trieb, wie 
der durch die eben erwähnten Züge angedeutete, ein Gegenstück in 
einem ausgebildeten Komplementärtrieb, nämlich der Schaulust 
(Skoptolagnie), haben, wenn es dafür auch nicht so viele charakteristische 
Äußerungen in dem Gesamtbild gibt. Sie unterscheiden sich von den 
früheren dadurch, daß sie durchsichtiger und von direktem Ursprung, 
keine Reaktionsbildungen sind. Es findet sich für gewöhnlich eine 
durchaus weibische Neugier für Unbedeutendes, Persönliches, Tratsch- 
sucht usw., wenn auch im allgemeinen verborgen und nur gelegentlich 
verraten. Öfter begegnet eine höhere Form der Sublimierung, die 
typischerweise die Gestalt des Interesses für Psychologie 
annimmt. Wenn der Betreffende von Natur aus die Gabe besitzt, intuitiv 
die Seelen der anderen zu erkennen, also ein Menschenkenner ist, 
wird er davon in seinem Berufe Gebrauch machen, welcher immer es 
ist ; ist er dafür nicht begabt, so neigt er dazu, berufsmäßiger Psychologe 
oder Psychiater zu werden oder wenigstens ein bedeutendes, abstraktes 
Interesse an dem Gegenstand zu nehmen. Dieser Wunsch, einen natür- 
lichen Mangel zu kompensieren, gibt uns zweifellos eine der Erklärungen 
für die offenkundige Tatsache, daß Psychologen von Beruf so oft eine 
verblüffende Unkenntnis der menschlichen Psyche zeigen. Es erklärt 
ferner ihr konstantes Bemühen, ihrer Unfähigkeit durch Erfindung 
, objektiver" Methoden zum Studium der Psyche abzuhelfen, die sie 
unabhängig von der Intuition machen sollen und ihr Widerstreben 
gegen solche Methoden wie die Psychoanalyse, die gerade die Intuition 
mit Bedacht kultivieren ; die Flut von Kurven und Statistiken, die die 
Wissenschaft der Psychologie zu ersticken drohi, legt Zeugnis ab von 
der Notlage dieser Männer. Um zu unserem typischen Menschen zurück- 
zukehren: er interessiert sich besonders lebhaft für alle Methoden, die 
eine Abkürzung zur Kenntnis der menschlichen Psyche versprechen, 
und wird gerne solche Methoden anwenden wie die Binet-Simonsche 



2 4 



Ernest Jones 






Skala, das psychogalvanische Phänomen, Wortassoziationsreaktionen oder 
Graphologie in mechanischer und buchstäblicher Art, und immer in 
der Hoffnung, eine zu finden, die automatische Resultate ergibt. Je 
ungewöhnlicher die Methode, desto mehr zieht sie ihn an, da sie ihm 
das Gefühl gibt, einen Schlüssel zu besitzen, der nur dem Auserwählten 
zugänglich ist. Aus diesem Grunde ist er imstande, großes Interesse für 
die verschiedenen Formen des Gedankenlesens zu zeigen, für Chiromantie, 
Weissagung, ja sogar Astrologie und ebenso für Okkultismus und 
Mystizismus in allen ihren Zweigen. Dieser Gegenstand hängt einerseits 
mit Religion zusammen, anderseits mit den verschiedenen Äußerungen 
von Allwissenheit; beides wird sogleich erörtert werden. 

Einige weniger direkte Produkte von narzißtischem Exhibitionismus 
mögen unter dem Titel Allmachtsphantasien eingereiht werden. 
Diese können sich über alle Gebiete ausdehnen, wo Macht gezeigt 
werden kann, so daß es unmöglich ist, sie im Detail zu erörtern; vor- 
wiegend werden sie sich an Ungewöhnliches halten und daher Kräfte 
fordern, die nur wenige besitzen. Vielleicht am häufigsten ist die an 
Geld anknüpfende, da ja dieses in Wirklichkeit und Phantasie eng mit 
der Vorstellung von Macht zusammenhängt. Der betreffende Mensch 
stellt sich dann selbst als Multimillionär vor und schwelgt in dem 
Gedanken, was er mit all der Macht tun wollte, die dann zu seiner 
Verfügung stünde. Diese Phantasie ist meist mit einer scheinbaren 
Verachtung für Geld im realen Leben verknüpft und bisweilen mit 
wirklicher Generosität und Freizügigkeit im Gebrauch desselben. Die 
Summe, die er wirklich besitzt, ist eben so unendlich klein im Verhältnis 
zu der, über die er in seinen Phantasien verfügt, daß es nicht der 
Mühe wert ist, sie zu hüten. 

Die charakteristischeste Untergruppe in diesem Zusammenhang ist 
aber die auf Allwissenheit bezügliche. Diese kann man einfach 
als eine Forrr dei Allmacht ansehen, denn wer alles bewirken kann, 
der weiß auch alles. Der Übergang von einem zum anderen zeigt sich 
deutlich bei der Weissagung; vorher zu wissen, wenn etwas geschehen 
wird, ist an sich schon eine Art Gewalt, nur eine abgeschwächte Form 
dafür, die Sache tatsächlich hervorzurufen, und der Übergang zwischen 
einem Propheten und einer Gottheit ist historisch oft ganz unmerklich 
(Mahomet!). 

Einer der unglücklichsten Charakterzüge des zu betrachtenden Typus 









Der Gottmeiisch-Komplex 25 

ist die ablehnende Stellung gegenüber der Annahme 
einer neuen Erkenntnis. Das folgt ganz logisch aus der Vor- 
stellung der Allwissenheit, denn jemand, der schon alles weiß, kann 
natürlich nichts Neues lernen; noch weniger kann er zugeben, daß er 
jemals in seiner Erkenntnis irrte. Wir berühren hier eine allgemein 
menschliche Eigenschaft, in der die psychoanalytische Bewegung schon 
reiche praktische Erfahrung hatte, aber in dem vorliegenden Charakter 
ist sie so ausgeprägt, daß wir nicht daran vorübergehen können, ohne 
ihr einige Worte zu widmen. Zunächst sprechen Leute dieser Art sogar 
mehr als andere von ihrer Fähigkeit, sich neue Ideen anzueignen, und 
sind bisweilen verschwenderisch in ihrer abstrakten Bewunderung für 
das Neue. Aber wenn sie die Probe bestehen sollen und einer neuen 
Idee gegenübergestellt werden, die nicht von ihnen ausgeht, so zeigen 
sie einen unnachgiebigen Widerstand dagegen. Dieser verläuft in dem 
gewöhnlichen, wohlbekannten Geleise und ist nur noch von gesteigerter 
Intensität. Die interessantesten Äußerungen aber sind die Arten der 
Annahme, wenn diese vorkommt. Es gibt zwei typische Formen dafür. 
Die eine besteht darin, die neue Idee zu modifizieren, sie in ihren 
eigenen Ausdrücken neu zu stilisieren und sie dann ganz als ihr Eigen 
auszugeben. Sie meinen natürlich, der Unterschied zwischen ihrer 
Beschreibung und der von den Entdeckern der neuen Idee gegebenen 
sei von fundamentaler Wichtigkeit. Wenn die Modifikationen wirklich 
bedeutsam sind, so bilden sie stets eine Abschwächung der ursprünglichen 
Idee und in diesem Falle ist ihr Urheber gewöhnlich ein Anhänger des 
neuen Resultats. Bisweilen wird der Widerstand gegen die neue Idee 
durch Modifikationen angezeigt, die in einem einfachen Wechsel der 
Nomenklatur, ja sogar der Orthographie bestehen, und dann zeigen 
spätere Reaktionen der betreffenden Person, daß sie die neue Idee nie- 
mals ernstlich angenommen hat, so daß ihr alter Widerwille dagegen 
früher oder später wieder klar zutage treten wird. Die zweite, mit der 
ersten nahe verwandte und oft damit verbundene Art besteht darin, 
die neue Idee zu entwerten, indem man sie so beschreibt, daß man 
allen Nachdruck auf die Verbindungsglieder zwischen ihr und älteren 
legt, auf diese Weise alles wesentlich Neue daran in den Hintergrund 
schiebt und dann behauptet, daß man immer damit vertraut gewesen sei. 1 

1) Ein sehr hübsches Beispiel dafür ereignete sich jüngst. Ich hatte einen 
Aufsatz über Freuds Neurosentheorie geschrieben und dabei natürlich die 






26 



Ernest Jones 



Von besonderer Wichtigkeit ist das Verhalten des Individuums 
gegenüber der Zeit. Die Vorstellung von der Zeit und ihrem 
Vergehen hängt so innig mit Angelegenheiten von fundamentaler 
Wichtigkeit zusammen, wie z. B. Alter, Tod, Macht, ehrgeizige Wünsche, 
Hoffnungen, kurz mit der Quintessenz des Lebens selbst, daß sie natür- 
lich von größter Wichtigkeit für jeden ist, der Anspruch auf Allmacht 
und Allwissenheit erhebt. Wie alle unbedeutenderen Dinge, muß sie 
daher unter seiner Gewalt stehen, und dieser Glaube offenbart sich in 
einer Menge kleiner Züge und Reaktionen. Seine eigene Zeit ist natür- 
lich die richtige und daher geht seine Uhr immer richtig und jeder 
Verdacht des Gegenteils wird nicht nur zurückgewiesen, sondern auch 
verübelt; dieser Glaube wird oft auch gegenüber den deutlichsten 
Gegenzeugnissen aufrechterhalten. Auch ist die eigene Zeit überaus 
wertvoll im Vergleich zu der der anderen, so daß der Betreffende ganz 
konsequenterweise gewöhnlich bei einer Verabredung unpünktlich ist, 
aber sehr ungeduldig wird, wenn andere ihn warten lassen; da Zeit 
überhaupt zu seiner Domäne gehört, so hat er darüber zu verfügen, 
nicht andere. Eine Ausnahme bilden jene Mitglieder unserer Gruppe, 
die die Definition der Pünktlichkeit als la politesse des j'ois annehmen 
und ein Vergnügen darin finden, ihre vollkommene Macht über die 
Zeit durch genaue Pünktlichkeit zu zeigen. (Man denke an Kants 
täglichen Vier-Uhr-Spaziergang.) 

Das Verhalten gegen vergangene Zeit betrifft vor allem ihr 
eigenes Gedächtnis. Dieses halten sie ebenso wie ihre Uhr für unfehlbar 
und werden energisch seine Verläßlichkeit bis zum äußersten verteidigen; 
zur Stütze dafür befleißigen sie sich mit Eifer großer Genauigkeit in 
Zitaten, Daten und ähnlichen Dingen, die leicht zu kontrollieren sind. 
Bisweilen sind sie stolz auf ihr gutes Gedächtnis, aber typischer für sie 
ist es, dasselbe für etwas auf der Hand Liegendes zu halten und sich 
zu ärgern, wenn man einen ihrer Erfolge darauf zurückführt. 

Die Fähigkeit der Weissagung zeigt die Macht über die zukünftige 
Zeit, und das nimmt einen großen Teil ihres Interesses ein. Spekula- 
tionen anzustellen über die Zukunft eines Bekannten, eines Unter- 



Wichtigkeit infantiler Konflikte, verdrängter sexueller Perversionstriebe usw. 
behandelt. Ein sehr verzerrtes Referat darüber erschien in einer französischen 
Zeitschrift und schloß mit der Versicherung, daß „seit Janets Werken alle diese 
Ideen in Frankreich geläufig waren". 



Der Gottmensch-Komplex 



27 



nehmens, einer Nation, ja, der ganzen Menschheit, ist eine Angelegen- 
heit von persönlicher Bedeutung für sie, und sie geben allen möglichen 
Vorhersagungen freien Ausdruck, und zwar meist unheilverkündenden. 
Einer der charakteristischesten Züge dieser Reihe ist der feste Glaube 
des Individuums an seine Fähigkeit, das Wetter vorherzusagen, 
besonders Regen oder Donner. Die Launen der Witterung haben immer 
eine große Rolle in der Phantasie des Menschen gespielt, nicht nur 
wegen ihrer offenkundigen Wichtigkeit für seine Wohlfahrt, sondern 
auch weil die außerordentliche Veränderlichkeit direkt auf die Tätig- 
keit höherer Wesen, seien es gute oder böse, zu deuten schien. Christ- 
liche Kongregationen, die es für unvernünftig halten würden, zu 
erwarten, daß die Gottheit auf ihr Gebet hin die Landschaft verbessere 
oder auch nur die Temperatur ändere, beten noch ernstlich um einen 
Wechsel der Witterung. Unter den auf Hexen bezüglichen Aberglauben 
währte fast am längsten der, der ihnen die Schuld am schlechten 
Wetter beimaß. Das Wetter ist derjenige Teil der Natur, der am offen- 
kundigsten der Vorausbestimmung und der Macht der menschlichen 
Wissenschaft trotzt und in dieser Hinsicht mit dem menschlichen Geist 
selbst konkurriert. Wir können sagen, daß die Hauptzeugnisse für 
Spontaneität und Freiheit, die im Universum zu finden sind, in diesen 
beiden Sphären begegnen, so daß es kein Wunder ist, wenn sie beide 
gleichmäßig als deutliche Ausnahmen von den natürlichen Gesetzen 
der Determinierung und Ordnung und als Offenbarungen einer äußeren 
Kraft angesehen wurden. Überdies ist es leicht zu zeigen, daß die ver- 
schiedenen Elemente immer eine große symbolische Bedeutung besaßen 
und daß man besonders in Regen, Wind und Donner großartige, sexuell- 
exkrementale Darstellungen sah. Gewitter ist in diesem Zusammenhang 
von besonderer Wichtigkeit, weil es alle drei in sich enthält. In An- 
betracht dieser Erwägungen ist es nicht erstaunlich, daß unser Typus 
am Wetter das größte Interesse nimmt und sich eine besondere Stärke 
in der Voraussagung desselben anmaßt. Für die Praxis ist es sozusagen 
ein absolutes Kennzeichen des Gottmensch-Komplexes, wenn jemand 
behauptet, daß er unbedingt ein Gewitter vorhersagen kann, sich dabei 
auf Zeichen und Methoden stützt, die einem anderen nicht erklärt 
werden können, und alle jene, die sich von anderen Methoden leiten 
lassen, als „falsche Propheten" ansieht. 

Derartige Leute interessieren sich auch lebhaft für die Sprache, 



20 Erncst Junes 






ein Gegenstand, der zu dem eben erwähnten in symbolischer Beziehung 
steht. Sie geben sich für Autoritäten im literarischen Stil aus und sind 
es oft auch, und sie erheben den Anspruch auf „Meisterschaft" in ihrer 
Muttersprache. Der Stil, den sie annehmen, ist gewöhnlich gut, genau, 
dabei nicht pedantisch, neigt aber dazu, verwickelt, ja, sogar dunkel zu 
sein; Klarheit gehört nicht zu seinen Vorzügen, und sie finden es 
schwierig, deutlich auszudrücken, was sie zu sagen haben. Mit einer 
vollkommenen Kenntnis der eigenen Sprache vereinigt sich eine Ab- 
neigung gegen fremde, die zu lernen sie auch häufig ablehnen; ihre 
eigene ist die Sprache, die einzige, die Beachtung verdient. Sie haben 
Freude am Sprechen, besonders in Monologen, und zeichnen sich gewöhn- 
lich im Vorlesen, Bedenhalten und Konversation aus. 

Zwei Charakterzüge, die in noch direkterer Beziehung zum Narzißmus 
stehen, zeigen sich in ihrem Verhalten gegen Ratschlag und Urteil- 
sprechung. Sie geben nur ungern einen Rat, da die Verantwortung zu 
groß ist. Jeder Rat, den sie etwa geben würden, wäre so kostbar und 
bedeutsam, daß ein Nichtbefolgen sicher unheilvoll sein müßte. Lieber 
als daß sie ihre Freunde dieser Gefahr aussetzen, halten sie ihren Rat 
zurück, wieder ein Beispiel von scheinbarem Altruismus. Es versteht 
sich von selbst, daß jeder ihnen von anderen dargebotene Rat als wert- 
los mit Verachtung zurückgewiesen wird. 

Auch ihr Verhalten gegenüber Verurteilungen ist charak- 
teristisch. Es ist ein doppeltes, da äußerste Toleranz mit äußerster 
Intoleranz wechselt. Welches von beiden zutage tritt, scheint davon 
abzuhängen, ob die zu verurteilende Übertretung sich gegen ihre 
Wünsche oder bloß gegen die anderer richtet. Im ersteren Falle ist 
keine Strafe zu hart für den Missetäter; ich habe solche Leute gleich 
Kindern beschreiben gehört, wie sie verschiedene Leute, die ihnen 
ungehorsam waren, unpünktliche Kaufleute usw., hinrichten lassen 
würden. Im zweiten Falle sind sie im Gegenteil immer Anhänger der 
größten Milde und weitherzigsten Toleranz. So befürworten sie die 
Abschaffung der Todesstrafe, eine mildere und verständnisvollere 
Behandlung der Gefangenen usw. 

Religion ist für solche Leute meist eine Angelegenheit von 
größtem Interesse, und zwar sowohl in theologischer als auch in histo- 
rischer und psychologischer Hinsicht; bisweilen artet ihr Interesse in 
eine Neigung zum Mystizismus aus. In der Regel sind sie natür- 












Der Gottmensch- Komplex 29 



lieh Atheisten, da sie die Existenz eines anderen Gottes nicht dulden 

können. 

Wir wollen nun kurz einige Charakterzüge erwähnen, die, wenn 
auch stark ausgeprägt, doch weniger scharfe Merkmale bilden, da sie 
auch sonst allgemein vorkommen. Sie gehören nur deshalb hieher, weil 
sie bei unserem T3'pus fast immer eine hervorragende Rolle spielen. 
Einer davon ist der übertriebene Wunsch, geliebt zu werden. 
Er wird selten direkt gezeigt und äußerst sich meist mehr durch das 
Streben nach Lob und Bewunderung als nach Liebe. Gewöhnlich wird 
er durch sein Gegenteil verdrängt, eine scheinbare Gleichgültigkeit 
gegen die Meinung anderer und Unabhängigkeit davon; dennoch ist 
das Verdrängte oft gezwungen, sich auf gewisse Arten zu verraten, z. B. 
in einem theoretischen Interesse für den Mechanismus der Mengen- 
suggestion, einem starken Glauben an die Wichtigkeit der öffentlichen 
Meinung, einem folgsamen, tatsächlichen Nachgeben gegenüber der 
Konvention, trotz Zurückweisung derselben in Worten. 

Wie alle anderen menschlichen Wesen, beschäftigen sie sich in ihrem 
Unbewußten viel mit ihrer eigenen Unsterblichkeit, ob diese 
nun durch eine direkte Fortdauer oder durch eine unendliche Reihe 
von Wiedergeburten zustande kommen mag; für sie gibt es also weder 
Beginn noch Ende. Der Glaube an ihre Schöpfermacht, der oben 
erwähnt wurde, ist, wenigstens im Vergleich mit den anderen, von 
geringerer Bedeutung als man erwarten könnte, aber oft ausgeprägt 
genug. Der Glaube an die Selbsterschaffung und Wiedergeburtsphantasien 
sind gleichsam ständige Züge. Ferner offenbart er in solchen Phantasien 
Visionen einer sehr verbesserten oder sogar idealen Welt — natürlich 
erschaffen von der betreffenden Person — oder gar von dem Entstehen 
eines neuen Planeten, wo alles umgestaltet ist, „näher nach dem Wunsch 
des Herzens" 1 ; weitreichende Pläne sozialer Reformen gehören gleich- 
falls hieher. Im allgemeinen besitzen solche Leute eine Ader von 
romantischem Idealismus, der oft durch einen zur Schau getragenen 
Materialismus oder Realismus verdeckt wird. 

Die K astratio n s Vorstellung spielt bei unserem Typus immer eine 



1) Englische Leser werden hier sogleich an die zahlreichen Werke von H. G. 
Wells denken, die diese Phantasien sehr gut illustrieren; doch scheint er kein 
anderes Charakteristikum unseres Typus darzubieten, wenigstens nicht in auf- 
fallendem Maße. 



3° 



Ernest Jones 



ganz besonders wichtige Rolle, sowohl in der Form von Kastrations- 
wünschen gegen den Vater (Autoritäten) als auch in der von Kastrations- 
angst (Wiedervergeltung) von Seiten der jüngeren Generation. Letzteres 
ist in der Regel stärker betont und führt natürlich zu einer oft stark 
ausgeprägten Angst und Eifersucht gegenüber jüngeren Rivalen. Ein 
starker Kastrationskomplex ist bei diesem Typus regelmäßig vorhanden, 
zeigt aber in seinen zahlreichen Äußerungen nichts Charakteristisches; 
ich übergehe sie daher hier, besonders da sie jetzt ohnedies recht wohl 
bekannt sind. Das Übelwollen, mit dem solche Leute die wachsende 
Bedeutung jüngerer Rivalen beobachten, bildet einen sonderbaren Gegen- 
satz zu einem anderen Charakterzug, nämlich ihrem Wunsch, zu 
protegieren. Es macht ihnen Freude, zu helfen, als Schützer oder 
Wächter zu handeln usw. All dies aber tritt nur unter der strengen 
Bedingung ein, daß die Person, die protegiert werden soll, ihre eigene 
hilflose Stellung anerkennt und sie um ihre Hilfe angeht, wie der 
Schwache die Starken; einem solchen Appell können sie oft nicht 
widerstehen. 

Der Leser wird wohl die Schwierigkeit erkannt haben, mit der ich 
bei der Gruppierung von so vielerlei Zügen zu kämpfen hatte, und 
wird mir daher gestatten, diese nun in gedrängterer Form zu wieder- 
holen. Es ist also der betreffende Typus gekennzeichnet durch den 
Wunsch nach Absonderung, Unzugänglichkeit und Geheimnistuerei, oft 
auch durch Bescheidenheit und Selbstverkleinerung. Sie sind am glück- 
lichsten in ihrem eigenen Heim, in Abgeschlossenheit und Verborgen- 
heit, und lieben es, sich in eine gewisse Distanz zurückzuziehen. Sie 
umgeben sich und ihre Ansichten mit einem geheimnisvollen Schleier, 
üben nur einen indirekten Einfluß auf äußere Angelegenheiten und 
sind überhaupt asozial. Sie zeigen großes Interesse für Psychologie, 
besonders für die sogenannten objektiven Methoden, die eklektisch sind 
und von der Notwendigkeit der Intuition dispensieren. Phantasien von 
Macht sind häufig, besonders die Vorstellung vom Besitz eines großen 
Reichtums. Sie halten sich selbst für allwissend und sind geneigt, jede 
neue Erkenntnis zu verwerfen. Das Verhalten zur Zeit und zur Vor- 
aussagung des Wetters, besonders der Gewitter, ist in hohem Grade 
charakteristisch. Sprache und Religion interessieren sie lebhaft und sie 
haben eine ambivalente Einstellung gegenüber Ratschlag und Urteil 
{■/.. B. Strafe). Ständig vorhandene aber weniger charakteristische Eigen- 



Der Gottmensch- Komplex 31 

Schäften sind das Streben, geschätzt zu werden, der Wunsch, den 
Schwachen zu helfen, der Glaube an ihre eigene Unsterblichkeit, die 
Vorliebe für schöpferische Pläne, z. B. für soziale Reformen, und vor 
allem ein ausgeprägter Kastrationskomplex. 

Eine naheliegende Überlegung, die aber nicht vergessen werden darf, 
erinnert uns an die Tatsache, daß nicht alle Götter die gleichen Eigen- 
schaften haben, wenn ihnen allen auch vieles gemeinsam ist, so daß 
der Gottypus variieren wird, je nach dem besonderen Gott, mit dem 
die Person sich identifiziert. Weitaus die bedeutendste dieser Variationen 
haftet an der Vorstellung von Gottes Sohn, in Europa also von Christus. 
Dies gibt dem betreffenden Typus ein besonderes Gepräge, das hier kurz 
gekennzeichnet werden mag. Die drei Hauptcharakteristika sind: Auf- 
lehnung gegen den Vater, Rettungsphantasien und Masochismus oder 
mit anderen Worten, eine Ödipussituation, in der der Heros-Sohn ein 
leidender Heiland ist. Bei dieser Klasse spielt die Mutter eine ganz 
besonders wichtige Rolle und ihr Einfluß zeigt sich oft in den 
besonderen Eigenschaften, die Freud in seinem Dimenrettertypus 
beschrieben hat. 1 Rettungsphantasien, in denen das, was vor dem „bösen 
Vater" zu retten ist, von einer bestimmten Person (z. ß. Shelleys erste 
Frau) bis zur ganzen Menschheit variiert (demokratische Reform usw.), 
sind daher hier außerordentlich häufig. Die Rettung kann oft nur durch 
eine schreckliche Selbstopferung bewerkstelligt werden, bei der die 
masochistischen Tendenzen volle Befriedigung erfahren. Diese offenbaren 
sich auch in dem Zug von äußerster Erniedrigung und Altruismus, 
der besonders auffallend bei Leuten ist, die ursprünglich besonders 
männlich und aggressiv waren, wie z. B. der heilige Franz von Assisi. 
In zweiter Linie erst steht gegenüber dem Verhältnis zu der Mutter,, 
die gerettet werden muß, die Bedeutung des unterdrückenden Vaters. 
So finden wir immer eine Intoleranz gegenüber jeder Art von Autorität; 
jeder Mensch, der eine solche oder auch nur höheres Alter oder Rang 
besitzt, kann im Licht dieses Komplexes betrachtet werden, so daß 
seine Gestalt künstlich zur Imago des bösen Vaters verzerrt wird. Bei 
diesem Christus-Typus findet sich unweigerlich auch eine antisemitische 
Tendenz, wobei die beiden Religionen einander entgegengesetzt und 
der ältere hebräische Jehovah durch den jungen Christus ersetzt wird. 

1) Freud, Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, 1, Ges. Schriften, 
Bd. V. 






5 2 



Ernest Jones 



Der Kastrationskomplex ist, wenn möglich, in dieser Unterabteilung 
noch stärker ausgeprägt als in dem oben beschriebenen Haupttypus. 

Es ist interessant zu sehen, daß der unter dem Einfluß des Gott- 
mensch-Komplcxes sich entwickelnde Charakter nach einem von zwei 
Extremen neigt. Einerseits, wenn nämlich der Komplex von wertvollen 
höheren Instanzen gelenkt und beherrscht wird, kann er einen Menschen 
hervorbringen, der wahrhaft gottähnlich in seiner Größe und Erhabenheit 
ist. Nietzsche und Shelley sind vielleicht gute Beispiele dafür. Auf der 
anderen Seite, und das sehen wir leider häufiger, besonders bei Patienten 
in der Analyse, finden wir höchst unerfreuliche Charaktere, von über- 
triebenem Selbstgefühl, denen es schwer fällt, sich dem Zusammenleben 
mit gewöhnlichen Menschen anzupassen, und die daher in sozialer 
Hinsicht von geringem Nutzen sind. Dies kann man wohl zu der 
unbewußten Basis des Komplexes, dem starken Narzißmus und Exhibi- 
tionismus in Beziehung setzen. Der zuletzt erwähnte Trieb ist unter 
allen sexuellen Komponenten der am engsten mit sozialen Instinkten 
verbundene, da er das Verhalten des Individuums seinen Mitmenschen 
gegenüber in gewisser Beziehung bestimmt, und man kann eine ähnliche 
Ambivalenz in dem Wert seiner Produkte erkennen. Einerseits verleiht 
er ein erhöhtes Selbstvertrauen und Selbstachtung und ein starkes Motiv 
für die Erreichung einer hohen Stufe in der Achtung der anderen, und 
er liefert dadurch eine treibende Kraft, die in hohem Maße zum 
erfolgreichen Vorwärtskommen im Leben beiträgt; anderseits hingegen, 
wenn er übermäßig entwickelt oder auf ein falsches Ziel gerichtet ist, 
verursacht er durch eine falsche Werteinschätzung Schwierigkeiten in 
■der sozialen Anpassungsfähigkeit. 

Zum Schluß will ich einigen Betrachtungen Ausdruck geben, die 
zwar nicht weit abliegen, aber doch erwähnt werden müssen, um 
Mißverständnissen vorzubeugen. Zunächst ist das oben skizzierte Bild 
wie jedes klinische ein zusammengesetztes. Die einzelnen Details sind 
von verschiedenen Studienobjekten genommen und künstlich vereinigt, 
genau wie die Beschreibung eines typhösen Fiebers in einem Lehrbuch. 
Ich habe nie jemanden gesehen, der alle oben erwähnten Eigenschaften 
besaß, und es ist sehr möglich, daß solche Leute nicht existieren; auf 
alle Fälle sind einige Eigenschaften immer stärker hervortretend als 
andere. Ferner möchte ich die Tatsache betonen, daß die gegenwärtige 
Beschreibung notwendigerweise ein bloßer Versuch ist, da sie auf der 



Der Gottmensch-Komplex 



53 



Erfahrung einer einzigen Person aus etwa einem Dutzend auf dieses 
Problem 1 bezüglicher Analysen beruht, mit anderen Worten aus einem 
Material, das sicherlich unzureichend ist, ein scharfumrissenes Bild zu 
ermöglichen. Ich bin überzeugt davon, daß es einen Gottmensch- 
Komplex gibt und daß einige der oben erwähnten Eigenschaften dazu 
gehören, aber ich bin ebenso überzeugt, daß die gegenwärtige Darstellung 
einer Modifikation bedarf, und zwar wahrscheinlich sowohl einer 
Erweiterung nach einigen Richtungen als auch einer Einschränkung 
nach anderen. Der gegenwärtige Aufsatz wird daher hauptsächlich als 
Ansporn zur ferneren Erforschung einer Reihe von interessanten 
Charakterzügen veröffentlicht. 



1) Die an viel mehr Fällen während zehn Jahren seit Niederschrift dieser 
Arbeit gewonnene Erfahrung hat die hier skizzierten Umrisse nur bestätigt, so daß 
sie gar keine Abänderungen erfuhren. 



Jones, Zur Psychoanalyse der christlichen Religion. 



DIE EMPFÄNGNIS DER JUNGFRAU 
MARIA DURCH DAS OHR 

Ein Beitrag zu der Beziehung zwischen Kunst und Religion 



EINLEITUNG 

Das Ziel der vorliegenden Abhandlung ist, durch die Analyse eines 
einzelnen Beispieles folgenden Satz zu beleuchten: Die nahe Beziehung 
zwischen Kunst und Religion entstammt der engen Verknüpfung ihrer 
beiden Wurzeln. Die Beziehung selbst, die auffallender bei den höheren 
Religionen ist, äußert sich auf mannigfache Weise: zuweilen gerade 
durch den diametralen Gegensatz der beiden, wie in dem ikonoklastischen 
Ausbruch Savonarolas oder der englischen Puritaner gegen die Kunst, 
aber häufiger durch ihre auffällige Vereinigung. Letztere zeigt sich 
bald positiv, wenn Kunst und Religion beim Gottesdienste zusammen- 
fließen (religiöser Tanz, Malerei, Musik, Gesang, Architektur; „die Werke 
des Herrn sind lieblich anzusehen", „Gott ist lieblich in seiner Heiligkeit" 
usw.), bald negativ, wenn dasselbe Gehaben als sündig oder als häßlich 
und verabscheuungswürdig verurteilt wird. 

Nun ist es wohl bekannt geworden, daß die letzten Quellen künstlerischer 
Schöpfungskraft in diesen Regionen der Psyche außerhalb des Bewußtseins 
liegen, und man kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß die 
Konzeptionen des Künstlers um so tiefer sein werden, je weiter ins 
Unbewußte er bei seiner Suche nach Inspiration gelangt. Ebenso ist es 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch, das Ohr 35 

allgemein bekannt, daß unter diesen letzten Quellen am wichtigsten 
psychosexuelle Phantasien sind. Künstlerische Schöpfung ist Ausdrucks- 
form für vieles, für Ehrgeiz, Mitleid, Sehnsucht nach idealer Schönheit 
usw. ; aber wenn man nicht die Grenze so weit ausdehnt, die Bewunderung 
für jede Art der Vollendung einzubeziehen, so hat es die Ästhetik doch 
hauptsächlich mit dem letzten der genannten Dinge, mit der Schönheit 
zu tun, und zwar in solchem Maße, daß man ästhetisches Gefühl 
definieren könnte als „das, was durch die Betrachtung der Schönheit 
erweckt wird". Nun zeigt eine Analyse dieses Strebens, daß eine seiner 
Hauptquellen eine Auflehnung gegen die roheren und abstoßenderen 
Seiten des materiellen Lebens ist, die psychogenetisch der Reaktion des 
Kindes gegen seine ursprünglichen exkrementellen Interessen entstammt. 
Wenn wir daran denken, in welcher Ausdehnung diese verdrängten 
koprophilen Tendenzen in ihrer sublimierten Form zu jeder Art von 
künstlerischer Betätigung beitragen, — zu Malerei, Skulptur und 
Architektur einerseits, zu Musik und Dichtkunst auf der anderen — so 
ist es klar, daß in dem Streben des Künstlers nach Schönheit die wichtige 
Rolle, die diese primitiven, infantilen Interessen einschließlich ihrer 
späteren Abkömmlinge spielen, nicht übersehen werden darf; die 
Reaktion gegen sie liegt dem Streben und ihre Sublimierung den 
Formen, die das Streben annimmt, zugrunde. 

Wenn wir auf der anderen Seite religiöse Betätigungen, Interessen 
und Riten auf ihre Wurzeln im Unbewußten zurückführen, so finden 
wir zwar, wie ich es für die Taufe gezeigt habe, 1 daß sie extensiven 
Gebrauch von demselben psychischen Material machen, von dem oben 
gesprochen wurde, daß sie sich aber von künstlerischen Schöpfungen 
besonders darin unterscheiden, daß die Hauptmotive nicht von dieser 
Sphäre, sondern von einer anderen Gruppe infantiler Interessen stammen, 
nämlich von den Inzestphantasien. 2 Auf den ersten Blick scheinen daher 
Kunst und Religion im ganzen verschiedene biologische Wurzeln zu 
haben. Aber Freuds Untersuchungen 5 haben gezeigt, — und das ist 
vielleicht eines der tiefstgehenden Resultate, — daß die kindliche 
Koprophilie als wesentlicher Bestandteil der noch undifferenzierten 

1) Imago, I. Jahrg. \1912), S. 369,465. (Die Bedeutung des Salzes in Sitte und 
Brauch der Völker.) 

2) Freud, Totem und Tabu, Ges. Schriften, Bd. X. 

5) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Schriften, Bd. V. 

5" 



7.Q Eriiest Jones 



kindlichen Sexualität angehört und somit einen hervorragenden Teil 
des autoerotischen Stadiums ausmacht, das der inzestuösen Objektliebe 
vorangeht. Von diesem Standpunkte aus erhalten wir eine tiefere 
Einsicht in das vorliegende Thema und eine befriedigende Erklärung 
des Problems; denn da künstlerische und religiöse Betätigungen 
einfach von verschiedenen Komponenten eines biologisch einheitlichen 
Triebes stammen, von Komponenten, die an ihren Wurzeln unzertrennbar 
miteinander verwoben sind, wird es durchaus verständlich, daß sie auch 
in ihren entwickelten Formen in naher Beziehung zueinander stehen. 



II 

DIE LEGENDE VON DER EMPFÄNGNIS DER 
JUNGFRAU MARIA DURCH DAS OHR 

Ein heute oft vergessener, aber in den Legenden und Traditionen 
der katholischen Kirche erhaltener Glaube besteht darin, daß die 
Empfängnis von Jesus Christus durch das Ohr der Jungfrau Maria 
stattfand, indem der Atem des Heiligen Geistes dort hineindrang. Ich 
weiß nicht, ob dies noch jetzt zu den offiziellen Lehren der Kirche 
gehört, aber in früheren Zeiten wurde es nicht nur von zahlreichen 
Malern religiöser Motive dargestellt, sondern auch viele Kirchenväter 
und zumindestens einer der Päpste, nämlich Felix, hielten daran fest. 
St. Augustin schreibt :' Deus per angelum loquebatur et Virgo per aurem 
impracgnebatur, St. Agobard: 2 Descendit de coelis missus ab arce patris, 
introivit per aurem Virginis in regionein nostram indutus stola purpurea 
et exivit per auream portam lux et Deus universae fabricae mundi, und 
St. Ephrem von Syrien: 3 Per novam Mariae aurem intravit atque infusa 
est vita. 

Ähnliche Stellen könnten aus verschiedenen anderen Kirchenvätern 
zitiert werden, wie St. Proclus, St. Ruffinus von Aquileja u. a. In dem 
Brevier der Maroniten liest man: Vc.rbum patris per aurem benedictae 

i) Sermo de Tempore, XXII. 

2) De Gorrectione antiplionarii, Cap. VIII. 

3) De Divers. Serm. I. Opp. Syr., Vol. III, p. 607. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 57 



intravit, und ein Hymnus, > den einige dem heiligen Thomas a Beckett 
andere dem heiligen Bonaventura zuschreiben, enthält folgende Verse: 

Gaude, Virgo, mater Christi, 
Quae per aurem concepisti, 

Gabriele nvntio. 

Gaude, quia Deo pleno. 
Peperisti sine pena 

Cum pudoris lilio. 

Zahlreiche Versionen dieser Verse waren im Mittelalter in Umlauf; 
Langlois 2 zitiert folgende aus dem 17. Jahrhundert: 

Kejouyssez-vous, Vierge, et Mere bienkeureuse, 
Qui dans vos chastes flancs conceutes par l'ouyr, 
L' Esprit- Sriinct operant d'un tres-ardent desir, 
Est VAiige l'annoncant d'une voix amoureuse. 

Das Ereignis wurde von den religiösen Künstlern des Mittelalters oft 
dargestellt, z. B. auf einem Gemälde Filippo Lippis im Kloster San Marco 
in Florenz, auf einem Gaddis in der Kirche Santa Maria Novella und 
auf einem von Benozzo Gojizoli auf dem Campo Santo in Pisa; auf 
einem alten Mosaik in Santa Maria Maggiore in Rom — es existiert 
nicht mehr 5 — sah man die heilige Taube beinahe in das Ohr der 
Madonna eingehen. In dem erstgenannten Werke geht die Taube von 
der rechten Hand des Vaters aus, in letzterem von seinem Busen; 
typischer ist es aber, wenn, wie in dem Gemälde von Simone Martini, 
das hier reproduziert ist* und sogleich ausführlicher behandelt werden 
wird, die Taube von dem Munde des Vaters ausgeht. Sie kann entweder 
einen Teil von des Vaters Atem bilden, als wäre sie eine konkrete 
Verdichtung desselben, oder sie kann ihrerseits wieder Atem von sich 
ausgehen lassen ; für letzteres finden sich drei Beispiele im Bargello in 
Florenz, von Verrocchio und von den Della Robbias; auch auf 
einem Gemälde der Ferrara-Schule in der Wallace- Sammlung in London, 
wie auf einem Gemälde von Martini ist dasselbe zu sehen. 

Die Verbindung zwischen dem befruchtenden Atem der Taube und 
dem Kinde, das empfangen werden soll, tritt deutlich zutage in einer 



1) Bodley, MS., Latin Liturgy, X. Fol. 91 vo. 

2) Langlois, Essai sur la Peinture sur Verre, 1852. S. 157- 

3) Gori, Thesaurus. Tab. XXX, Bd. III. 

4) S. Bild. 






J 



3« 



Ernest Jones 



alten Täfelung, die sich in der Kathedrale von St. Leu befand; 
Langlois 1 gibt folgende Beschreibung davon: „Du bec du St.-Esprit 
laülissait un rayon lumineux aboutissant ä Voreüle de Marie, dans laquelle 
descendait s'introduire, dlrige par ce meine rayon, im tres-jeune enfant 
tenant une petite croix." Auf einem ähnlichen Gemälde vom Meister 
des Marienlebens im Germanischen Museum in Nürnberg sieht man das 
Kind längs eines Lichtstrahls herabsteigen. Wir bemerken, daß es hier 
ein Lichtstrahl ist, der von dem Munde der Taube ausgeht, an Stelle 
des angemesseneren Atems. Diese Gleichstellung von strahlenförmigem 
Atem und Lichtstrahlen ist eine interessante Tatsache, zu der wir später 
noch zurückkehren werden. Teilweise mag die größere technische 
Leichtigkeit, mit welcher der Maler Lichtstrahlen darstellen kann, 
bestimmend gewesen sein, aber diese Gleichstellung ist auch theologisch 
begründet, denn sie ist der Lehre der monophysitischen Kirchen von 
Armenien und Syrien (die sich im 5. Jahrhundert von der byzantinischen 
Kirche abgespalten haben) verwandt; diese lehren, daß der Körper von Jesus 
aus der Ausstrahlung des Himmelslichtes hervorgegangen, aus ätherischem 
Feuer gemacht sei und weder eine feste Struktur noch körperliche 
Funktionen habe. Ein anderes Beispiel liefert die Glasmalerei eines alten 
Fensters, das sich früher in der Sakristei der Kathedrale von Pistoja 
befand 2 und gleichfalls Strahlen zeigt, die von dem Munde der Taube 
ausgehen und einen Embryo gegen das Haupt der Madonna tragen. 
Über der Malerei stehen die Verse: 



Gaude Virgo Mater Christi, 
Quae per Aurerti concepisti. 

Auf einer Skulptur — jetzt im Fränkischen Luitpoldmuseum 3 — sieht 
man ein kleines Kind ein Kreuz tragen; es steht mitten im Atem des 
Vaters und strebt nach dem rechten Ohr der Jungfrau hin; die Taube 
steht hier abseits zur rechten Seite des Kopfes. Das Vorkommen des 
Kindes in diesem Stadium wurde von der katholischen Kirche als 
ketzerisch erklärt; denn es widersprach dem Glauben, daß es den Körper 
von der Jungfrau Maria bekam, und erst so wirklich Mensch wurde. 

Als Gegenstück zu dem Gemälde Martinis, wo die heiligen Worte 

1) Langlois, loc. cit. 

2) Cicognara, Storia della Scultura, 1815—1818, Bd. I, S. 524. 

3) Nr. 6 Portalstein der Hauskapelle des Hofes Rödelsee in Würzburg 1484. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 5g 



„Ave Gratia pleno, dominus tecum" so gezeichnet sind, daß sie von 
Gabriels Lippen zum Ohre der Madonna gehen und daher mit dem 
Atem der Taube zusammentreffen, mag ein dem 12. Jahrhundert 
angehörendes Altarstück aus Klosterneuburg 1 von Nicolas Verdun erwähnt 
werden, auf dem zwei Strahlen von den Fingerspitzen, von Gabriels 
rechter Hand ausgehend, gegen das Ohr der Jungfrau Maria gerichtet 
sind; daß die Lichtstrahlen auf etwas ungewöhnliche Weise, nämlich 
im Ohr endigen, zeigt die Stärke der Grundidee, d. h. der Vorstellung, 
daß die Empfängnis durch den Eintritt des Atems — hier ersetzt durch 
sein symbolisches Äquivalent, die Lichtstrahlen — ins Ohr stattfindet. 
In den folgenden Jahrhunderten erhoben sich viele Diskussionen 
über die heiklen Fragen, die Art der Geburt des Heiligen Kindes 
betreffend; ob es den Leib seiner Mutter auf dem natürlichen Weg 
verlassen habe oder zwischen ihren Brüsten herausgekommen sei, ob die 
.lungfernhaut zerrissen wurde, und wenn ja, ob ihre Unverletztheit 
später wieder hergestellt worden sei und so fort. 2 Es liegt jedoch nicht 
in unserer Absicht, diese Dinge hier zu besprechen, da wir unsere 
Aufmerksamkeit auf das Anfangsstadium des Vorganges beschränken 

wollen. 

Diese merkwürdige, aller menschlichen Erfahrung so fremde Vorstellung 5 
über die Empfängnis erregt den Wunsch, ihren Sinn zu erforschen, 
denn sie stellt offenbar den symbolischen Ausdruck einer dunklen 
Vorstellung dar und nicht die buchstäbliche Beschreibung eines 
tatsächlichen Vorkommens. Lecky 4 behauptet, daß sie „natürlich durch 
die Benennung Logos angeregt" sei, aber wir haben Ursache, daran 
zu zweifeln, ob durch diese rationalistische Erklärung nicht die wirkliche 
Reihenfolge in der Entstehung der beiden Ideen umgekehrt wurde. 

Unser Interesse wächst noch, wenn wir vernehmen, daß diese Sage 



1) Arneth, Das Niello-Antipendium zu Klosterneuburg 1844, S. 11. 

2) Siehe Guillaume Herzog, La Sainte Vierge dans l'Histoire 1908, chap. 3, 
La Virginite „in partu", pag. 58 — 51. 

5) So fern von aller menschlichen Erfahrung, daß Moliere sie dazu benützt, 
um die äußerste Grenze der Unwissenheit auf sexuellem Gebiet zu bezeichnen. 
In der „Ecole des femmes" läßt er Anolphe sagen, daß Agnes ihn gefragt habe 

Avec une innocence ä nulle autre pareille, 

Si les enfants quon fait se faisoient par Vorritte. 

4; Lecky, History of the Rise and Influence of the Spirit of Rationalisme 
in Europe, Cheaper Edition. Vol. I, pag. 212. 



«► 



40 



Ernest Jones 



keineswegs dem Christentum allein eigen ist, wenn sie auch vielleicht 
hier ihre ausgeprägteste Form erhalten hat. Wir können hier etwas von 
unseren späteren Erörterungen vorwegnehmen und die Legende von 
Chigemouni, dem mongolischen Heiland, erwähnen, der Mahaenna 
oder Maya, die vollendetste Jungfrau der Erde, erkor und sie schwängerte, 
indem er, während sie schlief, in ihr rechtes Ohr eindrang. 1 Wir 
werden auch sehen, daß bei einer Zerlegung der Marienlegende in ihre 
Elemente für jedes derselben reichliche Parallelen aus nicht christlichen 
Quellen angeführt werden können und daß die wichtigsten eine fast 
universelle Verbreitung und Bedeutung zeigen. Es ist daher sicher, 
daß wir es nicht einfach mit einem lokalen Problem frühchristlicher 
Theologie, sondern mit einem Gegenstande von allgemein menschlicher 
Bedeutung zu tun haben. 

Aus Bequemlichkeitsgründen will ich den Gegenstand teilen und 
versuchen, die folgenden Fragen der Beihe nach zu beantworten: Warum 
ist die schöpferische Materie als vom Munde ausgehend dargestellt und 
warum speziell als Atem? Warum ist es eine Taube, die sie übermittelt? 
Und warum ist gerade das Ohr das empfangende Organ? 



III 



ATEM UND BEFRUCHTUNG 



In anthropologischer, mythologischer und individueller Symbolik 
— Beispiele sind in der Literatur so häufig, daß ich sie hier nicht 
anzuführen brauche — hat der Mund öfters weibliche Bedeutung, da 
er von Natur aus geeignet ist, ein empfangendes Organ darzustellen. 
Doch macht es seine Fähigkeit, Flüssiges von sich zu geben (Speichel, 
Atem), und der Umstand, daß er die Zunge enthält, dessen Bedeutung 

1) Nork, Biblische Mythologie 1843, Bd. II, S. 64. Jung (Jahrbuch, Bd. IV, 
S. 204) stellt die interessante Behauptung auf, für die er allerdings keine Gewährs- 
männer anführt, daß der mongolische Buddha aus dem Ohre seiner Mutter 
geboren wurde; die Berichte, die ich gelesen habe, sagen im Gegenteil, daß er 
durch das Ohr empfangen, aber durch den Mund geboren wurde. Auf einer 
seidenen Fahne, die um 1100 vor Chr. gemalt und kürzlich in der Höhle der 
jooo Buddhas entdeckt wurde, ist das erste Auftauchen des Kindes im Ärmel 
seiner Mutter dargestellt. (S. Stein, Ruins of Desert Catay, 1912, vol. II, pag. 199.) 
Herrn Alfred Ela aus Boston bin ich für den freundlichen Hinweis auf diese 
Tatsache zu Dank verpflichtet. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr, 41 



sogleich erörtert werden soll, möglich, ihn auch eine männliche Öffnung 
darstellen zu lassen; besonders das Spucken ist im Folklore eine sehr 
gebräuchliche Symbolik für den männlichen Sexualakt (daher z. B. die 
englische Redensart „the very spit of his father"). 

Die Vorstellung vom Atem, der das Leben hervorruft, ist uns aus 
den Stellen des Alten Testaments vertraut: „Und Gott der Herr machte 
den Menschen aus einem Erdenkloß und er blies ihm ein den lebendigen 
Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele. 
(Genes. II, 7.) „Der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht 
und all sein Heer durch den Geist seines Mundes." (Psalmen, 
XXXIII, 6.) Die mohammedanische Tradition leitet die wunderbare 
Empfängnis der Jungfrau Maria davon ab, daß der Engel Gabriel den 
Busen ihres Gewandes geöffnet und ihren Leib angehaucht habe. * Eine 
der verschiedenen Legenden über die Geburt der Aztekengottheit 
Quetzalcoatl berichtet, Tonacatecutli, der Herr des Seins, sei der Chimalma 
erschienen und habe sie angehaucht, wodurch die Empfängnis des 
göttlichen Kindes erfolgt sei. 2 

Ferner hat der Atem eine außerordentlich wichtige Rolle in Religion 
und Philosophie gespielt, in den niedrigsten wie in den höchsten 
Glaubensformen der Menschheit. Im Brahmanismus wurde er in aller 
Form mit dem ewigen Wesen identifiziert 3 und auf der ganzen Welt 
bildete er eine der Hauptkomponenten für die Vorstellung von der 
Seele (Hauchseele). + 

Wenn wir nun nach der Quelle der besonderen Bedeutung forschen, 
die unserem Gegenstande (dem Atem) zugeschrieben wurde, so kann 
unsere Frage fast überflüssig erscheinen, denn man wird sagen, daß 
die Wichtigkeit, die dem Atem beigelegt wird, sich aus der Tätigkeit 
selbst ergibt. Den Atem als Symbol für die Essenz des Lebens zu 
wählen, wird als natürlich und angemessen empfunden. Keine wahrnehm- 
bare Äußerung ist wesentlicher für das Leben als atmen und ihr Mangel 
ist das einfachste und primitivste Zeugnis des Todes ; die geheimnisvolle 



1) Säle, Koran, 1754, Note zu Kapitel XIX, zitiert verschiedene arabische 
Autoren. 

2) Bancroft, The Native Races of the Pacific States of North America, 
1876, Bd. III, S. 271. Siehe auch Preuß, Globus, Bd. LXXXVI, S. 502. 

5) Deussen. The Philosoph}- of the Upanishads, 1906. S. 59, 110. 
4) Wundt, Völkerpsychologie. Bd. II, „Mythus und Religion", 1906, zweiter 
Teil, S. 4.2 u. ff. 



42 



Kniest Jones 



Unsichtbarkeit des Atems findet ein entsprechendes Gegenstück in der 
der Seele. 

Doch hat die Psychoanalyse schon oft die Erfahrung gemacht, daß 
unser Gefühl mancherlei Tatsachen für selbstverständlich und keiner 
Erklärung bedürftig hält, — die infantile Amnesie liefert eines der 
schlagendsten Beispiele dafür — und dann nichtsdestoweniger entdeckt, 
daß hinter dieser Indifferenz die wichtigsten Probleme liegen, gerade 
dort, wo man überhaupt kein Problem vermutete. Durch solche Erfahrungen 
gewitzigt, sollten wir also nicht damit zufrieden sein, die landläufige 
Auffassung der seelischen Phänomene anzunehmen, solange nicht eine vor- 
urteilsfreie Prüfung der Tatsachen ihre Richtigkeit bestätigt hat. 
Bei unserem Problem ist das, meiner Ansicht nach, nicht der Fall. 
Trotz der eben erwähnten einleuchtenden Erwägungen soll hier die 
Behauptung aufgestellt werden, daß die gewöhnlichen, oben wieder- 
gegebenen Schlußfolgerungen die gestellte Frage nur teilweise beant- 
worten und daß viel von der Bedeutung, die dem Atem zukommt, 
ursprünglich einer fremden Quelle entstammt. Mit anderen Worten, 
ich behaupte, daß wir hier ein Beispiel für den häufigen Prozeß der 
Verschiebung haben, indem verschiedene Affekte, die ursprünglich einer 
anderen Vorstellung angehörten, sekundär mit der des Atems ver- 
bunden wurden. 

Aus zwei Gründen wage ich es, von der allgemein angenommenen 
Ansicht über diesen Punkt abzuweichen: 1) Weil diese mir auf einer 
falschen Einschätzung der Wichtigkeit zu beruhen scheint, die normaler- 
weise der Vorstellung des Atems zukommt; 2) weil sie in offenbarem 
Widerspruche zu den Prinzipien der Psychogenese steht. Wenn man die 
fragliche Vorstellung zum Mittelpunkt einer ausgebildeten Religion, 
Philosophie oder Weltanschauung macht, wie es mehrfach geschehen 
ist, nimmt man, wie mir scheint, einen Grad von primärem Interesse 
dafür an, wie es außer im Zeitpunkte einer Todeskrankheit nicht ange- 
nommen werden kann. Und wenn wir das Unbewußte, die Quelle so vieler 
religiöser und philosophischer Ideen, untersuchen, so finden wir, daß 
die Atemvorstellung darin viel weniger Wichtigkeit besitzt als im Be- 
wußten und einen ganz untergeordneten Rang einnimmt. In vielen 
Fällen neurotischer Symptome z. B. steht wohl der Vorgang des Atmens 
und Sprechens im Mittelpunkt, aber die Analyse zeigt immer, daß die 
ursprüngliche Bedeutung des Vorgangs durch fremde Faktoren über- 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 



45 



determiniert wurde. Man mag wohl Grund zur Annahme haben, daß 
bei einer umfassenderen Anwendung der Libidotheorie auf somatische 
Prozesse, gemäß den von Ferenczi gewiesenen Richtlinien, der 
Atmungsprozeß eine kaum zu überschätzende Bedeutung annehmen 
könnte; aber es besteht zum wenigsten bis jetzt kein hinreichender 
Anhaltspunkt dafür, daß ein irgend ernsthafter Anteil des geistigen 
Interesses an diesem Akte von seiner organischen Wichtigkeit herrühre. 
Ferner ist es ein psychogenetisches, jetzt durch eine ausgebreitete Er- 
fahrung gestütztes Gesetz, daß eine Vorstellung im Leben des Erwachsenen 
nur wichtig werden kann, indem sie sich mit einer früheren, in die 
Kindheit reichenden Ideenkette verbindet und diese verstärkt, und daß 
vieles oder sogar das meiste der psychischen Bedeutung, die sie abgesehen 
von ihrer eigentlichen hat, daher stammt. So können wir, wann immer 
wir eine Vorstellung finden, die sich nur aus dem Leben des Erwachsenen 
herschreibt, sicher sein, daß sie viel mehr vertritt als sich selbst, nämlich 
frühere Gruppen bedeutsamer Ideen, mit denen sie assoziiert wurde. 
Diese Überlegungen sind viel allgemeiner anwendbar und ihre Bedeutung 
sollte daher viel mehr beachtet werden bei Vorstellungen, die die An- 
passung an die Welt der innern, psychischen Realität betreffen, als bei 
solchen, die sich an die Verarbeitung der äußeren Welt der physischen 
Realität knüpfen. Religiöse und philosophische Ideen wie die hier 
erörterten und somit auch die, die sich mit der Atmung befassen, 
gehören natürlich in die erste Kategorie. Nun muß man für unseren 
Fall zugeben, daß die psychische Bedeutung dem Atem größtenteils erst 
relativ spät im Leben zugeteilt wird, denn dem kleinen Kind kommt 
der Akt, den es automatisch ausführt, und der ebensowenig sein Interesse 
hervorruft wie der Herzschlag, gewöhnlich nicht zum Bewußtsein ; auch 
im Falle von Atembeschwerden bei Krankheiten sind es streng genommen 
eher die Schmerzempfindungen (präcordiale), denen die Wichtigkeit zu- 
kömmt, als die Vorstellung von der Atemtätigkeit. Dieses ganze Argument 
wird vielleicht diejenigen nicht überzeugen, die nicht durch psycho- 
analytische Erfahrung eine klare Vorstellung von dem ontogenetischen 
Alter unserer Affektprozesse besitzen, bei denjenigen aber, die sie haben, 
muß es meiner Meinung nach beträchtlich ins Gewicht fallen. 

Um die mannigfachen Affekte, die im späteren Leben die Vorstellung 
vom Atem oder irgend eine andere Vorstellung begleiten, auf ihren Ursprung 
zurückzuführen, ist es nötig, eingehende individualpsychologische Unter- 



W'i 

ai 



44 



Ernest Jones 



suchungen zu machen und die vielfachen Verschiebungen festzustellen, 
die während der psychischen Entwicklung stattgefunden haben. Wenn 
dies geschehen ist, findet man, wie ich vor einiger Zeit dargelegt 
habe, 1 daß ein großer Teil des Interesses und Affektes, die dieser Vor- 
stellung anhaften, eigentlich von einer anderen ausgestoßenen Luft 
herstammen, nämlich von den Gasen, die bei der intestinalen Zersetzung 
entstehen. Diese Schlußfolgerung mag auf den ersten Blick abstoßend, 
höchst unwahrscheinlich und überdies unnötig erscheinen, aber ihre 
Richtigkeit wird nicht nur durch die vorhergehenden theoretischen 
Erwägungen und die Ergebnisse der Analysen von einzelnen gestützt, 
sondern auch durch Beobachtungen von sehr bestimmter Überzeugungs- 
kraft. Psychoanalytische Forschung hat gezeigt, daß Kinder von Anfang 
an dem betreffenden Akt, wie es für alle exkrementeilen Funktionen 
feststeht, viel größeres Interesse entgegenbringen, als gewöhnlich an- 
genommen wird, 2 und daß sie geneigt sind, ihm in verschiedener 
Beziehung große Bedeutung zuzuschreiben ; ferner, daß viel von diesem 
Interesse und dieser Bedeutsamkeit in späteren Jahren auf andere, 
assoziierte Vorstellungen verschoben wird. Von diesem Gesichtspunkte 
aus wird die große Rolle, die der Gegenstand in Kinderscherzen und 
auch in den verblümteren späterer Jahre 3 spielt, verständlicher. Man 
braucht kaum hinzuzufügen, daß der größte Teil des infantilen Interesses 
an dieser Vorstellung wegen ihres abstoßenden Inhalts im Unbewußten 
begraben wird und die an sie geknüpften Phantasien vergessen werden. 
Eine dieser Phantasien, die eine besondere Beziehung zu dem Haupt- 
thema unserer Arbeit hat, besteht in der Identifizierung dieses Inhaltes 
mit den sexuellen Ausscheidungen. In ihren ersten Bemühungen um 
das Problem der Beteiligung des Vaters an der Kindererzeugung hegen 
viele Kinder den Glauben, auf den ich an anderer Stelle aufmerksam 
machte, 4 der von ihren Eltern vollzogene Sexualakt bestehe darin, daß 

1) Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd. IV, S. 588 ff. 

2) Es darf nicht vergessen werden, daß dieses Interesse eine Kundgabe des 
sexuellen Triebes ist. Für die infantile Sexualität spielt aber der Atem gewiß 
keine erhebliche Rolle, wohl aber der Flatus. 

3) Vgl. die Bände von Kranß' Anthropophyteia. Viele Komiker im Variete 
machen nahezu unverhüllte Anspielungen, meist untermalt von der Musik. 

4) Zentralblatt für Psychoanalyse, Jahrg. I, S. 566. Im IV. Bande des Jahr- 
buches der PsA. (S. 565) wurde ein genauer Bericht über einen der Fälle gegeben, auf 
die sich die Schlußfolgerung gründete. Die Erklärung wurde später, und zwar 
unabhängig, durch Reitler bestätigt (Zentralblatt für PsA., Jahrg. II, S. 114) 






Die Empfängnis der Jungfrau. Maria durch das Ohr 45 



Gase vom Vater in die Mutter gelangen, ebenso wie andere Kinder 
meinen, er bestehe in dem gemeinsamen Urinieren. Einige Kinder, 
wohl die Minderzahl, gehen noch weiter und verknüpfen damit das 
Anschwellen des Leibes ihrer Mutter während der Schwangerschaft, 
wobei ihnen die an sich selbst gemachte Erfahrung, daß der Unterleib 
infolge von schlechter Verdauung oder Darmstörungen anschwillt, zum 
Ausgangspunkte ihrer Zeugungsphantasien dienen mag. 1 Der Einwand, 
daß diese Erklärung gekünstelt sei oder sich zumindest nur für unsere 
heutige Zivilisation anwenden lasse, läßt sich sogleich durch die Erwähnung 
einer einzigen Entsprechung aus dem Altertum widerlegen. Im Satapatha- 
Brähmana 2 und an verschiedenen anderen Stellen der vedischen Schriften 
wird nämlich geschildert, wie der Herr des Seins, Pragapati, der die ursprüng- 
lichen Götter durch den „aus- (und ein-) strömenden Hauch seines Mundes" 
geschaffen hatte, weiter die ganze Menschheit schuf, durch den „abwärts 
gerichteten Hauch, der von seinem Hinterteil (jaghanat) ausging" ; die 
Identität zwischen den kosmogonischen und den infantilen Schöpfungstheo- 
rien wurde von Rank 3 eingehend dargelegt. 

Es wird wohl am bequemsten sein, an diesem Punkte die Aus- 
einandersetzung dadurch fortzuführen, daß wir die natürlichen Asso- 
ziationen, die zwischen den beiden expiratorischen Gasen bestehen, 
zergliedern und jeder von ihnen, allerdings mehr oder weniger künstlich, 
verschiedene Erörterungspunkte unterordnen. Die Luft, die aus dem 
Körper ausgestoßen wird, sei es nun nach aufwärts oder nach abwärts, 
hat folgende Attribute: Blasende Bewegung, Geräusch, Unsichtbarkeit, 
Feuchtigkeit, Wärme und Geruch. 

i) In einer Kritik über die vorliegende Abhandlung (Arch. de Psychologie, 
t XVII p. 64-66) hält Larguier des Bancels dafür, daß meine Folgerungen 
sebrismt sur un point capital. Er zitiert die äußerst zweifelhaften Schlußfolgerungen 
Hartlands und kommt zu dem Ergebnis, daß vielen wilden Rassen jeder 
Zusammenhang zwischen sexuellem Verkehr und Befruchtung fremd ist und fragt, 
wie man kleinen Kindern einen größeren Scharfblick in dieser Hinsicht zumuten 
könne als erwachsenen Wilden. Meine Antwort ist, daß ich beiden größeren 
Scharfblick zumute, als es mein Kritiker tut. Daß, ganz abgesehen vom tatsächlichen 
Wissen, kleine Kinder gewöhnlich glauben, die Zeugung eines Kindes hänge von 
irgendeinem imbekannten Vorgang zwischen den Eltern ab, mag für ihn eine 
Neuigkeit sein, — mir aber und allen anderen, die eine detaillierte Erfahrimg 
mit der kindlichen Seele haben, ist es eine bekannte Tatsache. 

2) X. Kända, I, 5, 1 und VI. Kända, I, 2, 11. 

3) Otto Rank, „Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexual- 
theorien". Psychoanalytische Beiträge z. Mythenforschung, 2. Aufl. S. 45fr. 



4 6 



Kniest Jones 



i) Blasende Bewegung 

Die kindliche Vorstellung, daß der abwärts gehende Hauch, um die 
züchtige Ausdrucksweise der vedischen Schriftsteller anzuwenden, ein 
Befruchtungsprinzip sei, wurde, wie leicht zu erwarten war, häufig auf 
den Wind ausgedehnt. Es ist bezeichnend, daß dieser Glaube in jedem 
Teile der Welt, von Australien bis Europa, nachgewiesen werden kann. 
Das bekannteste Beispiel ist vielleicht die Sage von Hera, die durch 
den Wind befruchtet wurde und den Hephaistos empfing. In der 
Algonkin-Mythologie schwängert Mudjekeewis, der Westwind und Vater 
der anderen Winde, die Jungfrau Wenonah, die dann mit dem Helden 
Michabo schwanger wird, der uns besser unter dem Namen Hiawatha 1 be- 
kannt ist. In Longfellows wohlbekannter Dichtung dieses Namens 
wird die Werbung in Ausdrücken beschrieben, die die symbolische 
Äquivalenz von Wind, Licht, Sprache, Geruch und Musik, von der 
später die Rede sein wird, anzeigen. 

Und er freite um sie zärtlich: 
Freit' um sie mit sonnigem Lächeln, 
Freit' um sie mit Schmeichelworten, 
Mit den Seufzern und mit Singen, 
Sanftem Flüstern in den Zweigen, 
Zartem Klang und süßen Düften. 

Die Minahasser von Celebes glauben, daß sie in der Urzeit von 
einem Mädchen stammten, die gleichfals durch den Westwind befruchtet 
wurde. 2 Die Arunta von Zentralaustralien halten noch immer daran fest, 
daß bisweilen ein Sturm aus dem Westen böse ratapa oder Kinderkeime 
mit sich bringt, die in den Leib der Frauen einzudringen suchen : 
wenn der Sturm naht, fliehen die Frauen laut schreiend unter das 
Obdach ihrer Hütten, denn wenn sie auf diese Weise befruchtet werden, 
so müssen sie Zwillinge gebären, die kurz nach der Entbindung sterben. 5 
Obwohl dieser Glaube zumeist den Westwind betrifft, können auch 
andere Winde gelegentlich diese Rolle spielen. So wird in der Luang- 



Brinton, American Hero-Myths, 1882, S. 47. 

2) Schwarz, Internationales Archiv für Ethnographie, Bd. XVIII, S. 59. 

5) Strehlow, Die Aranda- und Loritja-Stamme in Zentralaustralien, 1907, 

14. 



/ 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 47 



Sermata-Inselgruppe der Molukken der Ursprung der Menschen auf eine 
„Himmelsfrau" zurückgeführt, die herabstieg und vom Südwinde be- 
fruchtet wurde; 1 ihre Kinder konnten in den Himmel gelangen, bis 
der Herr, die Sonne, es verbot (die ontogenetische Bedeutung liegt auf 
der Hand). Im finnischen Nationalepos Kalevvala wiederum wird die 
Jungfrau Ilmatar vom Ostwinde befruchtet und gebiert den Zauberer 
Väinamöinen; es ist durchaus angemessen, daß dieser nicht allein die 
Harfe erfand und das Feuer entdeckte, sondern auch der Lehrer der 
Menschheit in Dichtkunst und Musik 2 wurde. In der ähnlichen, in 
Singapore und im indischen Archipel 3 bekannten Legende von Luminu- 
ut wird nicht berichtet, welcher Wind verantwortlich war. In der 
klassischen Zeit wurde dieser Glaube besonders mit dem Frühlingswinde, 
Zephyrus oder Flavonius, verknüpft, der z. B. mit Aurora Euphrosyne 
zeugte, und es ist sehr wahrscheinlich, daß die Floralien ebenso eine 
Anbetung dieses Windes als der Blumen in sich schlössen. Ovid 4 be- 
schreibt, wie Chloris, die bei den Römern Flora hieß, von Zephyr 
geraubt wurde. Weit verbreitet sind auch die Überlieferungen, wonach 
in ganzen Gegenden, besonders Inseln, die Bewohner vom Winde her- 
stammen oder ihre Frauen nur durch diesen schwanger werden. Im 
frühen klassischen Altertum erzählte man dies von Zypern und noch 
im vergangenen Jahrhundert glaubten es die Einwohner von Lampong 
auf Sumatra von der benachbarten Insel Engano. 5 Die mohammedanische 
Tradition erzählt von einer voradamitischen Rasse, die durch den Wind 
geschwängert wurde (nur mit Töchtern), und auch von einer auf die- 
selbe Art von Frauen bevölkerten Insel. 6 Auch die Binhyas in Indien 
behaupten, vom Winde abzustammen. 7 In einem interessanten Gedicht 
von Eduard M ö r i k e, „Jung Volkers Lied" betitelt, wird der Zusammen- 
hang zwischen diesem Glauben und der Neigung, das männliche Ge- 
schlecht zurückzustoßen, klar gezeigt. Wahrscheinlich entspringt jeder 



1) Riedel, De Sluiken Kroesharige Rassen tusschen Selebes en Papua, 1886, 

2) Abercromby, The Pre- and Protohistoric Finns, 1898, Bd. I, S. 316,. 

518, 322. 

3) Bab, Zeitschrift für Ethnologie, 1906, Jahrg. 58, S. 280. 
4,) Ovid, Fasti, V, 195—202. 

5) Mars den, The History of Sumatra, 1811, S. 297. 

6) L'Abrege des Merveilles" Tradiiit de l'Arabe par De Vatvx, 1898, S. 17, 71. 

7) Saintyves, Les Vierges Meres, 1908, S. 145. 



48 



Er n est Jones 



Glaube an eine wunderbare Empfängnis dem Wunsch des Knaben, den 
Vater von allem, was mit seiner Geburt zusammenhängt, auszuschließen: 

Und die mich trug im Mutterleib, 
Und die mich schwang im Kissen, 
Die war ein schön frech braunes Weib, 
Wollte nichts vom Mannsvolk wissen. 

Sie scherzte nur und lachte laut 
Und ließ die Freier stehen: 
„Möchf lieber sein des Windes Braut, 
Denn in die Ehe gehen!" 

Da kam der Wind, da nahm der Wind 

Als Buhle sie gefangen: 

Von dem hat sie ein lustig Kind 

In ihren Schoß empfangen. 

Begreiflicherweise wurde derselbe Glaube in analoger Art auch 
auf Tiere ausgedehnt. Freud hat uns 1 an die alte Vorstellung erinnert, 
daß die Geier gleich den oben erwähnten Inselbewohnern alle weib- 
lichen Geschlechtes seien und dadurch befruchtet würden, daß sie ihre 
Genitalien dem Winde preisgäben; das galt so sehr als Tatsache, daß 
Origines sich darauf berief als Stütze für die Glaubwürdigkeit der Lehre 
von der Geburt Christi durch eine Jungfrau. Auch war der Geier nicht 
der einzige Vogel, von dem man glaubte, daß er auf diese Weise be- 
fruchtet würde; in Samoa erzählte man dasselbe von den Schnepfen 2 und 
Aristoteles^ sowohl wie Plinius 4 berichten uns, das Rebhuhn könne 
geschwängert werden, wenn es bloß dem Männchen gegenüber stehe 
und der Wind vom Männchen zum Weibchen hinwehe. 5 Der heilige 
Augustin 6 erzählt im Ernst von der Befruchtung der kappadokischen 
Stuten durch den Wind, Virgil" berichtet dasselbe von den böotischen 
und Plinius 8 von denen Lusitaniens. In neuere r Zeit findet sich dieser 

R , 1 } Y F \ e U d ' Eine Ki "dheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Ges. Sehr., 
üu. XA, i>. 400. 

3) Aristoteles, Hist. Anim., V, 4. 

4) Plinius, Hist. Nat., X, 51. 

5) S. a. Plutarch, Moralia. Lib. VIII, Art. I, Par. s 

6) St. Augustinus, Civ. Dei, XXI, 5. 

7) Virgil, Georgika, III, 266-276. 

8) Plinius, Hist. Nat., VIII, 67. 






. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 



49 



Glaube nur in poetischen Gleichnissen, wie in der folgenden, Shake- 
speare entnommenen Stelle: 1 

Sah'n nach den Handelsschiffen auf der Flut 
Und lachten, wenn vom üpp'gen Spiel des Windes 
Der Segel schwangrer Leib zu schwellen schien. 
Dies ahmte sie, mit kleinen Schritten wankend 
(Ihr Leib trug damals meinen kleinen Junker), 
Aus Torheit nach und segelt auf dem Lande. 

Nicht nur wurden der äußeren Luft, meist in der Gestalt des 
Windes, lebenschaffende Kräfte zugeschrieben, sondern ihre Identifizierung 
mit dem Prinzip des Lebens und der Schöpfung überhaupt ist weit 
verbreitet. Einiges wird später über die außerordentlich große Rolle 
gesagt werden, die sie in der indischen und griechischen Philosophie 
spielte; dort erhob man sie nämlich zum Atem und der Wesenheit von 
Gott selbst, zum wichtigsten Substrat alles materiellen und geistigen 
Seins, zur Quelle alles Lebens und aller Betätigung, zum Urprinzip 
des Universums usw. Ein Blick auf das ungeheure Material, das 
Frazer 2 zur „Zauberische Einwirkung auf den Wind" sammelte, genügt, 
um die Bedeutsamkeit der Anschauung in Anthropologie und Folklore 
darzutun. Noch heute gibt es viele Beispiele dieser Überschätzung des 
Windes; davon möge das folgende Zitat aus Shelleys „Ode an den 
Westwind" angeführt werden; hier ist auch die Verbindung zwischen 
Wind, Geburt, Feuer, Gedanken und Worten, die sogleich berücksichtigt 
werden soll, klar angedeutet: 

Sei du stolzer Geist 

Mein eigner Geist! Sei ich, du Ungestümer! 

Mein Denken treib' über das Weltall hin 

Verwelkten Blättern gleich, um die Geburt zu fördern; 

Und durch die Zauberformel dieses Worts gebunden, 

Streu aus wie von dem unerloschnen Herd 

Asche und Funken, mein Wort unter die Menschen! 

Die Frage, warum die verschiedenen Meinungen von der befruchtenden 
Kraft des Windes einmal mit dieser, einmal mit jener Himmelsrichtung 
in Verbindung gebracht werden, kann ohne Spezialstudium nicht 
erschöpfend beantwortet werden. Es ist klar, daß eine Anzahl von 

1) Sommernachtstraum, II. Akt, II. Szene, 69. 

2) Frazer, The Magic Art, 1911, Bd. I, S. 519—551- 

Jones, Zur Psychoanalyse der christlichen Religion. 4 



5o 



Ernest Jones 



verschiedenen bestimmenden Faktoren in Betracht gezogen werden muß. 
Z. B. glaubte man in Thüringen, 1 daß es günstig sei, Gerste zu säen, 
wenn Westwind gehe; was dies bedeutet, findet man, wenn man hört, 
daß die Saat an einem Mittwoch, das ist an Odins Tag erfolgen soll; denn 
Odin hatte — wahrscheinlich aus Gründen, die mit der untergehenden 
Sonne zusammenhängen — besondere Beziehungen zum Westwind. Ein 
sehr wesentlicher Faktor für das örtliche Auftreten dieses Glaubens ist 
sein Zusammenhang mit Winden von einem warmen, feuchten und 
erschlaffenden Charakter, die gewöhnlich eine mehr oder minder 
wollüstige Stimmung auslösen. Ein gutes Beispiel hiefür ist das Föhnfieber 
in der Schweiz, das gewiß eine Art sexueller Erregung ist. Im Unbewußten 
werden alle Tätigkeiten, die zu sexueller Erregung führen, leicht einem 
Befruchtungsprinzip gleichgesetzt. Da Winde von diesem Charakter 
hauptsächlich vom Westen oder Südwesten über den größten Teil 
Europas wehen, ist es nicht überraschend, daß in diesen Gegenden der 
fragliche Glaube sich mit ihnen befaßt. Diese Annahme wird durch 
die Tatsache bestätigt, daß der entgegengesetzten Art von Wind, dem 
Ostwind, gewöhnlich die gegenteilige Wirkung zugeschrieben wird. Die 
deutschen Matrosen haben ein Sprichwort, das im Plattdeutschen 
folgendermaßen lautet: 2 Ostt-Wind makt krus den Buedel un kort den Pint. 
(„Ostwind läßt den Hodensack einschrumpfen und macht den Penis kurz.") 
Es ist heutzutage, seitdem man nicht mehr geneigt ist, an ein 
primäres Interesse des Menschengeschlechtes für physische Geographie 
zu glauben, allgemein anerkannt, daß die dem Winde zugeschriebene 
Bedeutung zum großen Teil darauf zurückzuführen ist, daß Gedanken 
und Gefühle betreffend die Luft, die in unmittelbarem Zusammen- 
hange mit dem menschlichen Körper steht, nach außen projiziert 
wurden. In Übereinstimmung mit dieser Ansicht steht die Tatsache, 
daß zu dem eben erwähnten Glauben an die sexuelle Tätigkeit des 
Windes ein ähnlicher, den Atem betreffender angeführt werden kann. 
Ein oder zwei Beispiele dafür mögen die bereits angeführten vermehren. 
Als Apollo die Priesterin von Delphi liebend umfing, erfüllte er sie mit 
seinem Atem, den er in sie einströmen ließ. Auf einem frühen 
mexikanischen Bild sind ein Mann und eine Frau dargestellt, die den 

1) Witschel, Sagen, Sitten und Gebräuche aus Thüringen, 1878, Bd. II 
S. 215. 

2) Nach einer privaten Mitteilung von Dr. Karl Abraham. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 51 

sexuellen Verkehr dadurch ausüben, daß sie ihren Atem sich mischen 
lassen. 1 

Auf Grund der heutigen Ansichten über Mythologie, die hier nicht 
dargelegt werden müssen, 2 können wir also annehmen, daß die 
Vorstellung vom Atem ursprünglicher ist als die vom Winde und daß 
der eben angeführte Glaube, der sich auf diesen bezieht, als Zeichen 
dafür angesehen werden kann, wie wichtig jener in der Geschichte der 
Menschheit war. Daß aber die Vorstellung einer anderen, vom Körper 
ausgehenden Luftströmung noch ursprünglicher ist als die vom Atem, 
diese Behauptung will ich auf den folgenden Seiten zu erhärten versuchen. 



2) Schall 

Der Schall kann in der Darstellung des befruchtenden Prinzips oder 
des schöpferischen Wesens selbst entweder allein für sich vorkommen, 
wenn er einfach als Symbol auftritt, oder als hervorstechendstes Attribut 
eines anderen Phänomens. Ein gutes Beispiel für ersteres ist die 
Vorstellung von der „letzten Posaune", die die Toten aus ihrem Schlafe 
wecken und zum ewigen Leben rufen soll. Dieses Motiv spielt auch 
eine Rolle in den verschiedenen Mirakeln von der Erweckung vom 
Tode; dies wird z. B. in einem Gemälde von Bronzino in der Santa 
Maria Novella (Florenz) angedeutet, das die Erweckung der Tochter 
des Jairus darstellt und auf einer Seite einen Engel zeigt, der in eine 
Posaune bläst. Ein anderes Beispiel für die Bedeutsamkeit des Schalles, 
in dem der sexuelle Sinn offen zum Ausdrucke kommt, bietet eine 
aus dem Jahre 1294 datierte Kamee im Bargello zu Florenz, auf 
welcher ein trompetenblasender Satyr eine schlafende Bacchantin 
überrascht. 

Im zweiten Fall, wo der Schall nur einen der wichtigsten Züge 
bildet, ist die Form, unter der das Phänomen am häufigsten vorgestellt 
wird, der Wind. Im Alten Testament wird die Stimme Gottes von 
Ezechiel (III, 12) als „ein gewaltiges Rauschen" beschrieben und in 

1) Reproduziert von S e 1 e r, Tierbilder der mexikanischen und Mnya-Hand- 
schriften. Zeitschrift für Ethnologie, Bd. XLII, S, 67. 

2) S. Rank und Sachs, Die Bedeutung der Psychoanalyse für die 
Geisteswissenschaften, 1915, Kapitel II. 

4' 



52 Eni est Jones 



dem Berichte vom Kommen des Heiligen Geistes, der in den 
Acta Apostolorum (II, 2) enthalten ist, lesen wir: „Und plötzlich 
kam ein Schall vom Himmel, wie das Rauschen eines mächtigen 
Windes und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen." Ähnlich beten 
die südamerikanischen Indianer „Hurakan" den „mächtigen Wind" an, 
ein Namen, der mit dem englischen Wort hurricane (= deutsch Orkan) 
verwandt sein soll, und die Bewohner von Neuseeland sahen den Wind 
als Zeichen für die Gegenwart Gottes an ; ' dies mag man mit der oben 
erwähnten Furcht der Australier vor dem schwängernden Sturm ver- 
gleichen, da beiden die Vorstellung „Vater" zukommt. Auch in neueren 
Zeiten sieht der Aberglaube Stürme als Darstellungen Gottes in einer 
gefährlichen Laune an, während die Erregung von Stürmen und Donner 
zu allen Zeiten als spezielles Vorrecht der Gottheit (Wotan, Jahwe, Thor, 
Zeus usw.) betrachtet wurde. 

Ein chinesischer Mythus 2 erzählt, wie Hoang-Ty oder Hiong, der 
Begründer der Zivilisation, von einer Jungfrau, Ching-Mou, geboren 
und vom Donner erzeugt wurde. Die mythologische Bedeutung des 
Donners reicht viel zu weit, als daß sie hier dargelegt werden könnte ; 
aber man sollte auf die enge Beziehung zwischen den Begriffen „Donner" 
und „Vater" achten, die übrigens für die ganze von uns untersuchte 
Gruppe zutrifft. Der phrygische Vorläufer des Zeus wurde sowohl Papas 
(Vater) als auch Bronton (Donnerer) genannt. Frazer 3 zeigte, wie ver- 
breitet die Beziehung der Könige zum Donner ist, und machte es 
wahrscheinlich, daß in der Frühzeit die römischen Könige Jupiters dies- 
bezügliche Macht nachzuahmen strebten; es ist wohlbekannt, daß in 
psychologischer Hinsicht die Begriffe König und Vater gleichbedeutend 
sind. Der alte indische Donner- und Schöpfungsgott Parjanya wurde 
als Stier dargestellt — ein typisches Vatersymbol.* Daß der Donner 
sich besonders dazu eignet, in Träumen und anderen Erzeugnissen der 
unbewußten Phantasie den Flatus zu symbolisieren, vor allem den 
väterlichen, ist allen Ps3'choanalytikern wohlbekannt; psychoneurotische 
Symptome, wie die Brontophobie, gehen fast regelmäßig auf unbewußte 



1) Taylor, Te Ika a Maui,. or New Zealand and its Inhabitants. Second 
Edition, 1870, S. 181. 

2) De Primäre, Vestiges des principaux dogmes chrötiens, 1878, S. 453. 

3) Frazer, Op. cit., Bd. II, S. 180—185. 

4) Rigveda (Griffiths translation), Bd. II, S. 299. 



Die Empfängnis der Jungfrau JMaria durch das Ohr 53 

Gedanken, die sich mit dem Flatus beschäftigen, zurück und in obszönen 
Witzen reicht die Verbindung mindestens bis auf Aristophanes. ' 

Die Beziehung Vater — Gott — Schall war immer sehr eng und 
folgende Beschreibung von Zeus dürfte für die Mehrzahl der Götter 
gelten: „Er gab seine Orakel durch die Stimmen der Winde, die in 
seinem heiligen Eichenhain ächzten und rauschten, inmitten des Murmeins 
der rieselnden Gewässer und des Klanges bronzener Gefäße, an die vom 
Winde bewegte Hämmer schlugen. 2 

Durch einen für die Art der menschlichen. Schlußfolgerung charak- 
teristischen Prozeß kam man zu der Annahme, daß die übernatürlichen 
Wesen, Gott selbst inbegriffen, durch alle Alten von Schall beeinflußt 
werden könnten, und die Anwendung dieser Methode war weit ver- 
breitet zur Erreichung der beiden Zwecke, für die man die Aufmerk- 
samkeit des göttlichen Wesens erwecken und seine Tätigkeit beeinflussen 
wollte. Das Schlagen der Tom-Toms in den afrikanischen Dörfern, um 
die bösen Geister zu verjagen, und das ähnliche Vorgehen der Skandi- 
navier, um zu verhindern, daß die Sonne während einer Sonnenfinsternis 
verschlungen werde, mögen als Beispiele für die eine Art erwähnt 
werden; auch in Griechenland galt heftiger Lärm als besonders wirk- 
same Maßregel zur Abwehr des unheilvollen Einflusses böser Dämonen. 
An dieser Stelle möge Luthers 3 Behauptung erwähnt werden, wonach 
der Teufel vertrieben werden könne, wenn man einen Flatus von 
sich gebe. 

Andererseits war und ist Schall, besonders Hymnengesang und Musik, 
eine beliebte Art der Fürsprache, um von der Gottheit Wohltaten zu 
erhalten. Ein haha oder „Hauch" genannter Hymnus, eine Anrufung 
des mystischen Windes, wird von den Maorip riestern bei der Weihe 
der jungen Männer 4 rezitiert. Das „Bummer", „Summer oder 
„Schwirrholz" genannte Instrument ist nach Haddon 5 das älteste, 
am weitesten verbreitete und geheiligte religiöse Symbol; es besteht 
aus einer Holzplatte, die, an ein Stück Schnur gebunden und schnell 
herumgewirbelt, einen knurrenden, unheimlichen Lärm hervorbringt. 

1) Ar i sto phann s, Wolken, Akt V, Sz. 2. Bpovri) v.aX 7iop$7) d|io£(i). 

2) Cotterill, Ancient Greece, 1915, S. 58. 

5) Sc hur ig, Chylologia, 1725, S. 795; Les Propos de Table de Luther, 
Trad. franc. par Brunet, 1846, S. 22. 

4) Andrew Lang, Custom and Myth, 1884, S. 36. 

5) Haddon, The Study of Man. 1898, S. 327. 



54 



Ernest Jones 



Das Schwirrholz wird noch jetzt als heiliges Instrument in Mexiko, 
Ceylon, Britisch-Columbia, Neuseeland, der malayischen Halbinsel. 
Deutsch-Neuguinea, Afrika und Australien 1 angewendet und erscheint 
unter dem Namen Rhombus in wichtiger Funktion in den Dionysios- 
Mysterien des alten Griechenland; Pettazzoni 2 hat nachgewiesen, 
daß der „rombo" sich noch im heutigen Italien findet. Er wird bisweilen 
benutzt, um die Gegenwart und Hilfe der Gottheit anzurufen, bisweilen 
um böse Geister zu vertreiben. Eine Untersuchung der mannigfachen 
Arten von Aberglauben, die ihn betreffen, zeigt die drei Hauptideen, 
an die seine Verwendung anknüpft: i) Donner und Wind. 2) Zeugung 
(Vegetationskulte, Einweihungszeremonien, Gefahr, wenn Frauen ihn 
sehen usw.), 5) Ahnenverehrung (d. h. Vater), also mit anderen Worten 
Vorstellungen, die eine hervorragende Rolle unter den von uns erörterten 
spielen. Natürlich besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem 
Schwirrholz und den Donnerwaffen im allgemeinen, die eine wichtige 
Rolle bei religiösen Riten in den meisten Teilen der Erde außer in 
Ägypten^ gespielt haben; der Hammer des Thor, der Dreizack des 
Poseidon, die Trisula des Siva und der Donnerkeil des Zeus sind nur 
einige der vielen Varianten, deren phallische Bedeutung klar ist. Kurz, 
es gibt unzählige Zusammenhänge zwischen der Idee des Donners 
einerseits und der Idee der väterlichen Macht, besonders der Potenz 
andererseits, — eine Schlußfolgerung, zu der Schwartz* schon vor 
langer Zeit gekommen war und die in voller Übereinstimmung mit 
den Schlußfolgerungen von Abraham 5 und Kuhn 6 über die sexuelle 
Symbolik des Blitzes steht. 

In alter Zeit glaubte man, daß die Lövvenjungen tot zur Welt kämen 
und erst durch das Brüllen des Vaters zum Leben erweckt würden ; 
das wird als einer der Gründe dafür angegeben, daß Christus in der 
Auferstehung bisweilen als Löwe dargestellt ist, um so mehr, da dieser 
Glaube den gleichen Zeitraum von drei Tagen enthält so wie jener. 



1) Zahlreiche Nachweise gibt Fraier in verschiedenen Bänden seines 
Golden Bough; hinzugefügt möge noch werden Marrett, Hibbert Journal. 
Jänner 1910, und ßouaine, Journ. of the Antliropolog. Institute, Bd. II, S. 2-70. 

2) P e 1 1 a z z o n i, Soppravvivenze del rombo in Italia. Lares, 1912, Bd. I, S. 65. 

3) Blinkenberg, The Thunderweapon in Religion and Folklore, 1911. 

4) Schwartz, Wolken und Wind, Blitz und Donner, 1879, S. 186. 

5) Abraham, Traum und Mythus, 1909, 

6) Kuhn, Über die Herabkunft des Feuers und des Göttertranks, 1859. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 55 

Dem möge der von Plinius 1 erwähnte Glaube an die Seite gestellt 
werden, daß das Weibchen des Rebhuhns begattet werden kann, wenn 
es nur den Schrei des Männchens hört. Die hohe Bedeutung der 
Stimme bei der Liebeswerbung ist den Biologen wohl bekannt. Bei 
manchen Tieren, z. B. dem Hirsch, vielen Vögeln usw., ist der Liebesruf 
des Männchens eines der stärksten Lockmittel, und selbst beim Menschen 
hat die Stimme, die Sprech- sowie die Singstimme, 2 ihre primitive 
Wirkung keineswegs verloren. 

Vom Klang der Stimme ist der Übergang zum Begriffe der . 
Sprache leicht. Die Beziehungen der Sexualität zur Sprache werden 
in jeder Psychoanalyse neurotischer Symptome, bei welchen die 
Sprachfunktion mitverwickelt ist, deutlich: Stottern, Befangenheit beim 
Sprechen und dgl. Damit haben sich viele Autoren befaßt. Sperber 3 
wiederum brachte kürzlich wichtige Argumente dafür vor, daß die 
Sprache eine Entwicklung aus der Erregung beim ßrunstschrei sei und 
die Suche nach einer symbolischen Sexualbefriedigung begleitet habe. 
In der Mythologie und im Folklore wird sprechen oft als identisch 
mit lieben oder leben behandelt, ebenso wie die Stummheit Impotenz 
oder Tod darstellt; ein Beispiel für letztere Symbolik findet sich in 
der Geschichte des Neuen Testamentes; um nämlich mehr Nachdruck 
auf die übernatürliche Empfängnis Johannes des Täufers zu legen, 
heißt es, daß der irdische Vater (Zacharias) von dem Zeitpunkte 

1} Plinius, Op. cit., X, 51. 

2) Daß das infantile Interesse für das Geräusch, das den Flatus begleitet, 
im späteren Leben auf die Musik übertragen werden kann, wurde zuerst von 
Ferenczi (Bausteine zur Psychoanalyse, Bd.I, S. 180, Anm.) dargelegt. Die Ähnlich- 
keit zwischen dem deutschen Wort „fisteln" (= Falsetto, singen) und „fisten" (= Flatus 
abgehen lassen) ist sicher in Übereinstimmung mit dieser Feststellung. Man kann in 
diesem Zusammenhange an die Tatsache erinnern, daß Hermes nicht nur der Gott der 
Musik war, sondern auch der Winde, der Sprache und des Geldes. Die analerotische 
Assoziation zwischen Geld, Gas und Darminhalt zeigen zahlreiche englische 
Ausdrücke. So werden neue Worte „gemünzt" (coined), während neue Münzen 
„ausgestoßen werden" (areuttered). Vom Geld stinken (to stink of money) heißt über- 
reich sein. „Einen Wind steigen lassen" (to raise a wind) ist ein Slangaus druck 
für „Geld erhalten", ebenso wie „Geld aushusten" (to cough up money) heißt, 
sich widerwillig von ihm trennen. „Ein Aufblasen" bekommen" (to have a blow-out) 
bedeutet, gutes Essen erhalten, während „Geld blasen" (to blow money) soviel heißt 
als es verschwenderisch ausgeben; der letztere Ausdruck wird oft durch 
Vermischung mit dem Präteritum blexu zu to blue money (Geld bläuen) verdorben. 

3) Sperber, Über den Einfluß sexueller Momente auf die Entstehung 
der Sprache. Imago, 1912. Jahrg. I, S. 405. 



fi6 



Ernest Jones 



unmittelbar vor der Empfängnis bis unmittelbar nach der Geburt stumm 
(= impotent) gewesen sei. 

Die Sprache wurde daher natürlicherweise als identisch mit Gott, 
d. h. mit dem Schöpfer angesehen, und die Lehre vom Logos hat in 
den meisten höheren Religionen eine hervorragende Rolle gespielt. Man 
braucht sich nur die bekannten Stellen beim heiligen Johannes (L, 1, und 
I., 14) ins Gedächtnis zu rufen: „Zu Anfang war das Wort und das 
Wort war bei Gott und Gott war das Wort." „Und das Wort ward 
Fleisch" (Fleischwerdung Jesu Christi). Johannes berichtet auch über 
seine Vision von dem Wesen auf einem weißen Roß, daß „sein Name 
lautete das Wort Gottes" (Apokalypse, XIX, 13). Gott scheint mit 
Vorliebe die bloße Rede als Mittel zur Ausführung seiner Wünsche 
gewählt zu haben, so z. B. bei der Schöpfung selbst. („Und Gott sprach, 
es werde Licht, und es ward Licht" usw.) Ebenso eng war die 
Verbindung zwischen dem Heiligen Geist und der Sprache: Die Heiligen 
„sprachen durch den Heiligen Geist" (Markus, XII, 56, und Acta 
Apostolorum, XIII, 2, XVI, 7) oder waren „erfüllt vom Heiligen Geiste 
und prophezeiten" (Lukas, I, 67), während Paulus geradezu erklärt: 
„Niemand kann Jesum einen Herrn heißen ohne durch den Heiligen 
Geist" (I. Korinther, XII, 3). 

Die sexuelle Bedeutung der Sprache oder des Wortes kommt zu 
besonders deutlichem Ausdruck gerade in der von uns behandelten 
Legende. Aus den zahlreichen Stellen in den alten Kirchenvätern, die 
das dartun, zitiere ich nur zwei: Der heilige Zeno 1 schreibt: «Der 
Leib Mariens schwillt an voll Herrlichkeit, nicht durch eheliche Be- 
fruchtung, sondern durch den Glauben; durch das Wort, nicht durch 
den Samen." St. Eleutherius : 2 „Oh, gesegnete Jungfrau . . . zur Mutter 
gemacht ohne Manneshilfe, denn hier war das Ohr das Weib und des 
Engels Wort der Gatte." Die Kirchenschriftsteller stellen die Empfängnis 
der Madonna regelmäßig dem Falle Evas gegenüber und „die andere 
Eva" ist eine ungemein häufige Bezeichnung für Maria. Die folgende 
Stelle aus St. Jephrem 3 ist typisch für viele: „Im Anfang setzte sich 
die Schlange in den Besitz von Evas Öhr und verbreitete von hier aus 

1) St. Zeno, Lib. II, Tractatus VIII und IX, Pat. Lat. Tom. II, p. 415. 

2) St. Eleutherius Tornacensis. Serm. in Anmmt. Fest. Tom. 65, p. 96. 

3) St. Jephrem, De Divers. Serm. I, p. 607. Siehe auch St. Pulgentius, 
De laude Mariae ex partu Salvatoris. St. Zeno, Epist. Ad Pulcheriam Augu- 
stam usw. 



Die Empfängnis der Jungfrau Mann durch das Ohr 



Gift durch ihren ganzen Körper; jetzt aber empfing Maria durch ihr 
Ohr den Vorkämpfer der ewigen Wonne." Von gelehrten Autoritäten 
ist jetzt allgemein anerkannt, 1 daß der Mythos vom Falle im Paradiese 
die gereinigte Version eines Fruchtbarkeitsmythus darstellt; daher muß 
man Stellen wie die eben zitierten einfach als Ausdruck für den 
Gegensatz zwischen erlaubter und verbotener sexueller Vereinigung 
ansehen, wobei als Typen Eva und Maria hingestellt werden. 

Es ist also klar, daß ein Teil der der Sprache zukommenden Bedeutung 
seine Quelle in psychosexuellen Affekten hat, und es erhebt sich nun 
die Frage: in welchen speziell? Ich habe an einem anderen Ort 2 die 
wahrscheinliche Antwort darauf angedeutet: Im Unbewußten werden 
nämlich sowohl Atmen als auch Sprechen als äquivalent mit der 
Hervorbringung eines Flatus angesehen und dementsprechend hat eine 
Verschiebung des Affektes von letzterem auf die ersteren hin statt- 
gefunden. Anzeichen für eine solche Assoziation besitzen wir noch in 
Ausdrücken wie: poetic äff latus, clat fart (Stafford-shire Dialektausdruck 
für Geschwätz), flatulent speach oder a ivindy discourse („windiges 
Gerede") und in den Slangphrasen dafür, nämlich gas (im Englischen) 
und hot air (in Amerika). Das Wort „ventrilocjuism" (wörtlich »betty- 
tpeaking", deutsch Bauchreden) ist im gleichen Zusammenhang beachtens- 
wert, und es ist interessant, daß Ferenczi 5 zeigt, wie während einer 
Analyse die Unterdrückung einer Bemerkung sich durch ein Knurren 
im Magen verraten kann. 

Auch ist es nicht ohne Bedeutung, daß von den fünf Pränas 
(== heiliger Hauch in den Veden) gerade der Apäna oder Hinab- 
hauchende zur Sprache in Beziehung gebracht wird. + 



ß) Unsichtbarkeit und Flüssigkeit 

Diese Eigenschaften begünstigen das Vorkommen der interessanten 
Assoziation zwischen dem Begriffe des Gedankens und der von uns 
behandelten Gruppe. Der Gedanke wird gewöhnlich a ls etwas Flüssiges 

1) Siehe Otto R a n k, Psychoanalytische Beitrage zur Mythenforschung. II. Aufl. 
S. 58), und Ludwig L e v y, Sexualsymbolik in der biblischen Paradiesgeschichte, 

Imago, Bd. V, S. 16. 

2 ) Jahrbuch der PsA., Bd. IV, S. 588, 594. 

5) Ferenczi: Bausteine zur Psychoanalyse, Bd. II, S. 24. 
4) Khändogya-Upanishad, III, 15, 8. 



58 



Ernest Jones 



vorgestellt; man denke an Phrasen, wie z. B. „er ließ seine Gedanken 
ausströmen", „seine Gedanken hörten auf zu strömen" usw., und jeder 
Psychologe kennt William James berühmtes Kapitel über den Strom 
des Bewußtseins". Atem, Sprache und Gedanken sind symbolisch 'gleich- 
bedeutend und im Unbewußten alle verknüpft mit der Vorstellung der 
Erzeugung von Gasen im Innern des Leibes'. Ich habe an anderer 
Stelle 2 ausgeführt, daß der unbewußte Glaube an die Allmacht der 
Gedanken, in welchem auch Animismus und Magie wurzeln, mit dieser 
\ orstellung der schöpferischen Macht zusammenhängen könnte, ebenso 
wie die meisten konkreten Machtembleme (Zepter, Schwert, Kreuz 
Stab usw.) wohlbekannte phallische Symbole sind. Auch die Vorstellung 
vom Gedanken als Erzeuger begegnet z. B. im Mythus von der Geburt 
Athene« aus dem Haupt des Zeus. Aus dem Mittelalter gibt es zahlreiche 
Berichte von Nonnen, die aussagten, sie wären schwanger, weil Christus 
an sie gedacht habe. 

So sehen wir also, wie das Unbewußte den Geist auffaßt, indem 
es ahn als objektives Phänomen betrachtet. In den Veden* heißt es der 
Geist sei verwandt mit Vyäna, dem zurückgehenden Hauch, während 
wir anderswo in den Upanishaden lesen, daß das Selbst aus Sprache, 
Geist und Hauch* besteht und daß es für seine Opferung des Wunsches 
nach dem Weibe durch die Erinnerung getröstet werden sollte, daß 
„der Geist der Gatte ist, die Sprache das Weib und der Hauch das 
Kind .5 Ähnlich ist für den Neuplatoniker Plotinus die Weltseele die 
Energie des Intellekts, und sie wird erzeugt durch den Geist, den Vater 
ebenso wie Athene, die Göttin der Weisheit, aus dem Gehirn des Zeus 
ihres Vaters, sprang. Jung 6 zitiert folgende Stelle Plotins : „Was im 
Intellekt zusammengeschlossen liegt, das kommt als Logos in der Welt- 
seele zur Entfaltung, erfüllt sie mit Inhalt und macht sie gleichsam 
von Nektar trunken" und fügt folgende Erklärung hinzu: „Nektar ist 
analog Soma Fruchtbarkeits- und Lebenstrank, also Sperma." Auch 



i) Diese Assoziation wird auch in meinem schon zitierten Fall beleuchtet und 
dort auch ihre Beziehung zur „Autosugestion" dargelegt. 

2) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Jahrg. I, S. 429: S. A. Eisler 
Int. Zeitschrift f. Psychoanalyse, Bd. IV, S. 50. 

5) Taittiriyaka-Upanishad, I, 7, 1. 

4) Brihadäranyaka-Upanishad, I, 5, 5. 

5) Op. cit.. I. 4, 17. 

6) Jim g, Jahrbuch, Bd. IV, S. 179. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 59 

Diogenes 1 identifizierte den Intellekt mit der Luft; er meinte, die 
Luft besitze Verstand und der Mensch verdanke den seinigen der von 
außen in ihn gelangenden Luft. Letztere Behauptung ist vielleicht ein 
besonders sublimierter Ausdruck der infantilen Sexualtheorie, die oben 
beschrieben wurde. 

Von den Begriffen Gedanke und Geist ist es nur ein Schritt zu dem 
der Seele, und wir werden sehen, daß auch auf die Vorstellung von 
dieser die von uns betrachtete Affektgruppe großen Einfluß ausübte. 
Von den primitiven Seelenvorstellungen 2 ist eine der niedrigsten (ich 
sage nicht der ursprünglichsten) die der „gebundenen Seele", die als 
Lebensprinzip verschiedener innerer Organe angesehen wurde und offen- 
sichtlich kaum etwas anderes war als eine Symbolisierung der vitalen 
Essenz, d. h. des Sperma. (Wir haben uns hier nicht mit den Motiven 
und Kräften zu beschäftigen, die das Menschengeschlecht zur Bildung 
der Seelenvorstellung führten, ein Vorgang, den Freud 3 beleuchtet 
hat, sondern einfach mit dem ursprünglichen Inhalt, aus welchem 
diese Vorstellung gebildet wurde.) Wenn sexuelle Gedanken eine so 
hervorragende Bolle bei dieser roheren Auffassung von der Seele spielten, 
ist es folgerichtig anzunehmen, daß sie auch, zwar vielleicht in ver- 
hüllter Gestalt, an den ausgebildeteren mitarbeiteten, und in der Tat 
finden wir, daß dies der Fall war. Die wichtigste Art der „freien 
Seele" ist die als „Hauchseele" bekannte; es ist aber leicht zu zeigen, 
daß dieser Begriff zu der von uns erörterten Gruppe gehört. Die 
Zeugnisse für die weitreichende Assoziation zwischen Seele und Atem 
sind so allgemein und so wohlbekannt, daß keines davon hier an- 
geführt werden muß. Wir werden schon allein durch die Namen für 
erstere fortwährend daran erinnert, vom griechischen psyche und dem 
hebräischen nephesh bis zum deutschen „Geist" und dem englischen 
ghost und spirit. Die Tatsache, daß alle diese Ausdrücke ursprünglich 
„Atem" bedeuteten, zeigt uns auch, daß dies der primäre Begriff war, 
was tatsächlich von jedem Standpunkte aus klar ist, und daß wir hier 
ein typisches Beispiel für Bedeutungswandel haben. 

Es gibt aber mindestens zwei Verdachtsmomente dafür, daß diese 
Affekte ursprünglich auch nicht der Atemvorstellung angehörten, sondern 



1) Brett, A History of Psychology: Ancient and Patristic. 1912, S. 46. 

2) S. Wundt, Op. cit., S. Iff. 

3) Freud, Totem und Tabu. Ges. Schriften, Bd. X, Kap. 4. 



®° Ernest Jones 



einer noch tiefer liegenden, nämlich der von den im Körper erzeugten 
Gasen. Erstens stehen die Affekte und die psychische Bedeutung, die 
die Vorstellung vom Atem, der Luft oder dem Wind begleiten, in keinerlei 
Verhältnis zu der psychischen Wichtigkeit, die der Vorstellung ursprünglich 
innewohnt, und müssen daher von einer anderen hergeleitet sein, die 
für das Individuum von größerer Wichtigkeit ist. (So wie der Flatus im 
infantilen Leben und im Unbewußten der Erwachsenen.) Zweitens 
können zahlreiche direkte Beziehungen zwischen der Vorstellung von 
den im Körper erzeugten Gasen und der Auffassung der „Hauchseele" 
nachgewiesen werden. 

Das erste Argument lautet mit anderen Worten: Wenn von der 
Atem- zu der Seelenvorstellung eine größere Gefühlsmenge hinüber- 
strömte, als der Atemvorstellung von Natur aus zukam, dann muß sie 
folgerichtig nur als eine Art Bote gedient haben. Nun ist es aber un- 
schwer zu zeigen, daß Wind, Luft, Seele, Atem eine viel größere Be- 
deutsamkeit genießen, als sich aus der psychischen Wichtigkeit 
des letztgenannten verstehen läßt. Wenn wir uns nur auf die indische 
und gnechische Philosophie beschränken und zunächst erstere in Betracht 
ziehen, finden wir allein in den Upanishaden folgende religiöse Ansichten 
und Behauptungen: Präna (Hauch) wird einerseits mit Brähman dem 
höchsten Wesen, identifiziert, andererseits mit Atman, der urprünglichen 
Wesenheit des Universums. > Die Abkunft von letzterem wird folgendermaßen 
beschrieben: „Von Atman kam der Äther, von diesem der Wind, von 
diesem das Feuer, von diesem das Wasser und vom Wasser kam die 
Erde. Für die ersten vier der Reihe werden also Ausdrücke, die eine 
gasförmige Substanz bezeichnen, verwendet. Es ist unnötig, weitere 
Beispiele zu zitieren; es möge nur gesagt werden, daß sich weitaus der 
größte Teil dieser Literatur mit dem Gegenstande beschäftigt und daß 
von Atem, Wind usw. in den höchsten Ausdrücken gesprochen wird, 
die man sich nur vorstellen kann. Ähnlich finden wir, wenn wir uns 
nach Griechenland wenden, daß dieselbe Ideengruppe einen zentralen 
Ausgangspunkt für einen großen, vielleicht den größten Teil der An- 
sichten über Philosophie, Medizin, Psychologie, überhaupt der Welt- 
anschauung bildet. Viele der früheren Monisten, z. B. Anaximenes, 
sahen die Luft als a^ an und die Fortdauer der Welt wurde durch 



1) Deussen, Op. cit., S. 110, 194. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 61 

einen Prozeß kosmischer Atmung 1 erklärt, dessen Auffassung sich bis 
ins Detail auf die körperliche Atmung stützte; Heidel hat ferner in 
einer besonders sorgfältigen Untersuchung 2 gezeigt, daß die verschiedenen 
Atomtheorien der Griechen im Prinzip auf ihre Anschauungen von der 
Atemtätigkeit zurückgeführt werden können. 3 Diogenes, der die Luft 
als wichtigstes Element in der Welt ansieht, sagt deutlich, daß die Not- 
wendigkeit des Atems für das Leben der Grund für die Wahl der Luft 
als primäre Realität war; die gegenseitige Einwirkung der Luft im 
Körper und der äußeren Luft ist der Typus aller Lebenstätigkeit. 4 Auch 
bei den Stoikern 5 war das Pneuma von grundlegender Wichtigkeit; es 
war der Hauch des Lebens und die warme Luft, die in engsten Zu- 
sammenhang mit dem Blute gebracht wurde, das Lebensprinzip, das bei 
der Zeugung übermittelt wurde; dabei gleichzeitig die Seele, die im 
Körper eingeschlossen und doch ihrem Wesen nach eins mit der um- 
gebenden Weltseele war. 6 Die Rolle, die der Atem bei der Ausbildung 
der griechischen Seelenvorstellung spielte, ist zu bekannt, als daß ich 
dabei verweilen müßte; der Einfluß dieser Vorstellung reicht bis weit 
in die christliche Zeit; Clemens, von Alexandria, z. B., und ebenso 
Tertullian behaupteten, daß die „vernünftige Seele", die dem Menschen 
direkt von Gott gegeben wird, identisch mit dem in der Genesis er- 
wähnten „Hauch Gottes" 7 sei, im Gegensatze zu der „unvernünftigen 
Seele", die dem Lebensprinzip der Tiere verwandt sei. Es wird nützlich 
sein diesen Glauben mit dem schon oben erwähnten indischen zu ver- 
gleichen, der die beiden Arten von Hauch, den höheren und den 
niedrigeren, in ethischer und physischer Bedeutung zum Gegenstande 



1) Heidel, „Antecedents of tlie Greek Corpuscular Tlieories". Havard Studies 
in Classical Philology, 1911, Bd. XXII, S. 137 — 140. 

2) Heidel, s. 1. c. S. 111 — 172. 

3) Es ist interessant, daß die höchsten Errungenschaften der modernen Wissen- 
schaft, die Atomtheorie und die Konzeption des Äthers, die beide von der griechi- 
schen Philosophie schon vorweggenommen wurden, beide sublimierte Projektionen 
des von uns erörterten Komplexes darstellen. 

4) Brett, Op. cit., S. 45, 46. 

5) Brett, Op. cit., S. 166, 167. 

6) Es ist klar, daß die Vorstellung vom „kosmischen Bewußtsein", von der 
wir in der modernen Pseudo-Philosophie so viel hören, psychologisch gleichbedeutend 
ist mit den die äußere Luft betreffenden Vorstellungen, die ihrerseits persönlichen 
Quellen entstammen und nach außen projiziert wurden. 

7) Das hebräische mach bedeutete sowohl die menschliche Seele als den 
Atem Gottes. 



62 



Ernest Jones 



hat, während die Nebeneinanderstellung von Tier und Gottheit uns das 
ganze Problem der Verdrängung aufrollt. Die Pneumakonzeption war 
auch in der griechischen Medizin von größter Bedeutung und behielt 
bis vor etwa 100 Jahren viel von ihrer Wichtigkeit; dann blaßte sie 
allmählich ab, nachdem sie sich in die Lehren von den „Säften" und 
der „Diathese" verwandelt hatte. Die Erinnerung an sie bewahren wir 
in englischen Phrasen, in denen die Worte spirit urspr. „Atem" und 
humour urspr. = „Saft" die Bedeutung „Laune, Stimmung" an- 
genommen haben. Alle Krankheitsursachen, mit Ausnahme der auf 
Speise und Trank zurückgehenden, wurden unter dem allgemeinen Aus- 
drucke „Luft" zusammengefaßt; wir besitzen noch heute ein Andenken 
daran in dem fast überall verbreiteten Aberglauben, daß Zug gesundheits- 
schädlich sei; auch war der therapeutische Wert, 1 den man einer 
„Luftveränderung" oder einem „Klimawechsel" zuschrieb, sogar größer 
als in unserer eigenen Zeit. Jahrhundertelang standen die meisten Ärzte 
m Beziehung zu irgend einer philosophischen Schule, und die wichtigste 
Gruppe unter ihnen waren diejenigen, die die Schule der Pneumatisten 
bildeten; sie waren Anhänger der stoischen Lehre; so beeinflußten 
Physiologie und Philosophie einander gegenseitig. Das Pneuma durch- 
kreiste den ganzen Körper, regulierte die Ernährung, erzeugte Gedanken 
und Samen 2 und leitete nach Aristoteles zu dem Herzen die Emp- 
findungsbewegungen, die ihm selbst von außen durch die Sinnesorgane 
mitgeteilt wurden ; von seinem Zustande hing die Gesundheit des Indi- 



viel™ /pTaT S ub 7 mäß 'ge Bedeutung denken, die noch jetzt von 

Z! p'f mnast \^esc^ehen wird. In der bereits erwähnten Schilde- 

rung meines Patienten gibt es einige schöne Beispiele für ihre mystische An- 
wendung; auch d>e strenge Medizin ist von diesem Vorwurfe nicht ganz freizu- 
sprechen; ich erwähne anfs Geratewohl folgende Beispiele, die einem medizini- 
sehen Katalog entstammen : 

a) Fl et eher The Lau, of ,he Rhjthnic Breath, Teaching the Generation, Con- 
servatwn and Control of Vital Force. 

h) Arnulphy, La sante par la science de la respiration. {La respiration est 
2 vöhntcT PaU * P S m m0yen deSqUeh ° n ^^ ä d ™ e '°PP er sa f° rce ™gnttique, 

C) Dur Vi II e, Pour combattre la peur, la crainte, Vanxiete, la timidite, developper 
la volonte, guerir ou soulager certaines maladies par la Respiration Profonde. 

2) Man war be 1S pielsweise der Ansicht, daß Hephaistos die Gestalt des Pneuma 
annahm und durch die Adern des Zeus zu seinem Gehirn strömte und ihn den 
Gedanken erzeugen, d. h. Athene schaffen ließ. (S. Creuzer: Symbolik u. 
Mythologie. 2 . Aufl. 1819—1823. Bd. II, S. 7 6 3 ff.) 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 63 

viduums ab. Ein interessantes Beispiel für die Stärke der Pneumadoktrin 
haben wir in dem Umstände, daß sie imstande war, die Bedeutung der 
Entdeckung der Nerven vollständig zurückzudrängen, 1 indem behauptet 
wurde, diese seien nur Verzweigungen der das Pneuma in sich führenden 
Arterien; selbst später, als die Beziehungen der Nerven zum Gehirn 
und zur Muskeltätigkeit schon feststanden, behauptete Augustinus, sie 
wären nur Luftröhren, die den Gliedern die durch den Willen diktierten 
Bewegungen übermittelten. Folgende Stelle aus Bretts 2 Werk ist eine 
gute Illustration für die Bedeutung der Pneumadoktrin : „Für jemanden, 
der sich vorstellt, der Körper sei ganz von Luft durchströmt, der das 
Pulsieren auf die Stöße der Luft gegen das Blut zurückführt, der über- 
dies das dunkle Gefühl hat, daß der Mensch durch die Kontinuität 
dieser Luft mit dem ganzen Universum zusammenhänge, für den muß 
die Wichtigkeit dieses Faktors die größten Dimensionen angenommen 
haben." 

Es ist genügend Beweismaterial dafür vorhanden, daß der Atem 
keineswegs die einzige Quelle aller dieser Lehren war, so bereitwillig 
dies auch angenommen zu werden scheint. Beginnen wir zunächst 
bei den griechischen Anschauungen, so finden wir zwei bemerkenswerte 
Tatsachen, nämlich, daß das Pneuma nicht immer in Zusammenhang 
mit dem Atem gebracht wurde, wie man nach der herrschenden 
Ansicht erwarten sollte, und ferner, daß ihr Begriff der Respiration 
außerordentlich umfangreich war, da außer dem Atmen noch viele 
Prozesse unter diesem Ausdrucke verstanden wurden. Aristoteles 
z. B. behauptet entschieden, daß das Pneuma des Körpers, dessen 
Bedeutung wir eben kennen gelernt haben, nicht vom Atmen herkomme, 
sondern eine aus gewissen Prozessen, die im Innern des Körpers selbst 
(vor allem in den Eingeweiden) vor sich gehen, resultierende Sekretion sei; 
noch ausdrücklicher sagt Galen, daß das psychische Pneuma teilweise 
den Dünsten der verdauten Nahrung entstamme. 3 Diese Assoziation, die 
im Unbewußten noch jetzt wirksam zu sein scheint, liegt auch unseren 
täglichen Redensarten zugrunde; wir sprechen vom „Ausdrücken 



1) Brett (Op. cit., S. 284) gibt eine treffende Schilderung der durch die 
Hartnäckigkeit der Pneumadoktrin verursachten Vorurteile, die diese Entdeckung 
zu überwinden hatte, bevor ihr Wert vollkommen gewürdigt werden konnte. 

2) Brett, Op. cit., S. 52, 55. 
5) Brett, Op. cit., S. 118, 291. 



6 4 



Eriwst Jones 



unserer Gedanken'', davon, „Nahrung für unsere Gedanken" zu erhalten 
usw. Man kann wohl annehmen, daß die Vorstellung eine Rolle in der 
Entwicklung gewisser Formen materialistischer Philosophie gespielt hat; 
man ist verblüfft von dem Gleichnis, das in manchen Aussprüchen 
angewendet wird, z. B. in dem von Cabanis: „Das Gehirn scheidet 
Gedanken aus wie die Leber Galle." Ein interessantes Überbleibsel 
dieser Anschauungsart sehen wir in der verbreiteten Tendenz der 
modernen Psychiatrie, die den größten Teil der geistigen Störungen auf 
Gifte zurückführen will, die bei Darmerkrankungen entstehen, eine 
ganz logische Ansicht, wenn dieses Organ, wie die Griechen glaubten, 
die Quelle der Gedanken wäre. Der völlige Mangel eines Beweises zur 
Bekräftigung dieser Ätiologie ändert nichts an dem Glauben daran. 

Ferner zeigt eine kurze Untersuchung der von verschiedenen 
Schriftstellern gegebenen Berichte, daß die Griechen sich das Respirations- 
und das Verdauungssystem in enger Verbindung miteinander vorstellten, l 
und das ist ja der wichtigste Punkt, den wir hier beweisen wollen. 
Einerseits war die Respiration nicht auf das Atmen beschränkt, sondern 
umfaßte auch die Perspiration (eine durchaus wissenschaftliche 
Anschauung), während anderseits die Respiration als eine Art der 
Ernährung angesehen wurde, was sie ja tatsächlich ist. Sic identifizierten 
nicht nur die Aufnahme der Luft, den darauf folgenden Wandel 
derselben im Innern des Körpers und ihre endliche Ausscheidung 2 mit 
der der Nahrung, sondern sie schrieben auch dem Einflüsse der ersteren 
die Prozesse zu, durch welche die leztere genügend verdünnt wird, um 
durch den Körper geleitet zu werden; die zugrunde liegende Vorstellung 
scheint, mit vielen Modifikationen natürlich, folgende gewesen zu sein: 
Die eingeatmete Luft erreichte den Magen entweder durch den Blutstrom 
oder durch den Ösophagus (der, wie sie glaubten, zum Herzen führte) 
und bewirkte dort die Verdauung; das Produkt dieses Prozesses war das 
innere Pneuma, das also eine Kombination von Luft und Nahrung 
darstellte. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, ist es klar, daß das 
Pneuma nicht bloß ein symbolisches Äquivalent der im Körper erzeugten 



1) S. H e i d e 1, Op. cit., S. 131 — 137. 

2) Hippokrates sagt bei der Beschreibung des Fötus, daß dieser durch 
die Nabelschnur einatme und daß, wenn er mit Luft gefüllt sei, diese „durch- 
breche", sich selbst einen Weg nach außen mitten durch den Fötus bahne und 
auf diese Weise entströme. (S. H e i d e 1, Op. cit., S. 135, 136.) 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 



65 



Gase ist, sondern direkt und entschieden mit ihnen identifiziert wurde. 
Der in der ganzen Welt verbreitete Glaube, daß die Seele durch den 
Mund entweiche, 1 geht deshalb wahrscheinlich auf Vorstellungen zurück, 
die nicht nur das Respirations-, sondern auch das Ernährungssystem 
zum Gegenstande haben; diese Schlußfolgerung wird dadurch gestützt, 
daß bei zahlreichen Stämmen die verschiedensten Vorkehrungen und 
Tabus gebräuchlich sind, um das Entschlüpfen der Seele aus dem 
Munde während des Essens zu verhindern. 2 

Das Stadium der Veden zeigt uns, daß die Auffassung der indischen 
Philosophen in diesem Punkte denen der griechischen von Grund aus 
ähnlich war. Sie widmeten den fünf Pränas (= Hauch) eine außer- 
ordentliche Aufmerksamkeit, aber die Beschreibungen, die sie von diesen 
an verschiedenen Stellen geben, greifen so ineinander über, daß es 
nicht immer leicht ist, den genauen Unterschied zwischen ihnen fest- 
zustellen; in der Tat ist es bekannt, daß die Definitionen in den 
verschiedenen Perioden sich bis zu einem gewissen Grad änderten. 
Trotzdem ist es möglich, die Hauptumrisse der einzelnen Vorstellungen 
zu bestimmen, und wir wollen sie der Reihe nach betrachten. Präna, 
der „aufwärts Hauchende", bedeutet im wesentlichen den eigentlichen 
Atem. Wenn er allein steht, bezeichnet er häufig den Geruchsinn, 
infolgedessen dann das Einatmen, aber bisweilen, wenn er zusammen 
mit Apdna genannt wird, bedeutet er das Ausatmen und letzterer das 
Einatmen. 3 Apäna, der „abwärts Hauchende", bedeutet zwar bisweilen 
Geruchsinn und Einatmen, für gewöhnlich aber den bei der Verdauung 
entstehenden Wind, der seinen Sitz in den Eingeweiden hat. Er stammt 
vom Nabel des Urmenschen. 4 Er entfernt die Exkremente des 
Darmes ;5 er weilt in den Einge\veiden c und herrscht über die Organe 
der Entleerung und Zeugung/ Der Vyäna oder „nach rückwärts 
gehende' Hauch gesellt sich zu dem Winde der Verdauung 8 und kreist 

1) S. Frazer, Taboo and the Perils of the Soul, 1911, S. 50—53. 

2) Frazer, Op. cit., S. 116. 

5) S. Deussen, Op. cit., S. 276—279, wo dieser Gegenstand ausfuhrlich 
erörtert wird. 

4) Aitareya-Aranyaka, II, 4, 1, 6. (Ich halte mich durchaus an Müllers Ausgabe.) 

5) Ebenda, II, 4, 5, 2. Auch Maiträyana-Upanishad, II, 6, und Garbha- 
Upanishad, I. 

6) Amritabindhu, 54. 

7) PrasHa-Upanishad. III. 5. 

8) Maiträyana-Upanishad, II, 6. 

Jones, Zur Psychoanalyse der christlichen Religion. 5 



66 



Ernest Jones 



durch die Blutgefäße. 1 Der Samäna oder „Allhauchende" verbindet 
den Präna mit dem Apäna 2 und treibt die Nahrung durch den 
Körper. 5 Diese beiden zuletzt genannten bilden offenbar zusammen das 
„innere Pneuma" der Griechen. Schließlich der Udäna, der „hinauf 
oder hinaus Hauchende", bisweilen „der Wind des Ausganges" ge- 
nannt, 4 weilt im Schlünde 5 und läßt das, was gegessen und getrunken 
wurde, wieder emporkommen oder schlingt es hinab. ' Der Udäna, der 
offenbar die Gase bedeutet, die aus einem geblähten Leib wieder 
emporsteigen, bildet ein interessantes Gegenstück zum Apäna; letzterer 
wird nämlich in aller Form mit dem Tode selbst identifiziert," während 
ersterer die Seele nach dem Tode aus dem Körper führt. 8 Die Verbindung 
zwischen ihnen ist natürlich sehr eng, denn sie repräsentieren beide 
im Körperinnern entstandene Gase, die nach aufwärts oder nach abwärts 
entweichen können. Tod und innere Zersetzung werden hier einander 
nahegebracht und wir erhalten so eine weitere Erklärung für den 
Glauben, daß die Seele nach dem Tode durch eine der Ernährung 
dienende Öffnung entflieht. 9 

Eine Prüfung dieser Berichte enthüllt die überraschende Tatsache, 
daß vier von den fünf Pränas zu dem Emährungssystem in viel engerer 
Beziehung stehen als zu dem respiratorischen, da ihre Hauptaufgabe 
die Fortbewegung der Nahrung ist, sei es im Ernährungskanal selbst 
oder im Körper überhaupt. Sogar der fünfte, der Präna im engeren 
Sinne, entbehrt dieser Beziehung nicht ganz, denn einerseits ist er auf 
doppelte Weise mit dem Apäna (Flatus) verbunden, anderseits deckt er 
sich teilweise mit dem Geruchsinn, der, biologisch betrachtet, in naher 
Verbindung mit Sexualität und Koprophilie steht. 

1) Prasfla-Upanishad, III, 6. 

2) Prasfla-Upanishad, IV, 4. 

5) Maiträyana-Upanishad, II, 6. Prasfla-Upanishad, III, 5. 

4) Vedäntasära, 97. 

5) Amritahindhu, 54. 

6) Maiträyana-Upanishad, II, 6. 

7) Aitareya-Aranyaka, II, 4, 2, 4. 

8) Prasfia-Upanishad, III, 7. 

9) Heine läßt die zurückgekehrte Helena in seiner Widmung zum Dr. Faust 
sagen: Preß deinen Mund auf meinen Mund; 

Der Menschen Odem ist göttlich! 
Ich trinke deine Seele aus. 
Die Toten sind unersättlich. 
Vgl. Zentralblatt für PsA. I, S. 564. 






Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 6? 



Daher scheint es mir ein starkes Wagnis, wenn jemand, der das 
hier vorgebrachte Material durchgesehen hat, an der Behauptung festhält, 
daß keine andere im Körper erzeugte Luft als der Atem bei der Ent- 
wicklung der „Hauchseele" eine Rolle gespielt hat. 

4) Feuchtigkeit 

Es ist wohlbekannt, daß das Wasser einp außerordentlich wichtige 
Rolle in der anthropologischen Symbolik gespielt hat, besonders bei 
Geburt und Tod; dies stammt hauptsächlich von den infantilen Gedanken, 
die . sich mit dem Urin befassen, und erhält später eine neue Quelle 
in den Vorstellungen vom Samen, dem Urin und dem Fruchtwasser. 
Wasser ist vielleicht das häufigste in Geburtsphantasien verwertete 
Symbol, und zwar männliches so gut wie weibliches. Man findet es 
daher ganz verständlich, wenn Wasser und Gas in solchen Phantasien 
nebeneinander gefunden werden und symbolisch als gleichwertig gelten. 
Ein einfaches Beispiel ist der Mythus von Prometheus, der die Menschen 
aus Wasser und Schall schuf. 

Ein anderes, das dem Thema dieses Aufsatzes näher liegt, zeigt uns 
die Beziehung des Heiligen Geistes zur Taufe. In einer früheren 
Arbeit 1 habe ich nachzuweisen versucht, daß, psychologisch betrachtet, 
die Symbolik der Taufriten „Wiedergeburt durch Reinigung" bedeute 
und Reinigung im Unbewußten gleichbedeutend mit Befruchtung sei. 
Es ist daher nicht ohne Interesse, daß das Taufwasser und der Heilige 
Geist (d. h. infantil ausgedrückt, Urin und Gas) zusammen im Neuen 
Testament oft in Beziehung zur Wiedergeburt gebracht werden. Christus 
sagt in seiner Antwort an Nikodemus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage 
dir: Es sei denn, daß jemand geboren werde aus dem Wasser und 
Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleische 
geboren wird, das ist Fleisch, und was vom Geiste geboren wird, das 
ist Geist. Laß dich's nicht wundern, daß ich dir gesagt habe: Ihr 
müsset von neuem geboren werden. Der Wind blaset, wo er will, und 
du hörest sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, von wannen er 
kommt und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geiste 
geboren ist" (Johannes, III, 5 ff.); und wiederum: „Denn wahrlich, 



1) Imago, Jahrg. I, S. 465 ff. 

5" 



68 



Krnest .Jones 



Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem Heiligen 
Geiste getauft werden." (Apost. I. 5.) Der Ersatz des Wunsches nach 
irdischer (inzestuöser) Wiedergeburt durch den nach geistiger Wieder- 
geburt ist gleichbedeutend dem Wunsche nach der Reinigung von 
Sünden, da Sünde (deren Urt)*p der Inzest ist) und Tod der Gegensatz 
zu Wiedergeburt und Leben sind. Auch Paulus schreibt (Rom., VIII, 2): 
„Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, 
hat mich frei gemacht von dem Gesetze der Sünde und des Todes." 

Das Tertium Comparationis zwischen Gas und Wasser ist offenbar 
der flüssige Aggregatzustand, und im Dampfe haben wir eine Ver- 
einigung beider. Daher hat der Dampf bei allen oben erörterten Themen 
eine große Rolle gespielt, und der Prozeß der Verdampfung, durch den 
Wasser auf dem Wege des Dampfes in Gas verwandelt wird, hat das 
Interesse und die Aufmerksamkeit der Menschen in hohem Grade erregt. 
Im alten Griechenland waren die Plutonia, Charonia oder Höllenpforlen, 
wo Dämpfe aus der Erde hervorkamen, geheiligt, weil man die Aus- 
dünstungen für die Geister Verstorbener hielt. 1 (Vgl. die oben erwähnte 
Reziehung des Todes zu Apäna und Udima.) Von diesen Geistern 
glaubte man, daß sie die Herden und die Fruchtbarkeit des Bodens 
vermehrten, 2 während die Frauen sie anbeteten, um Kinder zu 
bekommen. 3 Solchen Glauben gibt es noch jetzt in Syrien; 4 bei den 
Rädern von Solomon z. R. im nördlichen Palästina kommen Ströme 
heißer Luft aus der Erde, und eines derselben, namens Abu Rabah, ist 
eine berühmte Zuflucht kinderloser Frauen, die ihr mütterliches Sehnen 
befriedigen wollen; sie lassen die heiße Luft über ihren Leib strömen 
und glauben tatsächlich, daß sie die Kinder, die ihnen nach einem 
solchen Resuch geboren werden, von dem Heiligen der geweihten Stätte 
empfangen haben. Im alten Italien wurden die der Erde entströmenden 
Dämpfe als Gottheit, Mefitis, personifiziert, deren größter Tempel sich 
im Tale von Amsanctus befand. Die dortigen Ausdünstungen, die man 
für den Atem Plutos selbst hielt, bestanden bekanntlich aus warmem 
Schwefelwasserstoff 5 (hatten also denselben Geruch wie der Flatus), der 

1) Roh de, Psyche, 6. Aufl., 1910, Bd. I, S. 213. Auch Preller-Robert, 
Griechische Mythologie, Bd. I, S. 283, 811. 

2) Viele Stellen in Dieterich, Mutter Erde, 1 905. 

3) Roh de, Op. cit., S. 247 — 249. 

4) Curtiss, Primitive Semitic Religion To-day, 1902, S. 116 ff. 

5) Frazer, Adonis, Attis, Osiris. 2nd Edition, »907, S. 170. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 69 

unter starkem Geräusche hervorströmte; die Beziehung zwischen den 
Darmfunktionen und Pluto, dem Gott der unteren Welt, zeigt der 
Titel eines bekannten modernen Purgativs, Plutowasser. 

Heidel sagt, 1 daß „vielleicht kein anderes Naturphänomen eine so 
wichtige Rolle in der griechischen Philosophie spielte wie die Ver- 
dampfung". R o h d e hat viele Nachweise dafür gebracht, daß für die 
Griechen die Seele im wesentlichen ein Dampf war; 2 doch scheint 
wohl die spätere Seelenvorstellung, z. B. bei den Stoikern, die eines 
unsichtbaren, gasförmigen Mediums gewesen zu sein, das seinen Ursprung 
und seine fortgesetzte Wirksamkeit den Dämpfen verdankte, die von 
der. den Körper durchkreisenden Mischung aus Blut und Luft ausgingen. 
Die Verdampfung oder Destillation war offenbar von grundlegender 
Wichtigkeit, da sie diesen Wandel vom Materiellen zum Immateriellen 
bewirkte; so hilft sie uns, die große Bedeutung zu erklären, die man 
der Körperhitze, die diesen Prozeß hervorbrachte, zuschrieb; davon soll 
später die Rede sein. Von diesem Standpunkte aus begreifen wir auch 
die Bemerkung Diogenes', das Denken sei eine Betätigung der 
trockenen Luft, die Feuchtigkeit sei dem Denken verderblich und 
das Übermaß an Feuchtigkeit sei der Grund für den Mangel der Jugend 
an Verstand.! Dieselbe Gedankenkette wurde auch auf das Leben des 
Universums angewendet und man stellte sich die kosmische Respiration 
als einen Wechsel der Feuchtigkeit vor, bei dem Erde und Meer Dämpfe 
hergaben und dafür Regen zurückempfingen. 4 Sie beherrschte ferner 
den größten Teil der Physiologie, denn Verdauung, Absorption und 
Ernährung waren im wesentlichen Probleme der Verwandlung der 
Nahrung in das innere Pneuma und der Verteilung desselben durch 
den Körper. 

Die gegenseitige Beziehung zwischen Feuchtigkeit und Luft bei der 
Atmung und den Darmwinden liefert die physiologische Basis für diese 
Vorstellungen, während, wie oben gezeigt wurde, der psychologische 
Ursprung auf das infantile Leben zurückgeht. 



1) Heidel, Op. cit. S. 122. S. a. Gilbert, Die meteorologischen 
Theorien des griechischen Altertums, 1907, S. 439 ff. 

2) Es mag bemerkt werden, daß das englische Wort breath (Atem, Hauch) mit 
deutsch „Brodem" verwandt ist. 

3) B r e 1 1, Op. cit., S. 46. 

4) Heidel, Op. cit., S. 134. 



7° 



Er n est Jones 



j) Wärme 

Als ich von den verschiedenen Varianten berichtete, mit denen die 
Empfängnis der Jungfrau Maria in der Kunst dargestellt wurde, habe 
ich auch die überraschende Tatsache angeführt, daß bisweilen Licht- 
strahlen an die Stelle des strahlenförmigen Atems treten, die vom Munde 
ausgehen, in das Ohr eindringen usw. ; wir können dies als Ausgangs- 
punkt für unsere Erörterung benutzen, daß die Wärme ein dem oberen 
und dem unteren Hauch gemeinsames Attribut ist. Zu dem betreffenden 
Glauben finden sich zahlreiche Parallelen außerhalb des Christentums; die 
Legenden von Jungfrauen, die durch Lichtstrahlen geschwängert wurden, 
gewöhnlich von der Sonne oder dem Feuer, sind außerordentlich zahlreich 
und weit verbreitet. Bab, 1 Frazer, 2 Hart 1 and 3 und andere haben 
Dutzende solcher Geschichten mitsamt den darauf sich gründenden 
Bräuchen gesammelt; es ist daher unnötig, hier besondere Beispiele 
anzuführen. Sie zeigen die gewöhnlichen Charakteristika der übernatür- 
lichen Geburt, indem das Kind oft zum Messias, zum großen Kaiser 
oder dergleichen wird. Auffällig ist es, wie häufig das Wasser eine 
Rolle bei dem Geschehen spielt; die Jungfrau ist die Tochter eines 
Flußgottes, ein Stern fällt in das Wasser, das sie trinkt usw. Daß die 
Feuererzeugung allgemein von dem primitiven Geist als eine Sexual- 
tätigkeit aufgefaßt wird, ist wohlbekannt. 4 ' 

Aber abgesehen von der oben besprochenen symbolischen Gleich- 
setzung, wird häufig eine innere Verbindung zwischen Atem und Feuer 
oder Licht verkündet. In ein Feuer zu hauchen, besonders in ein heiliges, 
gilt in vielen Ländern als strenges Tabu; 5 ein Brahmane z. B. darf 
mit dem Munde in kein Feuer blasen. Die Beziehung zwischen Atem 
und Feuer in Folklore und Aberglauben ist sehr eng. 6 In Longfellows 
Dichtung Hiawatha wird beschrieben, wie Gitche Manito, der „Schöpfer 
der Völker , die Bäume anblies, so daß sie sich aneinander rieben und 
zu brennen begannen. Im Alten Testament ist der Atem stets mit Feuer 



1) Bab, Op. cit., S. 279 f. 

2) Frazer, The Golden Bough. 1900, Bd. III, S. 204 ff., 244, 270, 505, 314. 

3) Hartland, Primitive Paternity, 1909, Bd. I. S. 11 — 13, 18, 25,26,89 — 100. 

4) Frazer, The Magic Art, 1911. Bd. II, Ch. XV. „The Fire-Drill" und S. 233. 

5) Frazer, Op. cit. S. 241. Spirits of the Com and of the Wild, 1912, 
Bd. II, S. 254. 

6) Frazer, The Magic Art, Bd. II., S. 259 ff. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 7 1 

assoziiert und in den hermetischen Schriften heißt es, daß die Seelen 
aus dem „Atem Gottes und dem bewußten Feuer" geschaffen seien. In 
der Mithraliturgie geht der schöpferische Atem von der Sonne aus und 
für die stoische Philosophie war das kosmische göttliche Feuer identisch 
mit der Atmosphäre. Jung 1 und Silber er 2 zitieren eine Reihe 
interessanter Stellen aus verschiedenen Quellen, die die nahe Assoziation 
zwischen Leuchten und Tönen zeigen. Man kann daher mit Sicherheit 
sagen, daß für das primitive Denken die Begriffe Ton, Hitze und 
Licht ebenso untereinander vertauschbare Äquivalente sind, wie es 
die Lehre von der Transformation der Energie für die entsprechenden 
physikalischen Prozesse nachgewiesen hat. 

Wir müssen nun nach der Bedeutung dieser Assoziation forschen. 
Feuer oder Hitze ist als eines der häufigsten Sexualsymbole bekannt und 
ist, wie Abraham 3 klar nachgewiesen hat, mit Soma und Sperma 
äquivalent. Doch kann das offenbar nicht die ursprüngliche Quelle 
dieser Assoziation sein ; denn das Kind weiß nichts von der Existenz 
des Sperma und lernt überdies erst verhältnismäßig spät die Bedeutung 
des Feuers schätzen. Vor Jahren wies Freud 4 in seiner Analyse des 
Falles Dora nach, daß in symbolischer Ausdrucksweise, z. B. in Träumen, 
Feuer oft für Wasser, besonders für Urin, eintritt ; die Assoziation beruht 
zum Teil auf dem Gegensatze, und zwar der gegenseitigen Unverträglichkeit 
der beiden Elemente. In den Psychoanalysen, die ich an meinen Patienten 
vornahm, fand ich, daß Feuer nicht allein Urin, sondern auch Flatus 
symbolisieren kann, wie z. B. in den Phobien, die sich auf Gasbrenner 
beziehen, 5 und ferner, daß die ursprüngliche Quelle der ganzen Feuer- 
symbolik wahrscheinlich folgendermaßen zu erklären ist : Das Kind lernt 
die Hitze (zum Unterschiede von der normalen Körperwärme) zuerst 
durch die Tatsache kennen, daß alle Exkrete wärmer sind als die äußere 
Körpertemperatur und überdies noch infolge ihrer ätzenden und scharfen 
Natur (besonders bei kleinen Kindern) häufig lokal ein brennendes Gefühl 
hervorrufen. Wenn nun das Kind späterhin mit anderen Hitzequellen, 
besonders mit Hitze durch Feuer bekannt wird, ist die Bildung einer 



1) Jung, Op. cit., S. 206 — 208. 

2) Jahrbuch d. PsA. Bd. II. S. 596 f. 

5) Abraham, Traum und Mythus, 1909. 

4) Freud, Ges. Schriften. Bd. VIII, S. 92. 

5) Dies muß bei dem von B eitler, loc. cit. beschriebenen Patienten der 
Fall gewesen sein. 



7 2 



Ernest Jones 



Assoziation zwischen diesen und den Ursachen seiner früheren Erfahrungen 
unvermeidlich. Dies ist so regelmäßig der Fall, daß man z. B. bei einer 
nächtlichen Feuerphobie mit Sicherheit sagen kann, daß der Phobiker 
zu denen gehört, die die infantile Furcht vor dem Bettnässen (und die 
Versuchung dazu) nicht vollends überwunden haben. Da wir wissen, daß 
sich das Kind die sexuelle Sekretion nur im Bilde irgend einer Exkretion 
vorzustellen vermag, können wir verstehen, wieso das Feuer zu einem 
so allgemein verbreiteten Sexualsymbol meist für Urin, gelegentlich für 
Flatus wird. Wir müssen also aus den oben dargelegten Gründen schließen, 
daß die Assoziation zwischen Feuer und Atem sekundär ist und für die 
frühere zwischen Feuer und Flatus (und Urin) eintrat. 

Man kann die Bestätigung dieser Schlußfolgerung in verschiedenen 
Sphären finden, aber wir wollen uns hauptsächlich auf das Gebiet der 
griechischen Philosophie beschränken, um unsere früheren Betrachtungen 
über diesen Gegenstand weiterzuführen. Vor allem ist es überraschend, 
daß Hitze oder Feuer eine Bolle von grundlegender Wichtigkeit in der 
Lehre vom Pneuma spielte; Aristoteles z. B. behauptete, daß das tätige 
Element im inneren Pneuma von der Natur des Feuers und identisch 
mit dem Fruchtbarkeitsprinzip im Samen sei. Nach Heidel 1 „finden 
wir in dem Phänomen des Feuers, wie die Griechen es erklärten, die 
beste Illustration zu den Prozessen der Bespiration und Ernährung" ; 
übrigens ist dies auch heute noch die Lieblingsmethode zur Einführung 
in das Studium der chemischen Physiologie. Aber die Griechen blieben 
nicht bei der Analogie stehen; für sie war die Hitze tatsächlich die 
wirkende Kraft, die diese Prozesse herbeiführte. Man glaubte, außer bei den 
Atomisten, daß die Bespiration infolge der natürlichen Körperwärme vor 
sich gehe; diese erzeuge eine Ausdehnung, die mechanisch die kältere 
Luft von außen 3 einziehe. Ähnlich verhielt es sich bei der Nahrung. 
Die angeborene Hitze des Organismus „verdaute" die Nahrung, d. h. ver- 
wandelte sie zu Pneuma, in welcher Form sie durch den ganzen Körper 
geführt wurde. Anfangs glaubte man, daß die Hitze oder das Feuer keine 
innere Veränderung in der Nahrung hervorrufe, sondern sie nur ver- 
kleinere und so für die Absorption durch das Blut vorbereite, doch durch 
Aristoteles wurde die Hypothese bis zu dem oben erwähnten Stadium 



1) Heidel, Op. cit., S. 142. 

2) Heidel, Op. cit., S. 136, 141. 



1 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 73 

weitergeführt und dessen Ansichten üher die Verdauung wurden von 
Galen und den meisten anderen späteren medizinischen Autoritäten 
angenommen. 1 Viele griechische Philosophen aber begnügten sich, ebenso 
wie heute die Psychoanalytiker, nicht damit, das Feuer als ein von 
selbst gegebenes, primäres Agens hinzunehmen, sondern sie warfen die 
Frage nach seiner Natur und seinem Ursprung auf. Sie schlössen oder 
vielmehr nahmen eine uralte volkstümliche Schlußfolgerung an, daß 
das Feuer durch Wasser in der Form von Dämpfen ernährt und unter- 
halten werde; es war dies eine von der Sonne hergenommene Analogie, 
da diese Wasser aufzieht oder trinkt ; da aber wiederum die Entstehung 
des Dampfes von der Hitze abhängt, scheint damit ein ewiger Zirkel 
gegeben zu sein, dessen ursprüngliche Konstruktion unmöglich zu 
bestimmen ist. Man hielt das Wasser für das ursprüngliche ernährende 
Element par excellence, aber es konnte nicht wirken ohne den Einfluß 
des Feuers, das es selbst nährte. Die letzte Quelle des Feuers war ver- 
mutlich der Lebensinstinkt selbst, denn man beschäftigte sich sehr viel 
mit dem Übergange der Hitze von der Mutter zum Kinde während des 
Lebens vor der Geburt ; wenn aber jemand etwas Näheres darüber 
erfahren will, vor allem, wo ihr vermeintlicher Sitz war, so ist wohl 
die einzige Schlußfolgerung, die mit all den verschiedenen Berichten 
vereinbar ist, die, daß die Wärme in gasartiger Gestalt hinübergeleitet 
wurde und die eigentliche Essenz des Pneuma bildete. Kurz, die griechische 
Ernährungstheorie, ebenso wie die der Respiration setzt die aller- 
engste Verknüpfung zwischen Hitze oder Feuer und Gas oder Hauch 
im weitesten Sinne voraus. 

Hitze oder Feuer spielte eine ebenso hervorragende Rolle in den 
griechischen nicht physiologischen Theorien, z. B. den philosophischen 
und psychologischen. Einige der Monisten, z. B. Heraklit, nahmen das 
Feuer als ccpyj] an - Man glaubte, daß der kosmische Prozeß, den man 
sich wie oben gesagt, unter dem Bilde der Respiration und Ernährung 
vorstellte, von Verdampfung und Niederschlag abhänge, d. h. von einem 
Wechsel zwischen Hitze und Kälte; die fortdauernde Existenz von Erde 
und Meer werde dadurch ermöglicht, daß sie warme Dämpfe aussenden 
und kühlenden Regen zurückbekommen. 2 Das Wort Psyche selbst ist 



1) Heide], Op. cit., S. 141 — 168. 

2) Heidel, Op. cit., S. 154, 157—140. 



74 



Kniest Jones 



abgeleitet von tpifytu, 1 das die doppelte Bedeutung „ich atme" und „ich 
kühle ab' hat 2 und eines der Lieblingsbilder, unter denen es, wie noch 
jetzt in der Poesie, dargestellt wurde, war eine dünne, emporsteigende 
Flamme. Als der Neuplatoniker Plotinus die stoische Lehre von dem 
materiellen Ursprung des Pneuma zurückwies, entwickelte er folgende 
tiefsinnige Anschauung: Die Seele kann, da ihre Verbindung mit der 
Materie eine Erniedrigung in sich schließt, nicht in unmittelbare Be- 
rührung mit dem Körper gebracht werden ; daher bedient sie sich eines 
vermittelnden Elements, einer Art von Pneuma, um sich darein zu 
hüllen und vor einer befleckenden Berührung geschützt zu sein; dieses 
luftige Kleid besitzt die Natur des Feuers, in dem die Seele weilt und 
durch das hindurch sie den Körper bewegt. 

Ein anderes Beispiel für die Beziehung des Feuers zu der von uns 
beobachteten Gruppe bietet uns die Sprache. Jung 5 hat in glän- 
zender Weise die symbolische Äquivalenz von Sprache und Feuer dar- 
gelegt und dabei zahlreiche Fälle zitiert, in denen erstere ursprünglicher 
ist als letzteres; doch kann ich mit seiner Schlußfolgerung, daß „der 
Ursprung des Phänomens Feuer-Bede die Mutterlibido zu sein scheint", 
nicht übereinstimmen. 4 Zu den von ihm zitierten Stellen möchte ich 
noch eine aus den Upanishads 5 hinzufügen, in der sowohl Sprache als 
Feuer mit Apäna, dem Hinabhauchenden, identizifiert werden. So hat 
also das Feuer seinen Ursprung in der Sprache und beide im Pneuma, 
vor allem in dem des Darmes; diese Schlußfolgerung stimmt vollkommen 
mit der oben, auf Grund der Individualanalysen ausgesprochenen, welche 
zeigen, daß Sprache im Unbewußten ein Symbol für Flatus und gele- 
gentlich auch für Urin ist, überein. 

Dem assyrischen Feuergott Gibil wurde, wie so vielen anderen, die 



1) Prof. G. S. Brett war so freundlich meine Aufmerksamkeit auf Piatos 
scherzhafte Etymologie zu lenken: (Jjuxv) = ^q'üotv &x et * ai - £)(£!, das, was die Natur 
verwaltet. Er fügt hinzu, das Wort tyzX ist kein allgemein gebräuchliches und 
hängt philologisch mit einer Anzahl von Worten zusammen, welche Pfeife oder 
Kanal bedeuten; es ist überdies ein Ausdruck für „anschwellen" und in der Form 
6xeüca bedeutet es den Vollzug des Sexualakts. 

2) Röscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mytho- 
logie, S. 3202. 

3) Jung, Op. cit., S. 205—209. 

4) Jung, Op. cit., S. 388. 

5") Khändogya-Upanishad, III, 13, 3. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 



75 



Rolle des Logos zugeschrieben J und wir haben oben den engen Zusammen- 
hang zwischen der Sprache und der christlichen Dreieinigkeit, besonders 
dem Heiligen Geist, bemerkt. Es ist daher ganz folgerichtig, wenn auch 
der Heilige Geist mit dem Feuer verglichen wird. Johannes der Täufer 
predigte: „Ich taufe euch mit Wasser zur Buße, der aber nach mir 
kommt, ist stärker denn ich, dem ich auch nicht genugsam bin, seine 
Schuhe zu tragen, der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer 
taufen." (Matthäus, III, 11.) Durch Feuer gereinigt (d. h. wiedergeboren) 
zu werden, ist eine auch in der alltäglichen Redeweise gebräuchliche 
Metapher; ihr Ursprung (aus den Gasen des Körpers), der auch an 
dieser Stelle durchleuchtet, wurde oben im Zusammenhang mit der 
Taufe erklärt. In den Acta Ap. (II, 3) lesen wir ferner folgende Be- 
schreibung der Herabkunft des Heiligen Geistes: „Und man sah an 
ihnen die Zungen zerteilet, als wären sie feurig. Und er setzte sich auf 
einen jeglichen unter ihnen. 

Aus Anlaß der Erwähnung der Zunge in der zuletzt zitierten Stelle 
wird es wohl am Platze sein, einige Worte über diesen Gegenstand 
zu sagen, soweit er zu unserem Thema gehört. Symbolisch ist die Zunge 
gleichbedeutend mit dem Schnabel der Taube, denn beide sind phallisch 
zu deuten. Ihre physiologischen Kennzeichen machen sie für diese 
Symbolik besonders geeignet; so der Umstand, daß sie ein rotes, gefährliches, 
spitziges Organ ist, sich selbständig bewegen kann, gewöhnlich verborgen 
ist, aber hervorgestreckt werden kann (wie es die Kinder tun, um 
jemanden zu verhöhnen : Exhibitionismus aus Trotz) und eine Flüssigkeit 
(Speichel) ausscheidet, die ein gebräuchliches Symbol für den Samen ist. 
In Böhmen trägt ein furchtsamer Mensch die Zunge eines Fuchses, 2 um 
dadurch kühn zu werden, ein Vorgehen, dessen Sinn ganz klar ist. Der 
englische Ausdruck spit-ßre (wörtlich = Spuckfeuer), der auf jemanden 
angewendet wird, der eine scharfe Zunge besitzt, ist vielleicht ein Über- 
bleibsel des Glaubens an Drachen, von deren beiden Körperenden Feuer 
ausging. Im Rigveda heißt der Feuergott Agni, „der mit der schönen 
Zunge" ; seine Zunge ist wie die phallischen Zauberwurzeln so mächtig, 
daß sie alle Hindernisse überwinden kann. 3 Vom Feuer heißt es wie 



1) T i e 1 e, Babylonisch-assyrische Geschichte, 1886, S. 520. 

2) Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren, 1 864, S. 54. 
5) H i r z e 1, Gleichnisse und Metaphern im Rigveda. Zeitschrift für Völker- 
psychologie, Jahrg. XIX, S. 556 f. 



7 6 



Kniest Jon 



es 



von der Zunge, daß es Jecke (lingua und die verwandten Worte stammen 
aus dem Sanskrit lih = lecken). Die Vorstellung von der gefährlichen 
Waffe zeigt sich in literarischer Gestalt in der Vision Johannis von 
dem Wesen, über das er schreibt (Apokalypse, XIX, 15): „Und aus 
seinem Munde ging ein scharfes Schwert." (Gleichfalls ein beliebtes 
phallisches Symbol.) An einer andern Stelle (Apokalypse, I, 16) beschreibt 
er den Menschensohn mit einem scharfen zweischneidigen Schwert, das 
von seinem Munde ausgeht. Der Heilige Geist war nicht das einzige 
göttliche Wesen, das in Gestalt einer Zunge zur Erde herabstieg, denn 
genau das gleiche wird von dem ägyptischen Gotte Ptah erzählt, der 
wie Jahwe, durch das Wort erschaffen hat. 

Die Zunge hat auch Zusammenhang mit dem Ernährungssystem. Ist 
sie doch im Ernährungskanal gelegen und dient sowohl dazu, Nahrung 
aufzunehmen als auch auszuspucken, was ausgeschieden werden muß 
(schlechtes Essen, Schleim usw.) ; die Inder gaben ihr den Namen Atri, 
„denn mit der Zunge wird gegessen und Atri steht für Atti, das Essen". 1 Sie 
steht auch in enger Beziehung zu den oben erwähnten Ideen von den 
Gasen des Körpers. In vielen Sprachen, z. B. im Englischen und Fran- 
zösischen, wird dasselbe Wort benützt, um Zunge und Sprache zu 
bezeichnen, und die Beziehung zu begeistertem Sprechen und Denken 
zeigt folgende Stelle -aus den Acta Ap. (II, 4): „Und wurden alle voll 
des Heiligen Geistes und fingen an zu predigen mit anderen Zungen, 
nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen." Die Assoziation 
Zunge — Sexualität — Sprache tritt deutlich in einigen Fällen von 
Nachtmar- Aberglauben hervor, die von Laistner 2 gesammelt wurden; 
dazu will ich einen aus Böhmen hinzufügen,* daß die Zunge einer 
männlichen Schlange, wenn man sie dem Tiere in der St. Georgsnacht 
ausschneidet, jemandem, dem man sie unter die Zunge legt, die Gabe 
der Beredsamkeit verleiht. Eine ähnliche Erklärung muß auch für den 
wohlbekannten irischen Glauben gelten, daß jedem Beredsamkeit zuteil 
wird, der den fast unzugänglichen Blarney-Stein küßt. Man sieht also, daß 
die Zunge Beziehungen zu den Begriffen Feuer, Sprache, Sexualität und 
Gottheit hat, eine Tatsache, die wir später näher erörtern wollen, wenn 
wir die Verbindung des aussendenden Organs mit den Gasen besprechen. 

1) Brihadäranyaka-Upanishad, IT, 2, 4. 

2) Laistner, Das Rätsel der Sphinx. 1889, Bd. I, S. 41 f. 

3) Grohmann, Op. cit, S. 81. 









Die Kmpfängiiis der Jungfrau Maria durch das Ohr 77 



6) Geruch 

Diese Eigenschaft unterscheidet sich von den bisherigen dadurch, daß 
sie bei den Gasen des Darmes viel stärker hervortritt als beim Atem ; sie 
ist daher um so wichtiger für unseren Vorsatz, die Rolle der ersteren 
darzulegen. Die wichtige Beziehung des Geruchsinnes zur Koprophilie 
ist den Ophresiologen ebenso wie den Psychoanalytikern wohlbekannt, 
und man hat klar nachgewiesen, daß die Vorliebe für angenehme 
Gerüche und Aromatika ein ins Bewußtsein eingetretener Ersatz der- 
jenigen ist, die Kinder oder primitive Völker für den Geruch der 
Exkremente hegen. Aus beiden Gründen ist der Schluß berechtigt, daß 
in den Fällen, in denen der Geruchsinn eine Rolle bei der Bildung 
von Anschauungen gespielt hat, diese eine nähere Beziehung zu den 
Darmgasen als zu dem Atem haben werden. 1 Auch wenn der Geruch 
des Atems eine Rolle spielt, ist er sicherlich erst sekundär für den 
andern eingetreten ; bei der Psychoanalyse von Patienten, die einen 
besonderen Widerwillen gegen den Geruch des Atems haben, stellte es 
sich jedesmal heraus, daß der Ursprung in der Verdrängung einer ausge- 
sprochenen Analerotik zu suchen war. Dieselbe Assoziation tritt oft in volks- 
tümlichen Redensarten und Aberglauben zutage ; „anhauchen war in Sparta 
eine Bezeichnung für den Akt der Päderastie 2 und in Rom glaubte man, 
daß die Päderasten einen üblen Geruch aus dem Munde hätten. 3 

Wir wollen mit der Rolle beginnen, die der Geruchsinn bei den 
philosophischen Ideen spielte. Heidel 4 schreibt: „Aromatika, die die 
Fähigkeit besitzen, fortwährend Ströme von Effluvien auszusenden, ohne 
sich dabei sichtlich zu verringern, waren für das griechische Denken 
von großer Wichtigkeit, obwohl dies bisher allgemein übersehen wurde." 
Dies gibt z. B. den Schlüssel für den sonderbaren Widerspruch, daß, 
obgleich man doch durch Verdampfung oder Destillation chemisch reines. 
Wasser erhält, die Griechen nichtsdestoweniger glaubten, durch diesen 

1) Man könnte glauben, daß das Alter dieser begrabenen Assoziation einer der 
Gründe für die rätselhafte affektive Macht von Gerüchen, besonders bein Wieder- 
aufleben vergessener Erlebnisse (als Deckerinnerungen) ist ; die Schriftstellerin 
M a r 1 i 1 1 sagt ganz richtig in ihrer Novelle „Das Eulenhaus" : „Nichts in der 
Welt macht Vergangenes so lebendig wie der Geruch." 

2) Fehrle, Die kultische Keuschheit im Altertum, igio, S. 86. 

3) M a r t i a 1, Epigrammata, Lib. XII, 86. 

4) Heidel, Op. cit., S. 125. 



7° Ernest Jones 



Prozeß gingen verschiedene nährende Substanzen vom Wasser in das 
innere Feuer und Pneuma über; sie scheinen nämlich das Wasser nicht 
als reines Element angesehen zu haben, sondern als Flüssigkeit, die alle 
möglichen Substanzen in sich enthält. 1 Dieser letztere Glauben geht 
offenbar ins Kindesaller zurück und bezieht sich ursprünglich auf den 
Urin, dessen Vorstellung als Flüssigkeit, die etwas Festes in sich enthält, 
für so viele Gedankenketten fruchtbar war.- Die Lösung des Wider- 
spruches gibt die Beobachtung, daß beim Verdampfen einer Flüssigkeit 
die flüchtigsten Teile, die nicht notwendig reiner Wasserdampf sein 
müssen, emporgetragen werden, während die schwereren, gröberen Teile 
sich davon trennen und zurückbleiben. Der ganze Prozeß also, der für 
die individuelle und kosmische Pneumalehre von grundlegender Wichtig- 
keit war, wurde als Verdampfung und Übergang der flüchtigen, die 
Quintessenz enthaltenden Elemente angesehen, die nur für den Geruchsinn 
bemerkbar waren. So wurde zwischen diesem Sinn und der Vorstelluno- 
eines essentiellen Bestandteiles die engste Assoziation gebildet, die sich 
auch heute noch in dem Gebrauche des Wortes „essentiell" findet. 
(Vgl. Essenz, ein essentieller Gedanke ; im Englischen essential oil = 
ätherisches öl.) 

Die Wichtigkeit des Geruches läßt sich auch noch direkter nachweisen. 
Man denke nur an die große Rolle, die der Weihrauch in so vielen 
Religionen spielte; und man weiß ja, daß dieser für den früheren 
„süßen Geschmack" verbrannter Opfergaben eintrat. 3 (Geschmack und 
Geruch wurden erst auf einer späten Kulturstufe auseinandergehalten; 
■die Griechen z. B. bezeichneten eine Zeitlang beide mit demselben 
Worte rjbovri.) Der Geruch des Opfers galt immer als angenehm für 
•die Götter. Der von H e r o d o t beschriebene Jungbrunnen in Äthiopien 
war aromatisch und so ätherisch, daß man ihn fast mit einem Dampfbad 
vergleichen konnte; auch die Ambrosia, von, der sich die Götter nährten, 
hatte einen wunderbaren Duft. Von den Aromatika glaubte man 
aligemein in Griechenland, daß sie „Enthusiasmus" oder Besessenheit 
durch die Götter herbeiführen;* überhaupt wurde jede Art von Inspiration 



1) Siehe H e i d e 1, Op. cit., S. 142 f. 

2) Siehe den zweiten Teil meines schon erwähnten Aufsatzes, Imajro 
Jahrg. I, Heft 5. b 

5) S. Atchley, A History of tlie Use of Incense, 1909, pp. 18, 76 usw. 
4) Rohde, Op. cit., Bd. II, S. 60 ff. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr ja 

damit in Zusammenhang gebracht. Die Pythia z. B., die Priesterin 
Apollos, schrieb ihre Inspiration teilweise dem Gerüche des heiligen 
Lorbeers zu und teilweise den Dämpfen, die unter ihrem Dreifuß 
hervorkamen. 1 Es ist interessant, daß in der germanischen Mythologie 
poetische Inspiration auf den Genuß eines göttlichen Trankes zurück- 
geführt wurde; Odrerir war der Dichtertrank oder das Lebenselixier 
Odhins, psychologisch äquivalent dem Ambrosia, Nektar, Soma und 
Samen. Die sexuelle Bedeutung des Trankes wird deutlich genug in 
dem Mythos, daß Odhin von ihm Besitz ergriff, indem er in ein Gebirge 
in Form einer Schlange eindrang und so Gunnlod, die Tochter des 
Giganten, erreichte, deren Liebe er natürlich gewinnt; Odrerir selbst 
ward bereitet durch Mischung von Honig mit dem Blute des Kväfir, 
eines weisen Mannes, der seine Existenz der Mischung von zweierlei 
Speichel verdankte. 2 Gebräuche zur Herbeiführung der Inspiration mit 
Hilfe von Gerüchen sind weit verbreitet; sie werden zitiert bei Frazer 3 von 
Bali, Indien, Madura, Uganda usw. In Griechenland waren die Speisen, 
die man beim Hochzeitsfeste und bei den heiligen Mahlzeiten der 
Mysterien zu sich nahm, alle sehr scharf oder aromatisch; und dasselbe 
war bei den Pflanzen der Fall, die man bei den Begräbnissen unter 

die Toten legte. 

Nach dem homöopathischen Prinzip „Gleiches gegen Gleiches" fanden 
stark riechende Substanzen ausgedehnte Verwendung, um unangenehmen 
oder gefährlichen Einflüssen entgegenzuwirken. In Griechenland waren 
nach Heidel* „Exhalationen und Effluvien verschiedener Art die 
hauptsächlichsten Abwehr- und Beinigungsmittel bei den verschiedensten 
Anlässen". Hitze und Kälte dachte man sich ihrem Wesen nach als 
Effluvien, und es ist daher kein Wunder, daß das Feuer das Beinigungs- 
und Abwehrmittel par excellence war, da es die deutlichsten Aus- 
strahlungen besitzt; daß diese bei der Wirksamkeit in Betracht gezogen 
wurden, bezeugt Piatons Bemerkung: „Die Dämonen lieben den 
Bauch der Fackeln nicht." 5 Fast alle der Medizin der Griechen bekannten 



i) Bethe, ,.Die dorische Knabenliebe". Rheinisches Museum, Bd. LXII. 

S. 458—475- 

2) Mogk, Germanische Mythologie 1906, S. 46 f. 

5) Frazer, The Magic Art, 1911, Bd. I, S. 579, 585 f. 

4) H e i d e 1, Op. cit., S. 126. 

5) Viele Beispiele für die Abwehr böser Einflüsse, besonders von Hexen, durch 
Weihrauch, faulige Gerüche, Rauch, Räucherung usw., gibt Frazer: The Magic 



8o Kniest Jones 



kathartischen Heilpflanzen besaßen einen starken Geruch, sei es wider- 
wärtig oder aromatisch; Weine waren diuretisch, diachoretisch oder 
obstipierend, je nachdem, ob sie aromatisch waren oder nicht. Das 
Olivenöl verdankte seine Anwendung als tägliche Salbe und bei 
Begräbnissen zweifellos teilweise seinen aromatischen Eigenschaften; 
daher sein Gebrauch oder der von Wein beim ersten Bad des neugeborenen 
Kindes und weiterhin bei der christlichen Taufe. Wir dürfen auch die 
ausgedehnte Verwendung der Räucherung von Seiten der griechischen 
Ärzte nicht übersehen, so die innere Räucherung von Frauen nach der 
Geburt und als Mittel gegen Amenorrhoe. 1 Aber wir brauchen, um 
solche Beispiele zu finden, nicht nach dem alten Griechenland zu 
gehen. Die Verwendung von Öl zur Taufe und das Schwingen von 
Weihrauchfässern ist in der ganzen .katholischen Kirche verbreitet, an 
die räuchernde Kraft des Schwefels, auf die Homer anspielt, glaubt jede 
Hausfrau demütig, obgleich es ganz klar ist, daß sie nicht existiert; 
niemand schenkt einer Medizin Zutrauen, die keinen Geruch besitzt, 
und die Bakteriologen konnten es nur mit der größten Mühe den 
Chirurgen ausreden, die Wirkung eines Desinfektionsmittels nach seinem 
Gerüche zu schätzen. 

Wir sehen also, daß der Begriff Geruch mit Hitze, Feuer, Dampf und 
Sprache (Inspiration) verwoben war, daß eine gasförmige Substanz mit 
starkem Gerüche als förderlich für die Fruchtbarkeit der Frauen, 2 Herden 
und der Erde (s. o. S. 68), als angenehm für die Götter und als Ab- 
wehrmittel gegen böse Geister und Krankheit galt. Ich möchte behaupten, 
daß diese beständige Überschätzung in Folklore und früher Philosophie 
in hohem Maße dem Umstände zuzuschreiben ist, daß der Geruch eine 



Art. Bd. II, The Scapegoat und Balder the Beautiful, Bd. I und II. Der ursprüng- 
liche Sinn dieser Prozedur wurde von Luther erraten. (Siehe S. 53.) In der dunklen 
Vorzeit wurden böse Geister entweder durch Purgentien oder durch Beten und 
Fasten ausgetrieben. Ihr Verschwinden fiel mit dem Wegfall innerer Geräusche 
zusammen, die bei Leere der Gedärme weichen. (Mündliche Mitteilung von 
Prof. G. S. Brett.) 

») Diese drei Sätze stammen aus H e i d e 1, Op. cit., S. 127. 

2) Ein poetischer Hinweis darauf kann in M i 1 1 o n s Samson Agonistes 
gefunden werden, der zu Dalila folgendermaßen spricht: 

Who also in her prime of love, 
Sponsal embraces, vitiated with gold, 
Though off er' d only, by the scent conccived 
Her spurious firsi-born, treason against me. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 8l 



hervorragende Eigenschaft des abwärts gehenden Gases ist, das im primitiven 
Denken eine so große Rolle spielt. Auf jeden Fall könnte man sie nicht 
von dem Atem herleiten, dessen Geruch so viel weniger charakteristisch ist. 

y) Zusammenfassung 

Wir wollen nun unsere Schlußfolgerungen über die Atemsymbolik 
kurz, zusammenfassen. Ausgehend von der Erwägung, daß der Atem offen- 
bar im menschlichen Gedankenleben eine Rolle spielt, die der ihm von 
Natur anhaftenden psychischen Redeutung nicht entspricht, haben 
wir geschlossen, daß ein großer Teil seiner Wichtigkeit von einer ur- 
sprünglicheren Vorstellung auf ihn übergeleitet worden sein muß. Reim 
einzelnen Menschen fanden wir durch die Psychoanalyse, daß respiratorische 
Prozesse gerne nach dem Muster der Ernährungsprozesse erklärt werden, 
zu denen sie ja phylogenetisch ihrem Ursprünge nach gehörten und vom 
Gesichtspunkte des Funktionswandels noch gehören und die in Anbetracht 
der Sexualisierung der entsprechenden Gefühle im Leben des einzelnen 
von grundlegender und dauernder psychischer Redeutung sind. Diese 
Schlußfolgerung wird im weitesten Umfang bestätigt durch eine Unter- 
suchung der Ideen, die sich an den Atem angeschlossen haben; um dies 
zu illustrieren, wurde das Material gewählt, das die griechische und 
indische Philosophie bot, der leichten Zugänglichkeit und der hervor- 
ragenden Stellung wegen, die diese Idee dort einnimmt. Wir haben ge- 
funden, daß, ebenso wie beim Kinde, die Vorstellung der Respiration 
gegenüber der der Ernährung sekundär ist; ferner daß der Atem viel 
von seiner Wichtigkeit und Redeutung dadurch gewinnt, daß man ihn als 
etwas betrachtete, das die Nahrung hinunterschlingt, weitertreibt, verteilt 
oder ausstößt, sich außerdem aufs engste mit ihr bei der Verdauung zu 
einer Art Dampf mischt, dem inneren Pneuma, welches der Träger der 
Nahrung zu ihrem System, der Leiter der Impulse der Empfindungs- 
und Bewegungsnerven, der Erzeuger der Fruchtbarkeit, des Denkens, des 
Verstandes und der Seele wird; dieses aus der Zersetzung im Darme her- 
vorgegangene innere Pneuma, an dessen Entstehung der eingeatmeten 
Luft bisweilen, aber nicht immer, ein Anteil zugeschrieben wird, ist der 
wahre „Hauch", der für diese sekundären Vorstellungen verantwortlich 
ist und nicht allein, wie man allgemein annimmt, der eingeatmete Hauch 
im gewöhnlichen Sinne. 

Jones, Zur Psychoanalyse der christlichen Religion. ß 



82 Ertiest Jones 



In den Ideen, die sich historisch auf dem Atem aufbauten, erkennen 
wir dieselben wieder, die im Unbewußten symbolisch die Gase des Darmes 
darstellen, Wind, Feuer, Sprache, Musik, Denken, Seele usw. Die 
symbolisch dargestellte Vorstellung scheint sich besonders leicht den 
feinsten Arten der Sublimierung darzubieten, eine Eigenschaft, die sich 
psychologisch aus der Intensität der Verdrängung, der sie unterworfen 
wurde, erklären läßt. 1 Auf zwei Beispiele möge man besonders die 
Aufmerksamkeit lenken: auf die Rolle, die Weihrauch und Musik, 
besonders Gesang in der Religion spielen, und auf die vorherrschende 
Auffassung von der Seele". Besonders letztere ist überraschend und man 
kann die verschiedenen Stadien ihres Wachstums im griechischen Denken 
deutlich verfolgen. Beginnend bei dem nährenden Wasser, der Quelle 
aller Dinge, sehen wir, wie die roheren Bestandtteile sich niederschlagen 
und beiseite treten, während die feineren Elemente, die Essenz der 
Essenzen, sich zu einem Dampf (Pneuma) destillieren; dieser wird zu 
seiner Zeit von aller noch anhaftenden Schwere befreit und verdünnt 
zu einem luftartigen Medium, ätherisch und geistig, unfaßbar, unsichtbar 
und undefinierbar, der Psyche; so groß ist die Macht, die dem magischen 
Laboratorium, dem Verdauungstrakt, zugeschrieben wurde. Diese außer- 
ordentliche Fähigkeit zur Sublimierung ist wahrscheinlich der Grund, 
weshalb die der primitiven Hauchseele entstammende Seelen Vorstellung 
die von der Schattenseele stammende endgültig verdrängte; sie ist 
nämlich besser geeignet zum Ausdrucke der erhabensten Ideen der 
Reinheit und Geistigkeit. 

Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Sublimierung des ursprünglichen 
Interesses in ihrem historischen Verlauf stufenweise vor sich ging, wie 
es beim Individuum der Fall ist, und man könnte die folgende 
Beschreibung dieser Stufen wagen. Notwendigerweise kann ein solcher 
Versuch nur schematisch sein, denn man darf nicht annehmen, daß die 
Entwicklung bei allen Individuen oder allen Völkern in derselben 
Reihenfolge vor sich geht. Irgend ein durch Sublimierung entstandenes 
Interesse kann daher eine der beschriebenen Stufen nach einer Seite 
darstellen, aber vielleicht nicht nach allen. Wir haben nun also anfangs 
Glauben und Anteil an äußeren Phänomenen, die auf rohe Weise den 
ursprünglichen, persönlichen ähneln, so den Glauben, daß heiße, übel- 



1) S. hiezu Freud, Ges. Schriften, Bd. V, S. 470. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 83 



riechende Dämpfe, die aus den „ Ein ge weiden" der Erde hervorbrechen, 
zu erhöhter Fruchtbarkeit führen. Das erste Stadium der Sublimierung 
bestand zweifellos in der Ersetzung unangenehmer Gerüche durch 
angenehme; es ist das Stadium der Aromatika, der Ambrosia und des 
Weihrauchs. Das zweiteStadium entstand dadurch, daß das Element 
des Geruches vollständig eliminiert wurde. Da wandte sich das Interesse 
solchen Vorstellungen zu, bei denen Töne eine Rolle spielten, entweder 
in Form von Lärm (Schrei, lärmende Instrumente, „Brummer", Donner) 
oder von Musik; auch die Sprache und das gesprochene „Wort" gehören 
hierher. Das dritte Stadium sah die Entfernung des Schalles, die 
Entwicklung der Pneumalehre, der Verdampfungstheorien und der 
Anschauung von der kosmischen Respiration. Im vierten Stadium 
verschwindet die Feuchtigkeit und das Interesse konzentriert sich auf 
die Wichtigkeit von Hitze und Feuer sowohl bei den Prozessen im 
Kosmos als bei denen im Individuum (Respiration und Verdauung, Ver- 
feinerung der Pneumadoktrin). Im fünften Stadium ist auch dies 
verschwunden und zurückgeblieben sind „der Hauch Gottes", die Winde, 
die äußere Luft usw. Das sechste und Endstadium findet auch 
dieses Hervorheben der blasenden Bewegung allzu unerträglich, da es, 
wie dunkel auch immer, an die ursprüngliche Vorstellung erinnert. Der 
Komplex ist jetzt „gereinigt von aller irdischen Schwere" und imstande, 
so erhabene Gedanken, wie die von der „vernünftigen Seele", dem 
Weltäther und dem Weltbewußtsein auszudrücken. Fünf von den sechs 
ursprünglichen Attributen (Geruch, Geräusch, Feuchtigkeit, Wärme und 
Bewegtheit) sind eliminiert worden durch fortschreitende Prozesse der 
Desodorisation, des Geräuschlosmachens, Entfeuchtens, Abkühlens und 
Ruhigstellens, und nach diesen Prozessen ist nur die abstrakte Vorstellung 
eines Fluidums geblieben, das unsichtbar, unfaßbar, unhörbar und 
geruchlos, d. h. für keinen Sinn wahrnehmbar und zugänglich ist. Doch 
sieht man, daß die Sublimierung nur in bestimmten Fällen bis zu 
ihrem logischen äußersten Ende durchgeführt wurde und daß alle 
Attribute noch heute, fast so wie in der Vergangenheit, den verschiedensten 
Ausdruck finden. 

Man muß immer im Auge behalten, daß viel von der unserem 
Gegenstande beigelegten Wichtigkeit nicht physiologischer oder philo- 
sophischer Spekulation entspringt, sondern den sexuellen Interessen und 
Sensationen des infantilen Lebens. Für die kleinen Kinder und im 



"4 Kniest Jones 



Unbewußten auch für die Erwachsenen sind die Gase des Darmes vor 
allem eine sexuelle Materie, das symbolische Äquivalent für Urin und 
später für den Samen. Daß sie auch in ihren bewußten Äußerungen 
immer noch einiges von ihrer ursprünglichen Bedeutung zurückbehalten 
haben, zeigen die oben erwähnten zahlreichen Fälle von Aberglauben, 
in denen die sekundär vom Atem abgeleiteten Vorstellungen, wie Wind, 
Sprache, Feuer usw., als Fruchtbarkeitsprinzipien behandelt werden und 
die Fähigkeit zugeschrieben bekommen, im buchstäblichen Sinn zur 
Empfängnis zu führen. 

Zwei Antworten gibt es auf die zu Beginn dieses Kapitels gestellte 
Frage, weshalb der Atem Gottes erwählt wurde, um bei der Legende 
von der Jungfrau Maria die befruchtende Materie darzustellen. Die eine 
heben wir bis zur Betrachtung einiger anderer Züge der Legende auf. 
Die andere ist gegeben durch unsere Analyse der infantilen Quelle des 
Materials, die erwies, daß es sich um eine Ausscheidung handelt, die 
sich besser als jede andere zur Entsinnlichung eignet. Doch haben wir 
noch ein anderes, ebenso wichtiges Motiv und seine zugrunde liegende 
Bedeutung zu erörtern. 

IV 
DIE TAUBE UND DIE VERKÜNDIGUNG 

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, daß in unserer Legende 
die beiden Gestalten der heiligen Taube und des Erzengels Gabriel in 
doppelter Gestalt eine und dieselbe Idee verkörpern, denn sie sind beide 
göttliche Boten, die in das Ohr der Gottesmutter hauchen, der eine 
den Atem, der andere das Wort; ferner haben sie noch eine Eigenschaft 
gemeinsam: sie sind beide beschwingte Wesen. Es kann kein Zweifel 
daran bestehen, daß ihre Bedeutungen ziemlich stark ineinandergreifen, 
aber nähere Überlegung zeigt, daß die Doublette, wie vielleicht alle 
symbolische Verdoppelung, eine Art der mythologischen „Zerlegung" 
bildet. Mit anderen Worten, die beiden Gestalten stellen von der 
Hauptperson abgespaltene Eigenschaften dar, die nahe miteinander ver- 
wandt, aber nicht ganz identisch sind. 

Es ist klar, daß die Gestalt eines Boten überhaupt stets auf diesem 
psychologischen Prozeß beruht, der, genau genommen, eine Art von 
Projektion ist. Ein Bote repräsentiert eine oder mehrere Seiten der 



Hauptperson; z. ß. die Gedanken des Königs über einen bestimmten 
Punkt. Psychologisch könnte er ein Teil des Königs genannt werden, 
da er seine Wünsche ebenso ausführt wie des Königs Hand. Anders 
ausgedrückt, er symbolisiert den König, indem er die eine oder andere 
seiner Eigenschaften verkörpert. Ursprünglich, und das wird aufs beste 
illustriert durch die Geschichten von den Engeln und von Satan im 
Alten Testament, war ein Bote vielmehr derjenige, der die Wünsche 
des Königs ausführte, als der bloß Nachrichten überbrachte. In Zeitaltern, 
die dem Realitätsprinzip weniger Aufmerksamkeit schenkten, wurde das 
auch offenbar so aufgefaßt, denn man betrachtete den Boten als voll- 
kommen verantwortlich für die Nachrichten, die er brachte, und tötete 
ihn, wenn sie schlecht waren. Auch heute — wenigstens bis zum Kriege 
— finden sich Anzeichen dieses Verhaltens in der besonderen Ehrfurcht 
vor Gesandten und anderen beglaubigten Vertretern eines Staates. 

Dieselbe primitive Auffassung tritt auch in unserer Legende zutage, 
denn die Verkündigung trifft zeitlich genau mit der Empfängnis 
zusammen; ja, mehr noch, man könnte sagen, daß sie sie in gewissem 
Sinne tatsächlich bewirkt. Und hier können wir auch den Unterschied 
in den Rollen des Engels und der Taube sehen. Während nämlich in 
älteren Mythologien, z. B. in der griechischen, das höchste Wesen. 
wenn es sich mit einer Sterblichen vereinigen will, ihr nur in der 
symbolischen Gestalt eines befruchtenden Boten erscheint, einer Schlange, 
eines Schwanes oder sonst irgend eines phallischen Symbols, begnügt 
es sich im christlichen Mythus nicht damit, sondern erscheint überdies 
noch in der Gestalt eines Mannes. Der Erzengel Gabriel verkörpert 
also das göttliche Wesen in menschlicher Gestalt oder, genauer gesagt, 
diejenige Seite, die eine menschliche Handlung durchführen will; dieser 
Wunsch, die Ursache der Handlung, ist identisch mit der Verkündigung, 
und da die Wünsche Gottes so wie die eines Zwangsneurotikers allmächtig 
sind, dürfen wir uns nicht wundern, daß wir auf den ersten Blick nur 
schwer die Rollen des Wunschsymbols (des Engels) und des Boten, der 
den Wunsch ausführen soll (der Taube), auseinanderhalten können. Die 
wahre Bedeutung Gabriels enthüllt uns der heilige Jephrem 1 in seiner 

1) St. Jephrem, De Divers. Serin. I, 600. In einer syrischen Überlieferung; aus 
dem 4. Jahrhundert (The History of the Blessed Virgin Mary, edited by Wallis Budge, 
1899, pag. 22) finde ich, daß „Gabriel erschien vor ihr in der Gestalt eines achtung- 
gebietenden alten Mannes, damit sie nicht vor ihm fliehen möge". 



86 Ernest Jones 



Naivität. „Der Erzengel Gabriel wurde in Gestalt eines ehrwürdigen 
alten Mannes gesandt, damit eine so keusche und sittsame Jungfrau 
nicht durch eine jugendliche Erscheinung beunruhigt oder von Furcht 
ergriffen werde." 

Bei der Verkündigung hält der Erzengel Gabriel in seiner rechten 
Hand eine Blume, gewöhnlich eine Lilie. Blumen waren stets Attribute 
der Frauen, besonders ihrer genitalen Sphäre, wie der Gebrauch des 
Wortes „Defloration" und viele Stellen im Hohen Liede anzeigen. Eine 
Blume symbolisiert ein Kind (im Unbewußten ein Äquivalent für das 
weibliche Genitale); die Assoziation wird gebildet durch die angenommene 
Unschuld und Geschlechtslosigkeit beider — die in dem einen Fall 
ebenso fiktiv wie in dem andern ist — und durch den Ursprung der 
Blumen aus der Mutter Erde durch Begießen und Anbauen. 1 Die Blume 
stellt also hier das Kind 2 vor, das der göttliche Gesandte der Jungfrau 
Maria verspricht und darbietet, oder richtiger, gibt. 

Die Lilie galt als ein spezielles Attribut Marias, da sie sowohl ihre 
Mutterschaft als auch ihre Unschuld symbolisierte, und hatte bis zum 
14. Jahrhundert bei der Darstellung der Verkündigung den Platz immer 
an ihrer Seite; später wurde sie entweder, wie in dem hier beigegebenen 
Bilde, zwischen die Jungfrau Maria und Gabriel 3 gestellt oder in des 
letzteren Hand gelegt. Beide Seiten der Symbolik kommen in folgender 
Beschreibung zum Ausdrucke: 4 „Maria ist die Lilie der Keuschheit, aber 
sie glüht in Flammen der Liebe, um süßesten Duft und Gnade rings 
um sich auszustreuen. ' Ein wundervoller Duft war eines der hervortretenden 
physischen Kennzeichen der Gottesmutter und wird von den Kirchenvätern 
immer wieder erwähnt. So nennt Chrysostomus sie „das Paradies, 
das erfüllt ist mit dem göttlichsten Duft". s Die Lilie hat im Altertum 
eine lange Geschichte und war immer das Symbol der Unschuld. Ihr 
Name stammt vom griechischen leiptav (= einfach). Die Römer nannten 



1) Die koprophile Assoziation, die hier angedeutet ist, wird verstärkt durch 
die Tatsache, daß ein anziehender Geruch eine der auffallendsten Eigenschaften der 
Blumen ist. 

2) Eine genaue Illustration zu dieser Assoziation habe icli — auch hier ist es 
gerade eine Lilie — im Jahrbuch der PsA., Bd. V, Einige Fälle von Zwangsneurose, 
Fall 5, gegeben. 

5) S. Bild. 

4.) P e t r. Dam., De Nat. Beat. Virg. 5. 

5) Chrysostomus, De Beatae Mariae Virg. 7. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 87 

sie die Rose Junos, denn man meinte, sie sei aus der reinen Milch der 
Himmelskönigin entstanden. Man brachte sie in Beziehung zur keuschen 
Susanna, da der hebräische Name der Lilie shusham ist. (In anderen 
semitischen Sprachen lautet er susanna; in Persien, woher die Lilie 
gekommen sein soll, war die alte Hauptstadt Susa nach ihr genannt.') 
Sie war ein Lieblingsattribut der jugendlichen Aphrodite. Auch zur Seele 
steht sie in enger Beziehung. Die Griechen, besonders die Athener, 
streuten Lilien auf die Gräber ihrer Toten. Die Ägypter glaubten, daß 
die Hülle des Geistes sich im Himmel zur himmlischen Lilie umwandle, 
die der Gott Ra an seine Nase hielt. 2 

Wenden wir nun unsere Aufmerksamkeit der zweiten Gestalt zu, der 
heiligen Taube, so haben wir zwei Fragen zu beantworten : Warum wurde 
der Heilige Geist in Gestalt eines Vogels dargestellt, und warum gerade 
als Taube? Bis jetzt haben wir den Heiligen Geist als Symbolisierung 
des befruchtenden Lebensprinzips angesehen, aber aus dem vorhin Gesagten 
ergibt sich, daß er ebensogut dessen dem Willen des Vaters 3 gehorsamen 
Überbringer bedeutet. 



1) S. Strauß, Die Blumen in Sage und Geschichte, 1875, S. 78—80. 

2) Wallis Budge. Osiris and the Egyptian Resurrection. 191 1, Vol. I. pag. 1 11. 
5) In diesem Aufsatz ist die Idee des Heiligen Geistes nur im Hinblick auf 

ihren männlichen Gehalt betrachtet, wie es der christlichen Mythologie eigentümlich 
ist. Bekanntlich ist die christliche Dreieinigkeit ein Abkömmling einer ursprünglichen, 
die in den älteren Religionen, z. B. der babylonischen, ägyptischen, griechischen 
usw. zu beobachten ist, wo sie Vater, Mutter und Sohn umfaßt. Die streng 
patriarchalische hebräische Auffassung wies der Mutter eine untergeordnete Rolle 
an und stellte den Sohn in eine ferne Zukunft, erhielt aber ihre ursprüngliche 
Beziehung. Die christliche Theologie ersetzte die Mutter durch den männlichen 
Heiligen Geist (eine Kombination des Phallus und des Befruchtungsprinzips), stellte 
in praxi aber ihre Wichtigkeit wieder her. Der Versuch der melchitischen 
Sekte in Ägypten, die ursprüngliche Dreiheit von Vater. Maria und Messias 
festzuhalten, wurde am Konzil von Nikäa verworfen; die Erinnerung daran läßt 
den Kardinal Newman so in Ekstase geraten, daß er von einem „wahrhaften Gedicht 
der Blasphemie" spricht (H i s 1 o p. The Two Babylons, p. 82). Hebräische Theologie 
und christliche Anbetung bilden das Gegenstück der hebräischen Anbetung und 
christlichen Theologie in ihrer Einstellung gegenüber der Mutter, die von keiner 
dieser Religionen vollständig abgeschafft werden konnte. Es war dem Protestantismus 
vorbehalten, diesen letzten Schritt in der Entwicklung eines rein männlichen 
Schöpfungsmythus zu tun, der zu einem universellen weiblichen Protest in den 
Ländern, die sich zu diesem Glauben bekannten, führte. 

Nun ist es interessant, festzustellen, daß die Idee des Heiligen Geistes eng 
verbunden war mit der eines Vogels und insbesondere einer Taube, sogar in seiner 
ursprünglich mütterlichen Bedeutung. So sollte z. B. die Stelle in der Genesis (I, 2) 



88 Kniest Jones 



Vögel waren immer beliebt zur Darstellung von Kinderbringern und 
werden in der bekannten Storch fabel ' noch jetzt zu diesem /wecke 
verwendet; geflügelte Phalli sind vielleicht die gebräuchlichsten Amulette 
der Römer. 2 Die Möglichkeit dieser Assoziationsbildung wird uns sogleich 
klar, wenn wir die auffälligsten Charakteristika der Vögel betrachten; 
das wollen wir nun der Reihe nach tun. 

i) Flugvermögen . 

Sicherlich ist das Kennzeichen der Vögel, das den größten Eindruck 
auf die menschliche Einbildungskraft machte, ihre besondere Fähigkeit, 
sich nach Gefallen rasch in die Luft zu erheben; wie faszinierend diese 
Idee wirkt, kann man an der Anziehungskraft ermessen, die die Aviatik 
ausübt. Die Psychoanalyse hat nun die diesem Interesse zugrunde liegende 
Ursache enthüllt und gefunden, daß das Emporsteigen in die Luft stets, 
wenn auch unbewußt, mit der Erektion assoziiert wird. 3 Dieses Kennzeichen 
allein würde also die Vögel wohl geeignet machen, als phallische 
Symbole zu dienen. 

Mehrere religiöse Gleichnisse beruhen wenigstens zum Teil darauf, 
So wurde der nach aufwärts gerichtete Flug des Vogels dazu verwendet, 
die Sehnsucht der sich erhebenden Seele zu verkörpern, und in den 
Katakomben werden solche von der Sünde befreite Seelen als Vögel 
dargestellt, die aus ihrem Käfig entrinnen und aufwärts fliegen. So kam 
es auch, daß der Flug eines Vogels die Auferstehung, d. h. Wiedergeburt, 
symbolisierte. Tertullian scheint als erster auf die Ähnlichkeit 
zwischen einem fliegenden Vogel mit ausgestreckten Flügeln und dem 
ans Kreuz geschlagenen Heiland hingewiesen zu haben; später machte 

„und der Geist Gottes schwebte über den Wassern" eigentlich lauten: „Die Mutter 
Gottes schwebte (oder flatterte) über dem Abgrund und brachte das Leben hervor." 
Nach W a 1 1 i s B u d g e ist mach weiblich und stammt aus einer älteren (wahrschein- 
lich babylonischen) Mythologie und heißt „das Weib Gottes". Der Schöpfungsakt 
in der Genesis wird im allgemeinen (z. B. in einem Glasfenster der Kathedrale 
von Auxerre) als von einer Taube vollzogen dargestellt, und wir werden sehen, daß 
dieser Vogel ein besonderes Sinnbild der meisten höchsten Göttinnen war. 

)) Eine genaue Analyse von ihr gab Otto Rank, Die Lohengrinsage, 1911. 

2) S. Vorberg: Museum eroticum Neapolitanum. Ein Beitrag zum Geschlechts- 
leben der Römer, Privatdruck 1910. 

3) Dies wurde zuerst von Federn nachgewiesen. (Zitiert von Freud, Ges. 
Sehr., Bd. III., S. 115 f.) 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 89 

man von diesem Gleichnisse in der religiösen Kunst reichlichen Gebrauch ; 
in den meisten Bildern z. B.. die den heiligen Franziskus darstellen, 
wie er seine Stigmata empfängt, wird der herabsteigende Heiland in 
Kreuzesform als Vogel mit menschlichem Haupte abgebildet. 

2) Kopfform 

Der Hals der Vögel, der denen der Reptilien ähnelt und schlangen- 
artig in den Kopf übergeht; der spitze, pfeilartige Schnabel und seine 
Fähigkeit, sich plötzlich vorzustrecken, das alles sind Züge, die unver- 
meidlich an eine Schlange erinnern und erklären, weshalb dieser Teil des 
Vogelsso leicht unter dem Bilde eines phallischen Symbols angesehen wird. 

}) Abwesenheit äußerlich sichtbarer Genitalien 

Dies berührt den Knaben nach seiner Erfahrung bei anderen Tieren 
und bei sich selbst als etwas Sonderbares und veranlaßt eine Gegensatz- 
assoziation, welche wahrscheinlich kompensatorisch ist und die peinliche 
Wahrheit durch Betonung des Gegenteils zu verleugnen sucht. Ebenso sind 
ja auch Blumen, denen nach populärem Glauben die Genitalien fehlen, 
eines der gebräuchlichsten Liebessymbole. Diese Beobachtung, deren 
Wichtigkeit später noch erörtert werden soll, regt Phantasien an, die 
sie erklären und mit den früher erörterten infantilen Phantasien verketten 
sollen; durch die Analyse solcher Phantasieprodukte werden wir instand- 
gesetzt, helles Licht auf die Frage zu werfen, weshalb ein Vogel zur 
Darstellung des Heiligen Geistes verwendet wurde. 

4) Fähigkeit des Gesanges 

Dieses auffallende Charakteristikum, einzig dastehend im ganzen 
Königreich der Tiere, steht in so offensichtlichem Zusammenhange mit 
der Liebes Werbung, daß es zu der Reihe von symbolischen Äquivalenten 
zu stellen ist, die wir im vorigen Kapitel erörterten. Ich möchte auch 
den Gedanken an den „Donnervogel" erwähnen, der unter den Indianern 
Nordamerikas 1 verbreitet ist, worin auf das Element des Schalls in einer 
Verbindung Nachdruck gelegt wird, die unvermeidlich an den früher 
erörterten Donnerglauben und die Donnerwaffen erinnert. 

1) Siehe Eels, Annual Report of the Smithsonian Institute for 1887, p. 674, 
und Boas, Sixth Report on the North-Westem Tribes of Canada. 1890, p. 40. 



9° Er liest Jones 



j) Beziehung zur Luft 

• 

Es ist nur natürlich, daß die Vorstellung der Luft eine hervor- 
ragende Rolle in den Vogelphantasien spielt, da diese Tiere eine so 
vollkommene Herrschaft über dieses Element besitzen, und ebenso 
natürlich ist der wichtige Anteil der Vögel an aller auf die Luft 
bezüglichen Symbolik; in der Tat, das Fehlen eines Vogels bei einer 
solchen Symbolik würde eher einer Erklärung bedürfen als seine 
Anwesenheit. In den früher erwähnten Beispielen des Glaubens an eine 
Befruchtung von Tieren durch den Wind handelte es sich bedeutsamer- 
weise fast immer um Vögel. Die Vorstellung von einer Befruchtung 
durch eine luftförmige Substanz scheint sich also leicht mit Vögeln 
assoziieren zu lassen. Von dieser Verknüpfung haben verschiedene 
Kosmogonien Gebrauch gemacht. So beschreiben die Polynesier den 
Himmel und Luftgott Tangaroa als Vogel, der über den Wassern 
schwebt, 1 und G h e y n e vermutet, 2 daß dies der ursprüngliche Sinn der 
Stelle im Alten Testament sei, wo vom Elobim die Rede ist, der über 
den Wassern brütet. (S. Fußnote auf S. 88.) 

Nach dem, was über die obenerwähnten Kennzeichen gesagt wurde, 
wird es verständlich sein, daß sie mit unserem Thema in Verbindung 
kamen, mit anderen Worten, daß Haupt, Hals und Schnabel als 
phallisches Organ betrachtet wurden, das die befruchtende, gasförmige 
Substanz ausstößt. Dies ist eine natürlichere Vorstellung, als es auf den 
ersten Blick scheinen könnte, denn, gleichgültig, welches die Natur 
dieser befruchtenden Substanz sein mag, das Typische ist, daß das 
männliche Organ sie ausstößt. Ich bin bei meinen Psychoanalysen 
mehrere Male auf diese Vorstellung gestoßen, die sich daraus erklärt, 
daß der Knabe das männliche Organ als Fortsetzung des Rektums oder 
seines Inhaltes ansieht; diese beiden entsprechenden Partialtriebe sind 
erstaunlicherweise im Unbewußten immer enge verknüpft.3 Wahrscheinlich 
erklärt dieselbe Assoziation auch die Vorliebe so vieler Knaben für Pfeifen , 
in die man bläst, und Trompeten (Schall gehört natürlich auch hieher) 
und ebenso die Verwendung von Trompeten, auf die ich oben hin- 

1) Waitz, Anthropologie der Naturvölker, 1872, Bd. VT, S. 241. 

2) Cheyne, Encycloped. Brit., Bd. VI, p. 447. 

3) S. Freud, Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik. Ges. 
Sehr. Bd. V. 



' 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr C)l 



gewiesen habe, zur Auferweckung der Toten, d. h. um ihnen Leben 
einzuflößen. 1 Lärm, besonders in Gestalt von Trompeteublasen, spielt oft 
eine wichtige Rolle bei Einweihungszeremonien ; doch darüber soll 
später gesprochen werden. Dieselbe Assoziation tritt auch in der 
erotischen Kunst zutage, wofür ich zwei Beispiele erwähnen will: in 
einem „Joujou" benannten Gemälde von Felicien R o p s 2 bläst eine 
Nymphe mit Satyr-Beinen und einer phrygischen Kappe Planeten gleich 
Seifenblasen, indem sie einen Phallus wie eine Trompete an den Mund 
hält; in einem anderen, das in „L'art de peter"s veröffentlicht wurde, 
ist ein Kupido abgebildet, der Seifenblasen bläst mit Hilfe eines Rohres 
am Munde und gleichzeitig mit dem Anus. Die Legende von Athene, 
die aus ihres Vaters Haupt als Erzeugnis seiner „Gedanken" geboren 
wurde, muß auf dieselbe Weise erklärt werden, um dem obenerwähnten 
Hinweis von Plotin zu folgen (S. 74). ' Ich möchte auch vermuten, 
daß diese Assoziation* einen Zug in unserer Madonnalegende bestimmt 
hat, nämlich den Glauben, daß der befruchtende Atem Gottes vom 
Schnabel der heiligen Taube ausging. Als Beweis mögen die Tatsachen 
angeführt werden, daß das Einhorn (eine rein phallische Konzeption) 
ein anerkanntes Symbol des christlichen Logos, d. h. schöpferischen 
Wortes von Gott war; seine symbolische Bedeutung und seine enge 
Beziehung zum Atem wird an einem altdeutschen Gemälde deutlich, 
das zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts sehr bekannt war. 5 Auf 
diesem wird die Verkündigung in Form einer Jagd dargestellt. Gabriel 
bläst den Engelsgruß auf einem Jagdhorn. Ein Einhorn fliegt zur 
Jungfrau Maria (oder wird hingeblasen) und versenkt sein Hörn in 
ihren Schoß, während Gottvater von oben diese Szene segnet. Ein 
zweites Beispiel ist noch eindeutiger, denn in ihm ist dargestellt, daß 
Gottes Atem durch eine Röhre geht. Über einem Portal der Marien- 
kapelle in Würzburg findet sich eine Relief darstellung der Verkündigung, 

1) Vgl. die sexuelle Bedeutung der Zunge und der Sprache, die oben erörtert 

wurde. 

2) Das erotische Werk des Felicien Rops. 1905, Nr. 15, 

3) Reproduziert in Stern s Illustrierte Geschichte der erotischen Literatur, 

1908, Bd. I, S. 240. 

4) Daher mögen zum Teil auch Ausdrücke stammen, wie „aufgeblasen", „sich 
blähen" usw., als Synonyma für übermäßigen Stolz (Narzißmus). 

5) Reproduziert bei P. Ch. Cahier: Caracteristiques des Saints dans l'art popu" 
laire, 1867. 






9 2 Ei- nesi Jenes 



auf der der himmlische Vater durch eine Röhre bläst, die sich von 
seinen Lippen bis zum Ohr der Maria erstreckt und durch die das 
Jesuskind herabsteigt. 1 

Es ist wirklich bemerkenswert, wie sehr der Begriff des Vogels mit 
den im vorigen Kapitel aufgezählten Attributen des im Körper ent- 
standenen Gases verknüpft ist, so mit dem Schal] (Gesang), der 
Unsichtbarkeit (Schwierigkeit, ihn zu sehen, Verschwinden in der 
Luft), Hitze (höhere Körpertemperatur als irgend ein anderes Tier, 
Sonnennähe), mit Bewegung und Wind (schneller Flug, Herrschaft über 
den Wind) usw. Zwei weitere Fälle mögen erwähnt werden, um die 
Art zu beleuchten, mit der der Vogel in den großen Kreis der „Gas"- 
Vorstellungen eintritt. Erstens wird nämlich die Seele oft als Vogel 
vorgestellt 2 (besonders in der christlichen Kunst) und wird dann, sehr 
passenderweise, abgebildet, wie sie nach dem Tode den Körper durch 
den Mund verläßt.3 Das zweite Beispiel, die Geschichte vom Phönix, 
ist besonders reich ergiebig für unsere Assoziationsgruppe und enthält 
in Kürze fast alle von uns bis jetzt besprochenen Vorstellungen; von 
besonderem Interesse in diesem Zusammenhange ist es,, daß die ersten 
Christen die Fabel von seinem Leben dazu verwendeten, die Auferstehung 
Christi zu symbolisieren.* Der Phönix war ein goldener, strahlender 
Vogel, der bisweilen als Strahl, der von der Sonne ausgeht, bezeichnet 
wird. Er rüstet sich zu seinem Tod, indem er sich mit Cinnamon, 
Myrrhe und anderen aromatischen Substanzen umgibt und einen Gesang 
an die Sonne richtet, der „schöner ertönt als der Schlag der Nachtigall, 
als die Flöten der Musen oder die Leier des Hermes" ; er stirbt mitten 
im Lodern duftender Wohlgerüche, in einem Feuer, das durch das 
Schlagen seiner Schwingen entstand, oder, wie bisweilen geglaubt 
wurde, durch die Hitze der Sonnenstrahlen; die erste Tat des jungen 




1) Reproduziert in Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte: Renaissance; Er- 
gänzungsband, 1909, S. 289. 

2) Frazer, Taboo and the Periis of the Soul, 1911, p. 33 ff., gibt Belege 
aus allen Weltteilen. 

3) Wie oben angedeutet wurde, ist der Mund in diesem Glauben wahrscheinlich 
ein Ersatz für das andere Ende des Ernährungskanals; dieser ursprüngliche 
Glaube kommt bisweilen offen zum Ausdrucke; ein Beispiel bietet die Farce des 
XIV. Jahrhunderts, ,.Le Muynier". (Dupuoy, Medicine in the Middle Ages. 
übersetzt von Minor.) 

4) Bachofen, Versuch über die Gräbersymbolik der Alten, 1859, S. 109. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr gx 

Phönix, der aus diesem Feuer geboren wird, besteht darin, die Über- 
reste seines Vaters in einer Schatulle aus Myrrhen zu einem heiligen 
Tempel zu tragen und darüber eine Trauerrede zu sprechen. Die 
Vorstellung einer rara ai'is, gewöhnlich eines Feuervogels, ist vielen 
Völkern gemeinsam und wird in Ägypten, China und den meisten 
orientalischen Ländern angetroffen ; den Eindruck dieser Vorstellung auf 
die Volksseele zeigt der Erfolg von Maeterlincks letztem Stück „L'oiseau 
bleu". Ein slawisches Märchen berichtet, wie ein Prinz in den Besitz 
einer Feder von der Schwinge Ohnivaks, des Feuervogels, kam, und „so 
lieblich und strahlend war sie, daß sie alle Gänge des Palastes erleuchtete, 
und sie bedurften keines anderen Lichtes". Er verfällt in Schwermut 
und läßt seine drei Söhne zu sich kommen, zu denen er spricht: 
.,Wenn ich nur ein einziges Mal den Vogel Ohnivak singen hören 
könnte, so würde ich von dieser Krankheit des Herzens genesen." 1 In 
Namoluk, einer der Karolineninseln, herrscht der Glaube, daß das Feuer 
auf folgende Weise zu den Menschen kam.: 2 Olofaet, der Herr der 
Flammen, gab dem Vogel rnwi Feuer und gebot ihm, es in seinem 
Schnabel zur Erde zu tragen ; und der Vogel flog von Baum zu Baum 
und verteilte die schlummernde Kraft des Feuers an das Holz, aus dem 
es die Menschen durch Reibung herauslocken können. In Shelleys 
Dichtung „To a Skylark" finden sich die meisten der eben genannten 
Assoziationen dichterisch illustriert. So z. B. Seele (Heil dir, sanfter 
Geist — Vogel warst du nie), Feuer (einer .Wolke von Feuer gleich), 
Unsichtbarkeit (Unsichtbar bist du, doch ich hör' dein helles Jauchzen), 
Flug nach aufwärts (Verächter du der Erde), Stimme (Von deiner 
Stimme tönen Luft und Erde). 

Nach alldem ist es klar, daß man nichts Besseres als einen Vogel 
finden konnte, um den Bringer einer wunderbaren Botschaft vom Himmel 
zu symbolisieren ; wir haben eine hübsche Erinnerung daran in der 
Redensart zurückbehalten: ein „kleiner Vogel erzählte mir", wenn wir 
sagen wollen „flüsterte mir ein Geheimnis zu . 

Dem Problem, weshalb in unserem Fall gerade eine Taube gewählt 
wurde, kommen wir am besten näher, wenn wir zuerst untersuchen, 
was für eine Rolle die Taube in anderen Mythologien spielte. Diese 

1) Harding, Fairy-Tales of the Slav Peasents and Herdsmen, 1896, p. 26g f. 

2) Girschner, Die Karoliiieninsel Namoluk und ihre Bewohner. Baessler- 
Archiv, 1912, Bd. II, S. 141. 



94 Ernest Jones 




Rolle ist recht beträchtlich, denn die Taube war ein geheiligtes Tier 
bei den Assyriern, Ägyptern und Hebräern, war ein Attribut der Astarte 
und Semiramis (die angeblich nach ihrem Tode in eine Taube ver- 
wandelt wurde), und überdies der Lieblingsvogel der Aphrodite, deren 
Wagen von Tauben gezogen wurde. In Hierapolis in Syrien, einem 
Hauptsitz ihrer Verehrung, waren die Tauben so heilig, daß sie nicht 
einmal berührt werden durften; wenn ein Mensch sie unabsichtlich 
berührte, war er für den Rest des Tages unrein oder tabu." Gestalten 
von Tauben spielten eine hervorragende Rolle bei der Ausschmückung 
des Aphrodite-Heiligtums im alten Paphos. 2 Frazer begründet den 
Gedanken, daß der kyprische Gebrauch, zu Ehren des Adonis Tauben 
zu opfern, von einer älteren Art der Verehrung herstammt, bei der 
ein geheiligter Mann, der den Geliebten der Gottheit personifizierte, 
geopfert wurde. 3 

Die Beziehung zwischen Taube und Liebe war immer sehr eng, und 
man trifft sie in verschiedenen Epochen. Das Folgende ist ein Liebes- 
zauber aus # Böhmen : Ein Mädchen geht in der Nacht von St. Georg in 
den Wald und fängt eine Ringeltaube, und zwar eine männliche; früh 
am Morgen trägt sie sie an den Herd, drückt sie an ihre bloße Brust 
und läßt sie durch den Kamin (ein wohlbekanntes Vaginasymbol) 
hinauffliegen, wobei sie einen Zauber murmelt.* Im Jahre 1784 wurde 
in Versailles eine gemischte pseudo-freimaurerische Gesellschaft gegründet, 
deren Zweck die Kultivierung der Liebe war; ihre Mitglieder nannten 
sich die „Chevaliers et Chevalieres de la Colombe". 5 

Ebensowenig mißzuverstehen ist die Phallussymbolik der Taube in 
den folgenden Beispielen. Zu dem christlichen Mythus kann man als 
Parallele einen griechischen anführen, in dem Zeus die Gestalt einer 
Taube annimmt, um auf einem seiner Streifzüge ins Menschenland 
Phtheia zu verführen, so wie er bei ähnlichen Gelegenheiten andere 
Gestalten mit phallischer Bedeutung annahm, so die einer Schlange, 
eines Stiers, eines Schwans. Wenn Catull Cäsars Geilheit bezeichnen 
will, so tut er es durch den Gebrauch des Ausdruckes columbulus 



1) L ukian, De dea Syria. 

2) Eine gute Beschreibung von diesem gibt Frazer: Adonis, Attis, Osiris, 
1907, p. 29. 

3) Frazer, Op. cit, p. 114 f. 

4) Grohmann, Op. cit., S. 77. 

5) Dictionnaire Laroussc, Art. „Colombe". 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 95 

albidus. Nach Philo war die Taube das Emblem der Weisheit, was für 
die Mythologie ebenso wie bei Schlange, Einhorn usw. immer die 
Bedeutung eines phallischen Symbols hat; 1 Christus selbst brachte sie 
in Beziehung zur Schlange: „Seid weise wie die Schlangen und ohne 
Falsch wie die Tauben". (Matth., X, 16.) v. Hahn 2 berichtet drei 
Geschichten aus dem modernen griechischen Folklore, wonach das 
Leben eines Zauberers oder Ogre an das von zwei oder drei Tauben 
geknüpft ist; wenn sie sterben, stirbt auch er. Der Sinn wird klar, 
wenn wir eine andere Variante vergleichen, in der das Leben eines 
alten Mannes mit dem einer zehnköpfigen Schlange verknüpft ist; 
wenn die Häupter der Schlange eines nach dem anderen abgeschlagen 
werden, ist er krank, und wenn das letzte fällt, verscheidet er. 5 Aber 
das unzweideutigste Zeugnis für die symbolische Bedeutung der Taube 
findet sich in einer nicht kanonisierten Legende, die berichtet, daß 
eine Taube vom Genitale des heiligen Joseph ausging und sich auf 
seinem Haupte (ein unbewußtes Symbol des erigierten Phallus) nieder- 
ließ, um ihn als den künftigen Gatten der Maria zu bezeichnen; 4 ab- 
geschwächt findet sich die Erzählung in den späteren Kirchenvätern, 
die berichten, daß die Taube von Josephs Rute (!) ausging. 

Es ist durchaus angemessen, daß eine Taube Zeus mit Ambrosia 
(= Soma) versorgt und in der Sage vom heiligen Remigius dem 
Bischof die Ölflasche bringt, um König Chlodwig zu salben. 5 (Öl ist 
ein äquivalentes Symbol.) Eine erwähnenswerte Parallele dazu bringt die 
Fabel, daß Äneas durch zwei Tauben zum goldenen Zweig geführt 
wurde; 6 Frazer r hat nämlich nachgewiesen, daß der goldene Zweig 
einen auf einer Eiche wachsenden Mistelzweig darstellt, und die Mistel 
ist ein ebenso bekanntes Symbol für Sperma (wie Ambrosia und Öl) 
wie die Eiche für das männliche Organ. Französische Bauern glauben, 

1) S. Imago, Bd. I, S. 376. 

2) v. Hahn, Griechische und albanesische Märchen, 1864, Bd. I, S. 187, 
Bd. II, S. 215, 260. 

3) v. Hahn, Op. cit., Bd. II, S. 23. 

4) P r o t e v a 11 g, St. Jakob, Kap. 9 ; Evang. infant. St. Mariae, Kap. 8. Zitiert 
nach Maury, Essai sur les legendes pieuses du moyen-äge, 1843. 

5) Gubernatis, Die Tiere in der indogermanischen Mythologie. Deutsche 
Ausgabe, 1874, S. 573. 

6) Virgil, Aen., VI, 190, 293 f. 

7) Frazer, Baldcr the Beautiful, 1915, Bd. II, p, 285, 315 — 320. 






g 6 Ernest Jones 



die Mistel entspringe aus dem Vogeldünger;' die Alten wußten, daß 
ihre Verbreitung von Baum zu Baum durch Samen erfolgt, die die 
Vögel ausscheiden, und Plinius 2 berichtet, daß vor allem Tauben 
und Drosseln diese Samen ablagern. Nach Apollonius war es eine Taube, 
die die Argonauten auf ihrem Zuge führte. Die Begriffe „bringen, 
führen, leiten" sind nahe verwandt mit dem eines Boten, und in einer 
wohlbekannten griechischen Fabel figuriert eine Taube als Liebesbote, 
indem sie dem Anakreon, dem sie Aphrodite bezeichnend genug zum 
Lohn für ein Lied geschenkt hatte, seine Billetdoux beförderte. Wie 
viele mythologische Liebesgestalten, wie Aphrodite selbst, konnte die 
Taube nicht nur Leben, sondern auch Tod darstellen ; in den Hymnen 
des Bigveda ist die Taube (Kapota) Yamas Todesbote. 3 

Auch zum Feuer steht die Taube in Beziehung. Wenn Kapota Feuer 
berührt, wird Yama, dessen Bote sie ist, geehrt; in einer buddhistischen 
Legende nimmt Agni, der Feuergott, die Gestalt einer Taube an, wenn 
er von Indra in Gestalt eines Habichts verfolgt wird. (Der Sanskrit- 
name für Habicht ist nebenbei erwähnt Kapotäri, der Feind der 
Tauben. 4 ) Bei dem Fest des scoppio del carro in Florenz wird jeden 
Karsamstag das heilige Feuer erneut und während des Hochamtes ein 
ausgestopfter Vogel, der eine Taube darstellt, von einem Feuerwerk- 
ständer gegenüber dem Altar losgelassen; längs einem Draht fliegt er 
das Kirchenschiff hinab und entzündet das Feuerwerk auf dem Fest- 
wagen, der außerhalb der Türe harrt. 5 Maury 6 führt als Grund, wes- 
halb der Heilige Geist bisweilen als Feuer und bisweilen als Taube 
erscheint, den Umstand an, daß im Orient die Taube das Sinnbild der 
Zeugung und tierischen Wärme war. Die Beziehung zur Wärme ist in 
der christlichen Kunst beibehalten worden, wo die Heilige Taube immer 
umgeben von Licht- oder Feuerstrahlen abgebildet wird. 

Es ist begreiflich, daß ein Vogel, der die Zeugung symbolisiert, auch 
Wiedergeburt, Auferstehung und Rettung verkörpert, die ja für das 



1) Gaidoz, Revue de l'Histoire des Religions, 1880. Teil 1J, S. 76. 

2) Plinius, Op. cit., XVI, 247. 

3) Rigveda, X, 165, 4. 

4) Gubernatis, Op. cit., S. 565. 

5) Weston, The Scoppio del Carro at Florence. Folk-Lore, 1905, Bd. XVI., 
182 ff. 

6) Maury, Op. cit., p. 179. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr qy 

Unbewußte, praktisch genommen, gleichwertig sind. 1 Gubernatis 2 
zitiert eine Reihe von Geschichten aus dem Folklore, wo die Taube 
vor einer Gefahr warnt oder rettet. Die Taube war die Botin der 
Rettung im Mythus von der Sintflut, der bekanntlich eine glorifizierte 
Geburtsphantasie ist; ihre Bedeutung kommt klar zum Ausdruck in 
einer Skizze in den römischen Katakomben; auf dieser sieht man näm- 
lich Noah auf den Fluten in einer kleinen Kiste, die beim Erscheinen 
der Taube mit ihrem Blatt aufgeht. 3 Es ist vielleicht von Bedeutung, 
daß in einem anderen Geburtsmythus des Alten Testamentes der Name 
des Helden Jonah gleich dem hebräischen Worte für Taube ist. Eine 
Taube war es auch, die in Babylon den drei jungen Hebräern im 
Feuerofen erschien und ihnen ihre Rettung aus den Flammen ver- 
kündete. Die Eingeborenen von Kap Grafton sagen, daß eine Taube die 
Kinder den Müttern im Traum bringe. 4 Zum selben Vorstellungs- 
komplex gehört die Assoziation zwischen der Taube und dem Wieder- 
geburtsritus der Taufe, 5 sowohl im Alten Testament als auch in der 
dekorativen Kirchenkunst. Christus selbst, das Sinnbild der Erlösung 
und Auferstehung, ist bisweilen als Taube dargestellt; 6 auf einer Lampe 
in Santa Caterina in Chiusi /.. B. ist eine Taube abgebildet, mit einem 
Ölzweig im Schnabel und einem Kreuz auf dem Haupte. In der 
katholischen Kirche ist die Taube auch ein Symbol des Martyriums, 
d. h. der Erlangung des ewigen Lebens durch irdischen Tod. 

In der frühen christlichen Kunst wird die Seele eines sterbenden 
Heiligen als Taube abgebildet, wie sie aus dem Munde fliegt;" später 
trat ein kleines Kind an die Stelle; in dieser Gleichsetzung von Taube, 



1) S. d. Verf. Papers 011 Psycho- Analysis, II. Ed., 1918, chap. X. 

2) Gubernatis, Op, cit., S. 566 bis 575. 

5) Reproduziert in Smith and Ch.ee thams Dietionary of Christian Anti- 
quities. 1875, Bd. F, S. 575. 

4) Roth, zit. bei Rank, Die Lohengrin-Sage, 1911, S. 25. 

5) Es ist interessant, daß die deutschen Worte „Taufe" und „Taube" von der 
gleichen Wurzel stammen. 

6) Wir haben den Heiligen Geist der Reihe nach als Symbol der schöpferischen 
Materie, des schöpferischen Agens und des erzeugten Kindes gesehen. (In der 
späteren Kunst wird er oft in Gestalt eines Kindes dargestellt, anstatt eines 
jungen Mannes, so wie Kupido an die Stelle von Eros trat.) 

7) Viele Beispiele zitiert Didron, Christian Tconography, Engl. Transl., 181)6, 
Bd. I. S. 460 f., und Maury, Croyances et legendes du moyen-äge, 1896, 
Bd. II, S. 266. 

Jones, Zur Psychoanalyse der christlichen Religion. v 



9 8 Kniest Jones 



Kind, Seele, Atem sehen wir ein weiteres Beispiel der früher in diesem 
Aufsatz erwähnten infantilen Geburlstheorie. 

Ebenso klar beleuchtet wird die Logos-Assoziation der Taube durch 
ihre Verbindung mit der Vorstellung der Inspiration (spiro = ich atme). 
In Lybien gab eine Taube die heiligen Orakel, und in Dodona spielten 
zwei Tauben dieselbe Rolle und man glaubte, daß sie immerfort rufen : 
Zeus war, Zeus ist, Zeus wird sein, o Zeus, du größter aller Götter! 
Wir haben oben, bei Besprechung der Themen Sprache und Zunge, 
die wichtige Rolle erwähnt, die die heilige Taube (Heiliger Geist) in 
diesem Zusammenhang spielte. Als die heilige Katharina von Alexandrien 
die gelehrten Doktoren durch ihre Weisheit in Verwirrung brachte, 
flog über ihrem Haupte die heilige Taube, und eine Taube, in der 
französischen Kunst als colombe inspiratrice bekannt, wird häufig dar- 
gestellt, auf der Schulter irgendeines großen Heiligen sitzend und ihm 
ins Ohr flüsternd und ihn inspirierend. 1 Die symbolische Bedeutung 
dieses Bildes, die nach dem vorhergehenden Kapitel klar sein dürfte, 
möge durch folgenden Traum noch beleuchtet werden," von dem ein 
wallisischer Dichter, Vaughan, in einem 1694 2 geschriebenen Brief 
berichtet: ,.Eine durchaus verständige und nüchterne Person, die schon 
gestorben ist, erzählte mir, daß es seinerzeit hier einen jungen vater- 
und mutterlosen Burschen gab, der so arm war, daß er betteln mußte; 
aber schließlich wurde er von einem reichen Mann aufgenommen, der 
eine große Schafherde in den Bergen, nicht weit von meinem Wohnort, 
hielt. Der bekleidete ihn und sandte ihn ins Gebirge, um die Schafe 
zu hüten. Zur Sommerszeit, als der Junge der Herde folgte und nach 
den Lämmern Ausschau hielt, fiel er in tiefen Schlaf; im Traume 
sah er einen schönen Jüngling mit einem Kranz von grünen Blättern 
auf dem Haupte, einem Falken auf der Faust und einem Köcher voll 
mit Pfeilen auf dem Rücken, auf sich zukommen; während des ganzen 
Weges pfiff er einige Takte oder Töne. Dann ließ der Mann den 
Falken auf ihn fliegen, der (so träumte, er) in seinen Mund und in 
sein Inneres gelangte. Er erwachte jäh in großer Angst und Bestürzung. 



1) Maury, Op. cit., S. 267fr; Laroussc, loc. cit. 

2) Dieser Brief, der niemals veröffentlicht wurde, befindet sich in den MS. 
Bodleiana, Aubrey 15., Fol. 340. Ich bin Herrn L. G. Martin dafür ver- 
pflichtet, daß er meine Aufmerksamkeit darauf lenkte und mir die Möglichkeit 
gab, Gebrauch davon zu machen. 






L 



Die Kmpjangnis der Jungfrau Maria durch das Ohr qq 

Er war aber im Besitze einer solchen Ader oder Gabe von Poesie, daß ei- 
seine Schafe verließ und, für alle Gelegenheiten Liederdichtend, im Lande 
umher zog; er wurde der berühmteste Barde seiner Zeit im ganzen Lande." 
Die Etymologie bestätigt vollauf unsere Ansicht über die sexuelle 
Bedeutung der Taube, indem sie ihren Bezug zu den phallischen und 
den oben erwähnten „Gastvorstellungen anzeigt. Das englische Won 
dove (Taube) kommt vom angelsächs. dufan = untertauchen, ebenso wie 
lat. columba vielleicht verwandt mit griechisch KoXup,ß:$ = Taucher 
ist; es gehört zu engl, dip = eintauchen, dive = tief untertauchen, 
eindringen und deep = tief, so daß die Bedeutung des Eindringens 
offenbar die Grundbedeutung ist. Das mehr als Gattungswort gebrauchte 
pigeon kommt vom griechischen TCtlClQstV = zwitschern; davon stammt 
auch pipe (Pfeife), das sowohl eine Bohre bedeutet (vgl. das oben 
erwähnte Würzburger Belief) als auch ein Instrument zum Zwitschern 
oder Singen und zum Hervorbringen von Bauch. Eine ganze Beihe 
von Worten sind von derselben (wahrscheinlich onomatopoetischen) 
Wurzel abgeleitet, die bedeuten „blasen", „die hinteren Körperteile" 
oder „Kind ; Jung 1 hat dargelegt, daß das verbindende Glied zwischen 
diesen drei scheinbar so disparaten Vorstellungen in dem infantilen 
Glauben zu suchen ist, daß die Kinder aus dem Bektum geboren 
werden. Solche Worte sind: 1) to poop (einen Flatus lassen; vgl. franz. 
pet, flatus, das im Engl. Liebling bedeutet, und das deutsche „Schatz", 
das vielleicht von einem vulgären Wort für die Defäkation kommt), 
pop, Paff, Knall, puff = plötzlich hervorgestoßener Hauch usw., a) franz. 
poupce, holl. pop, deutsch „Puppe", von lat. pupus, ein Kind, pupula, 
ein Mädchen, und engl, puppy und pupa = junger Hund, respektive 
Schmetterling. Daß Worte von so verschiedener Bedeutung, wie pupil 
(Pupille oder Mündel), fart (Blähwind), peep (blicken, piepen), fife 
(Pfeife), puff (Knall, Hauch), petard (Sprengbüchse), pigeon (Taube), 
partridge' (Bebhuhn), dieselbe Quelle haben, zeigt die große Aus- 
breitungsfähigkeit sexueller Wörter, denen Sperber 3 jüngst besondere 
Aufmerksamkeit geschenkt hat. 

i) Jung, Op. cit., S. 250. 

2) In Anbetracht des alten Glaubens, daß dieser Vogel durch Wind oder 
Schall geschwängert werden kann, ist die Zugehörigkeit seines Namens zu dieser 
Reihe interessant. 

3) Sperber, Op. cit. 



ioo Ernest Jones 



Die Wahl der Taube für die oben erwähnten Zwecke war gewiß 
durch viele Faktoren determiniert, vielleicht durch äußerliche ebenso- 
wohl als durch psychologische; daß sie im Altertum eine zahlreiche 
Tiergattung bildete und die Aufmerksamkeit in hohem Maße auf sich 
lenkte, zeigt allein schon die Tatsache, daß es im Sanskrit etwa 25 bis 
30 Namen für sie gab. 1 Gewöhnlich heißt es, daß sie ihre Verwendung 
in der christlichen Symbolik ihrer Beziehung zu den Vorstellungen der 
Reinheit und Unbeflecktheit verdankt, aber es ist sehr wahrscheinlich, 
daß Ursache und Wirkung sich hier umgekehrt verhalten; auch ihre 
weiße Farbe kann nicht zugunsten dieser Bedeutung angeführt werden, 
denn die meisten Tauben sind nicht weiß, während es andere Vögel, 
z. B. Schwäne, für gewöhnlich sind. Ein wichtigerer Zug ist die Zärt- 
lichkeit, die sie in ihren Liebesbeziehungen entwickeln und die, wie 
aus den erwähnten zahlreichen Ableitungen hervorgeht, einen lebhaften 
Eindruck gemacht haben muß. JSun äußert sich diese Zärtlichkeit 
hauptsächlich in einem für die Taube sehr hervortretenden Merkmal, 
nämlich in dem sanften, lieblichen Gurren, das in ihrer Liebeswerbung 
eine so wichtige Rolle spielt; wir gebrauchen noch immer den Aus- 
druck: „Schnäbeln und Girren zweier Turteltauben", um die Unter- 
haltung Liebender zu bezeichnen. In Anbetracht der weitgehenden 
Assoziation, die zwischen Vögeln im allgemeinen und Tauben im 
besonderen und der im vorigen Kapitel besprochenen Gruppe (Schall, 
Atem, Sexualität usw.) besteht, scheint es mir wahrscheinlich, daß 
dieses auffallende Merkmal der Tauben ein Hauptgrund dafür war, daß 
gerade sie zum Symbol solcher Phantasien gewählt wurden. Zur 
Bekräftigung dieser Vermutung sei auf den christlichen Glauben ver- 
wiesen, daß „die Stimme der Turteltaube ein irdisches Echo der Stimme 
Gottes ist". 2 

Die besondere Zärtlichkeit im Liebesleben der Tauben hat noch 
Beziehungen zu einer Idee, die ich oben nur flüchtig berührt habe, 
zur Weiblichkeit. Es würde uns zu weit führen, Beispiele für diese 
Verbindung aufzuzählen, aber sie ist auffallend weit verbreitet, so daß 
man sagen muß, daß von allen phallischen Symbolen die Taube eine 
der anmutigsten und feminisiertesten ist. Die Bedeutung, die dieser 
Umstand für unser Hauptthema hat, wird im folgenden klar werden. 

1) Larousse, loc. cit. 

2) Conway, Solomoh and the Sulomonic Literatur«, 1899, S. 123. 



L 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 101 

V 
DAS OHR ALS ORGAN DER EMPFÄNGNIS 

Das psychische Interesse des Kindes und seine Berührungen mit der 
Hand werden frühzeitig von der unteren Ernährungsöffnung auf die 
Nasenlöcher verlegt, die durch ihre Nähe zu einem weniger verpönten 
Teil des Ernährungskanals, durch ihre Beziehung zum Geruchsinn, 
ihre Größe und ihre Verknüpfung mit Atem und Schleimexkretion 
dazu trefflich geeignet sind. Einer meiner Patienten pflegte in seiner 
Phantasie seine Schwängerung dadurch herbeizuführen, daß er mit der 
Nase den Hauch einatmete, den er durch den Mund ausgeatmet hatte, ' 
und wir lesen in der Genesis, wie Gott bei der Schöpfung Adams die 
Nasenlöcher zu demselben Zweck benutzte; daraus geht klar hervor, 
was der „Staub von der Erde", aus dem Adam gebildet wurde, bedeutet. 2 

Zur Zeit der christlichen Ära jedoch trat eine weitere Sublimierung 
ein, entsprechend der wachsenden Verschiebung, die gleichzeitig mit 
dem Fortschritt der individuellen Verdrängung zu konstatieren ist, und 
die Nasenlöcher, die eine fühlbare gasförmige Substanz aufnehmen 
können, wurden durch das Ohr ersetzt, das nichts aufnehmen kann als 
Schall (das Wort Gottes), eine verfeinerte Abstraktion der primitiven 
Gasidee. Daß das Ohr in der Marienlegende 5 die untere Ernährungs- 
öffnung darstellt und nicht die Vagina, ist nicht nur an sich plausibel, 
denn die Vagina hat keinen Sinn in dieser Assoziationsreihe (sie haben 
nämlich alle infantilen Ursprung und das Kind weiß ja nichts von 
der Existenz der Vagina), sondern auch durch zahlreiche Analysen von 



i) Jahrbuch der PsA., Bd. IV, S. 598. 

2) Ich habe die Symbolik des Schmutzes eingehend behandelt. Siehe Jahrbuch 
der PsA., Band V, Fall 5. 

5) Daß in dieser Legende das Ohr als Organ der Empfängnis in ganz kon- 
kretem Sinne aufgefaßt wurde, zeigt klar das früher in diesem Aufsatze vor- 
gebrachte Tatsachenmaterial; nachgewiesen wird diese Ansicht allein schon durch 
die Betrachtung des Würzburger Reliefs. Zu den zahlreichen bereits zitierten 
Stellen aus den frühen Kirchenvätern mögen noch die folgenden zwei hinzu- 
gefügt werden: „Und weil der Teufel durch Evas Ohr kroch, indem er sie ver- 
suchte, und sie verwundete und ihr den Tod gab, drang Christus durch das Ohr 
in Maria ein, ließ alle Laster des Herzens vertrocknen und heilte die Wunde 
der Frau, indem er von einer Jungfrau geboren wurde." (St. Zeno. Epist. Ad 
Pulcheriam Augustam.) „Kein anderer wurde von Maria geboren als Er, der 
durch das mütterliche Ohr glitt und den Leib der Jungfrau erfüllte. ■• 
(St. Gaudentius. De diversis Capitulis. Senn. XIII.) 



102 Kartest Jones 






Einzelpersonen belegt, bei denen diese Öffnung eine symbolische 
Bedeutung angenommen hat. Gewohnheiten, wie Nasen- und Ohren- 
bohren, ergeben sich in Analysen stets als Abkömmlinge und Ersatz- 
bildungen für anale Masturbation. Die exakte symbolische Äquivalenz der 
beiden kann aber ganz unabhängig von der Psychoanalyse gezeigt werden. 

In mehreren mittelalterlichen Darstellungen der Hölle wird der 
Teufel abgebildet, wie er Sünder verschlingt (durch den Mund natür- 
lich) und sie entweder durch das Ohr oder durch die Kloake oder durch 
beide gleichzeitig von sich gibt; Beispiele für beide Arten finden sich 
in Florenz im Baptisterium, in Orcagnas Fresco in der Santa Maria 
Novella und in Fra Angelicos Gemälde in der Akademie. Wir sehen • 
hier eine vollkommene Gleichsetzung der beiden Öffnungen, zu der 
man aus einem anderen Teil der Welt, aus Indien, eine Parallele 
findet: im Ramayana 1 wird beschrieben, wie Hanumant, ein Sonnen- 
heros, in den Mund eines Seeungeheuers gelangt und durch die ^andere 
Seite", beim Schweif, offenbar die Kloake, hervorkommt; in einem 
anderen Teil der Dichtung jedoch kommt er durch das Ohr wieder 
heraus, so daß also die beiden Öffnungen als gleichbedeutend behandelt 
werden. Nach dem Taittiriyaka-Upanishad 2 entspricht der ApAna oder 
abwärts gehende Hauch dem Ohr. 

Das Ohr erscheint als Organ der Empfängnis auch in früheren als 
dem christlichen Mythus, der von ihnen zweifellos abstammt: die 
mongolische Legende von Maya, die durch diese Öffnung im Schlafe 
befruchtet wurde, ist schon besprochen worden (S. 40). Ebenso wie Eva 
nach ihrer Verführung durch die Schlange die Frucht der Erkenntnis 3 
kostete, ebenso wurde Kassandra zur Prophetin, nachdem die Schlange 
ihr Ohr geleckt hatte. Das sumerische Wortzeichen für Ohr wurde in 
seiner frühesten Form durch ein Paar Ohren dargestellt, mit dem 
phonetischen Wert va im Sumerischen und uznu im Semitisch-Akkalia- 
nischen oder Assyrischen; es ist in der zweisprachigen Keilschrift von 
2000 v. Chr. als das „gebeugte Glied"* bestimmt. In diesen Sprachen 
ist das semitische uznu (Ohr) ein Attribut der Muttergottheit Ishtar, 
besonders in ihrer Gestalt als Antu, der Schöpferin und Gottheit der 

1) Frobenius, Das Zeitalter des Sonnengottes, 1904, Bd. I, S. 175 f. 

2) I, 7, I. 

5) D. h. die Erkenntnis des Sexuellen. S. Ludwig Levy, op. cit. 
4) Prince, Sumerian Lexikon 1908, pp. I. 5. 31; Burton. B.ibylonian 
Writing 191 5> P- x 79- 






Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 105 

Zeugung; der Sinn dieser Verknüpfung wird durch Redewendungen, 
wie „niederbeugen", „sich darüber beugen", in ihrer sexuellen An- 
wendung klar. 1 Das ist vielleicht der Ursprung der großen Ohren des 
Weibes, das gemeinsam mit dem Vatergott in alten babylonischen 
Siegeln dargestellt ist. 2 Dieses Wortzeichen für Ohr dient überdies als 
Bezeichnung für „Zeder", 5 welche durch ihr „ewiges Grünsein" in der 
hebräischen Legende 4 im Garten Eden der Baum des Lebens und ein 
Symbol der Muttergottheit Ishtar ist. In der persischen Kosmogonie 
wurde der erste Mensch dadurch geschaffen, daß das göttliche Sein 
„seine Hand" in das Ohr des weiblichen steckt; in einer anderen 
Version, die der vorstehende babylonische Mythus beleuchtet, ist es 
sein „Hauptzweig", der eingeführt wird. Der Hauptzweig ist wahr- 
scheinlich der Zweig in der Hand des Vatergottes auf den alten 
babylonischen Petschaften aus dem dritten und vierten vorchristlichen 
Jahrtausend. 5 Es mag dies der Ursprung des modernen englischen Aus- 
drucks olive brauch (Ölzweig) für ein Kind sein, denn die Olive trat 
in Hellas und Rom an die Stelle der Zeder, als der Baum der jung- 
fräulichen Muttergottheit Athene. In Verbindung mit der alten baby- 
lonisch-semitischen Ode „Wehklage der Ishtar" über die Ermordung 
ihres Lieblingssohnes Tamnuz ist der Ursprung der Klage der jüdischen 
Frauen von Jerusalem um Tamnuz bei Ezechiel in einer bekannten 
Stelle beschrieben, 6 aber es scheint, daß das gewöhnlich mit Zeder 
übersetzte Wort vielmehr Ohr bedeuten soll, wenn wir die fragliche 
Strophe lesen: 

Wehe mir. mein Kind ist jetzt so fern, 

Mein Sohngemahl so fern von mir. 

Um das heilig Ohr, das ihn gebar. 

In Eanna klagen hoch und nieder, 

Jammern die Frauen um das Heim' ihres Gottes. 7 



1) Prince. op. cit., p. 558 f. 

2) Pin c- lies, Proceedings of the Society of Biblical Archaeology 1917, vol. XXIX. 
5) Bart 011, loc. cit. S. a. Muß-Arnolt, Assyrian dictionary, p. 105. 

4) S. Cheyne, Traditions of ancient Israel, passim. 9 

5) Ward, Seal-cylinders of West-Asia 1910, p. 96fr. 

6) Ezechiel VIII, 14. 

7) Diese Wiedergabe beruht auf Longdons Übersetzung in seiner ., Tamnuz 
und Ishtar" und stammt von Dr. Jyotirmoy Roy aus Kalkutta, der auch die Güte 
hatte, mich mit einigen früher erwähnten Fakten bekannt zu machen. 




l 04. £/• liest Jones 



Eine schwache Andeutung von dem Sinne dieser Symbolik geben die 
Bilder, 1 in denen der Erzengel Gabriel durch eine Tür im Rücken 
der Maria erscheint, die seine Anwesenheit merkt, ohne ihn zu sehen- 
dies bringt dieselbe Vorstellung zum Ausdruck wie der Mythus von 
Kwakiutl. in dem der Held dadurch gezeugt wird, daß die Sonne seiner 
Mutter aufs Kreuz schien.'- Es wird uns nicht berichtet, ob Jesus tatsächlich 
so wie Rabelais' Gargantua aus dem Ohr seiner Mutter auch geboren 
wurde, so wie sie ihn durch dasselbe empfing; der wirkliche Ort seines 
Herauskommens wird angedeutet in St. Agobards Beschreibung (siehe 
S. 56) darüber, wie das heilige, befruchtende Prinzip, nachdem es durch 
das Ohr eingetreten war, „durch die goldene P forte" herauskommt. 
Daß die Gefahr einer solchen Empfängnis von den Katholiken auch 
heute nicht als völlig vergangen betrachtet wird, zeigt der Brauch, daß 
alle Nonnen noch immer ihre Ohren stets bedeckt tragen müssen, um 
ihre Keuschheit gegen Anfechtungen zu schützen; dieser Brauch steht in 
direkter historischer Beziehung zu der Legende, die den Gegenstand 
unseres Aufsatzes bildet.^ Dies ist der Höhepunkt der Keuschheit, denn 
sie schützt sogar gegen die unschuldigste Form der Empfängnis, die 
allein der reinsten Frau vorbehalten blieb. Eine indische Legende, welche 
als Pendent zu der oben erwähnten persischen dienen mag, beleuchtet 
die Beziehung zwischen Keuschheit und Empfängnis durchs Ohr. Kunti, 
die Mutter der fünf Pandava-Fürsten, der großen Helden des Mahabarata, 
machte einmal, noch als Jungfrau, von einem mantra-'/Aiuher Gebrauch, 
um die ihr zugeschriebene Macht, die Götter herbeizurufen, zu erproben. 
Der Zauber wirkte und der Sonnengott erschien ihr. Sie geriet in 
Verwirrung und bat ihn zu gehen; er aber antwortete ihr, wenn sie ihn 
gerufen habe, könne sie ihm einen Lohn nicht mehr vei weigern. Als 
sie erfuhr, daß der von -Gott geforderte Lohn das Erkennen des Fleisches 
sei, eröffnete sie ihm, daß sie Jungfrau sei. Daraufhin schlug der Gott 
die geschlechtliche Vereinigung durch das Ohr vor und sie stimmte zu 
und empfing den Helden Karna (dessen Name Ohr bedeutet).* Die 



1) Viele Beispiel* zählt Mrs. J a in e s o 11 auf: Sucred and Legcndary Art, 
1890 edition, Bd. I, S. 124. 

2) Boas and Hunt, Jesup Expedition. Bureau of Ethnology, Bd. I, S. 80. 

3) S. Tertullian, De virginibus velandis. 

4) Mahabharat-Adiparva, Chap. TU, 1 — 20. Ich bin Herrn Dr. Roy zu Danke 
verpflichtet, daß er meine Aufmerksamkeit auf diese Sage gelenkt hat. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 105 



gleiche Beziehung zur äußersten Unschuld geht auch aus der zitierten 
Stelle bei Moliere hervor (S 39). 

Wir wollen mit diesem Thema abschließen, indem wir noch einen 
kurzen Blick auf einen Tiermythus werfen, der die interessantesten 
Ähnlichkeiten mit der von uns behandelten Legende aufweist und auch 
gewisse historische Beziehungen zu ihr hat. Der Mythus vom Phönix 
und anderen Feuervögeln, deren gerader Abkömmling die von einer 
Aureole umgebene heilige Taube ist, hat eine Parallele in dem vom 
Salamander, der fabelhaften Eidechsenart, der wie jener aus dem 
Feuer geboren wird. Man kann sich nicht leicht zwei einander unähnlichere 
Tiere vorstellen als Taube und Eidechse oder Krokodil, und doch 
zeigen ihre Stellungen in Mythologie und Religion eine weitgehende 
Ähnlichkeit miteinander, die ein neues Licht auf die Legende von der 
Jungfrau Maria werfen kann. Die Eidechsenarten waren in hohem Maße 
ein Objekt der Anbetung bei den Slawen, und zwar in Europa noch 
im XVI. Jahrhundert, 1 bei den Ägyptern vor allem das Krokodil, bei 
den Mexikanern der Alligator; das Krokodil ist der schützende Totem 
eines- 1 der größten Betschuanenstämme. 2 Es war besonders der Sonne 
geheiligt und wurde, wohl vor allem aus diesem Grunde, von den Gno- 
stikern als Sinnbild des Lebensspenders betrachtet; der Sonnengott Sebek 
wurde als Mensch mit einem Krokodilkopf dargestellt. Anderseits wurde 
es in Nubien mit Set, einem der Vorläufer unseres Teufels, identifiziert 
und wie die meisten phallischen Tiere, Löwe, Drache, Schlange usw., 
von dem jungen Gott-Heros überwunden; so wurde es nach dem Glauben 
in Edfou von dem jungen Sonnengott Ilorus durchbohrt. In dem Buche 
von Gates wird berichtet, daß die Biesenschlange Apep von einem Unhold 
in Gestalt eines Krokodils begleitet wird, dessen Schwanz in einen 
Schlangenkopf endigt und das Sessi genannt wird. 

Zwei Hauptassoziationen scheinen zwischen Eidechse oder Krokodil 
und der Vorstellung, die man sich von der Gottheit machte, vorhanden 
gewesen zu sein. Zunächst die Beobachtung, daß „es seine Augen mit 
einer dünnen, durchsichtigen Haut verschleiert, die es vom oberen Lid 
herabzieht, so daß es sehen kann, ohne gesehen zu werden, was das 
Attribut der höchsten Gottheit ist" (Plutarch); mit dieser Vorstellung 



1) Morfill, The Religious Systems of the World, S. 272. 

2) Bent, The Ruined Gities of Mashonaland, 1891, S. 15. 






l o6 Er n est Jones 



hangt natürlich die von der Sonne als Vater zusammen,' und in Ägypten 
war das Krokodil das wichtigste Symbol des „immer bestehenden Auges". 
Eine wichtigere Assoziation aber, die auch in enger Beziehung zu der 
früher in diesem Aufsatz erörterten Vorstellungsgruppe steht, erklärt sich 
daraus, daß das Krokodil als Symbol des Schweigens galt; denn es ist 
.,das einzige Landtier, das den Gebrauch der Zunge entbehrt (P 1 i n i u s). 
P lutarch schreibt: „Man sagt, es sei zum Sinnbild der Gottheit 
geworden, weil es das einzige der Zunge beraubte Tier ist. Denn die 
göttliche Vernunft bedarf keiner Stimme, sondern, lautlos ihren Weg und 
Sieg dahinschreitend, leitet sie die Angelegenheiten der Menschen nach 
Gerechtigkeit." Da es die Schweigsamkeit des Weisen verkörperte, wurde 
es zum Symbol des Geistes, der Vernunft, des Verstandes, vor allem aber 
der Weisheit; 2 in dieser Eigenschaft findet es sich auf der Urust Minervas, 
der Göttin der Weisheit; das einzige mir bekannte Heispiel seiner 
Verwendung in der christlichen Kunst findet sich in Sevilla, wo es seit 
der maurischen Okkupation über dem Eingangsportal von Patio de los 
Naranjos angebracht ist. Dann gibt es noch das wohlbekannte Krokodil 
auf der St. -Theodor-Säule auf der Piazelt a in Venedig, dem zweifellos 
unheilbeschwörende Bedeutung zukommt. 

Die Eigenschaften des Krokodils sind also vorwiegend negativer Art; 
es hat keine sichtbaren Geschlechtsorgane und soll keine Zunge haben, 
also stumm sein, was, wie wir oben gesehen haben, Impotenz bedeutet. 

Neben dieser Auffassung des Krokodils als impotentes Tier, dem die 
wichtigsten Organe fehlen, finden wir jedoch die gerade entgegengesetzte, 
wonach es eine Glorifizierung phallischer Macht darstellt, und eine 
Prüfung dieses auffallenden Gegensatzes erweist sich als höchst lehr- 
reich für das Hauptthema dieser Arbeit. Die phallische Bedeutung des 
Krokodils geht schon allein daraus klar hervor, daß es in enger Beziehung 
zur Weisheit, Sonne und Schlange steht, aber schwerer wiegende Tat- 
sachen als diese können angeführt werden. In dem während der sechsten 
Dynastie geschriebenen Text von Unas findet sich an mehreren Stellen 
der Wunsch ausgedrückt, eine abgeschiedene Person möge die männ- 
liche Kraft eines Krokodils erlangen und so „allmächtig bei den Frauen" 
werden. 3 Noch heute herrscht im ägyptischen Sudan der Glaube, daß 

1) Vgl. meine Arbeit „Oottmcnsch-Koniplex", S. 14 dieses Buches. 

2) Zu dieser Symbolik s. Imago, Bd. 1, S. 576, und diese Arbeit S. 94^ 
5) Budge, Op. cit., S. 1 27 f. 



k \ 






Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 107 

der zusammen mit Spezereien verzehrte Penis eines Krokodils das 
wirksamste Mittel zur Erhöhung der sexuellen Kraft bei männlichen 
Wesen sei; 1 sowohl im alten Ägypten als auch im heutigen Sudan 
schreibt man dem Krokodil die Gewohnheit zu, in sexueller Absicht 
Frauen zu rauben. Zwei physiologische Eigenschaften des Tieres tragen 
vielleicht zu diesen Ideen bei: Die sexuelle Vereinigung ist bei ihm 
ungewöhnlich leidenschaftlich und lange dauernd und das männliche 
Organ ist, wenn auch zu Lebzeiten des Tieres niemals sichtbar, da es 
in der Kloake verborgen wird," besonders lang. 5 

Die Alten, als sie die Frage der Fortpflanzung des Krokodils erwogen, 
berücksichtigten beide Anschauungen. Sie meinten, das Tier müsse sich 
in einer Weise fortpflanzen, die seine Unabhängigkeit von den gewöhn- 
lichen Mitteln zeige, und, dem Gang der eben angedeuteten Assozia- 
tionen folgend, kamen sie zu dem Glauben, das Weibchen empfange, 
wie die Gottesmutter, durch das Ohr. Die Macht, die das 
Krokodil verkörpert, ist also noch größer als die der Gottheit, deren 
Wort allmächtig und allschöpfend 4 war, denn es bedarf, um seine 
Wünsche zu vollstrecken, nicht einmal der Sprache, da es die Schweig- 
samkeit des Weisen besitzt. Wir haben also hier ein schönes Beispiel 
für die „Allmacht der Gedanken", die offenbar höher steht als die , 

Allmacht der Sprache" ; unsichtbare und unhörbare Wirksamkeit ist 
das höchste Ziel erdenkbarer Macht. Die Ohröffnung ist am besten ge- 
eignet, Gedanken aufzunehmen; mögen diese auch für den Unein- 
geweihten unhörbar sein. Nach King 5 bewirkte dieser Glaube von der 
Natur des Krokodils sein Ansehen bei den ersten Christen als „Typus 
der Wortschöpfung, d. h. als Logos oder göttliche Weisheit"'. Plutarch 
(Über Isis und Osiris) berichtet dasselbe von der Katze. Er bezieht sich 
auf den Glauben, daß die Katze „durchs Ohr empfängt und durch den 



X) Bousfield, Nativc Metliods of Treatment of Diseases in Kassala. Third 
Report of the Wellcome Research Laboratories, S. 274. Stanley, Through the 
Dark Continent, 1878, Bd. I, S. 255. Auch Budge, Op. rat., S. 128. 

2) Es verdient in diesem Zusammenhange bemerkt zu werden, das dieses 
Organ im rektalen Teil der Kloake gelegen und vom Harnteil durch eine weite 
Querfalte getrennt ist. In Verbindung mit der Gruppe der Gasvorstellungen ist 
es von besonderem Interesse, daß während der Brunstzeit ein durchdringender 
Geruch aus der Speicheldrüse hervorströmt. 

5) Gadow in der Cambridge Natural History, Bd. VIII, S. 445. 

4) Wie 2. B. das des Ptah (I. Dynastie). 

5) King, The Gnostics and their Remains; Second Edition, 1887, S. 107. 






i o8 Ernest Jones 



Mund ihre Jungen gebiert; und das Wort oder der Logos wird ebenso 
durch das Ohr empfangen und durch den Mund ausgesprochen". In 
dem ägyptischen Buch des Todes heißt es, daß vier Krokodile in den 
vier Vierteln der Welt wohnen und die Toten überfallen, um sich der 
magischen Worte zu bemächtigen, von denen ihre Existenz in der 
anderen Welt abhängt. 1 

In den obigen Anschauungen über das Krokodil ist das wichtigste 
Merkmal, auf das ich Nachdruck legen möchte, die auffallende A m- 
bivalenz. Herodot 2 meldet, daß das Tier in einigen Teilen Ägyptens 
geheiligt war, in anderen als schädliches Reptil erschlagen wurde; dieses 
hier angedeutete doppelte Verhalten ließe sich durch die ganze ägyptische 
Religion verfolgen. Anderseits haben wir oben die einander entgegen- 
gesetzten Anschauungen erwähnt, wonach dem Krokodil einmal absolute 
Impotenz, dann wieder das höchste Maß an Zeugungskraft zugeschrieben 
wurde. 

Davon ausgehend, dürfen wir wohl wagen, eine Ansicht vorzubringen, 
die eine vollständigere Antwort auf die zu Eingang dieser Untersuchung 
gestellte Frage wird geben können, weshalb in der Marienlegende der 
Atem zur Darstellung der befruchtenden Materie erkoren wurde. Diese 
Ansicht besteht in der Annahme, daß der Glaube an eine Be- 
fruchtung durch Gase die Reaktion auf eine intensive' 
Kastrationsphantasie darstelle. 

Der Begriff der Darmgase ist untrennbar mit drei anderen verknüpft: 
Vater, männliches Organ, Macht. Wir haben uns schon das eine oder 
andere Mal mit allen diesen Verbindungen befaßt und wollen jetzt 
zusammenfassend ein paar Worte hinzufügen. 

Über den Zusammenhang zwischen den verschiedenen oben erörterten 
„Gastvorstellungen und der des Vaters braucht kaum etwas gesagt 
zu werden, denn in den meisten der zitierten Beispiele bildeten erstere 
ein Attribut der männlichen Gottheit. Der Atem eines Häuptlings 
(= Vater) der Maori ist so heilig, daß er mit seinem Mund kein Feuer 
anblasen darf, denn ein brennendes Scheit könnte von einem Sklaven 
ergriffen werden und so seinen Tod hervorrufen; oder der geheiligte 
Atem könnte seine Heiligkeit dem Feuer mitteilen, dieses dem Topf 
am Feuer, dieser der Speise im Topf, diese dem Mann, der sie ißt und 

1) Budge, Op. cit., Bd. II, S. 239. 

2) Herodotos. II, 69. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 10g 

sicherlich daran sterben würde.' In dem Phönix-Mythus, einem der 
charakteristischesten der ganzen Reihe, ist die Pietät gegen den Vater 
von geradezu zentraler Wichtigkeit (Ambivalenz). Daß diese Assoziation 
nicht nur zu den sublimierten Ableitungen, sondern auch zu den ur- 
sprünglichen „Gastvorstellungen selbst gehört, zeigt die Tatsache, daß 
orientalische Völker, auch die Römer, eine eigene Gottheit verehrten, 
deren Machtgebiet die betreffende Funktion war. 2 Die metaphorischen 
Bedeutungen des Darmgases sind vorwiegend männlicher Natur und 
beziehen sich auf den Vater; der Grund liegt offenbar in der dies- 
bezüglichen größeren Zurückhaltung der Frauen und der relativen 
Offenheit, mit der Männer diesen Akt ausführen, besonders während 
einer Anstrengung (z. ß. Koitus). 

Auch die Beziehung zum männlichen Organ wurde oben dar- 
gelegt und erklärt (S. 90). Einiges möge noch über die Einweihungs- 
zeremonien hinzugefügt werden, denn man weiß jetzt, daß sie der 
Ausdruck von Kastrationswünschen 3 sind. In ganz Australien ist es den 
Frauen streng verboten, je das Schwirrholz (siehe S. 55) zu sehen, 
so wesentlich ist seine Beziehung zur Idee der Männlichkeit; eine Frau, 
die es ansieht, oder einen Mann, der es einer Frau zeigt, bestraft der 
Chepara-Stamm mit dem Tode.+ Auch in Brasilien darf bei Todesstraie 
kein Weib die gleichbedeutenden Jurupari-Pfeifen sehen. 5 Die Assoziation 
Penis-Gas-(Lärm-)Kastration wird durch die Einweihungzeremonien der 
Kakis trefflich erläutert ; folgender Bericht darüber ist ein Auszug aus 
Frazer. 6 Das Zeremonienhaus der Kakis liegt unter den düsteren 
Bäumen in der Tiefe des Waldes ; nach seiner Bauart läßt es so wenig 
Licht herein, daß man die« Vorgänge in seinem Innern nicht sehen 
kann; die Knaben werden mit verbundenen Augen dorthin geführt. 
Wenn alle vor dem Hause versammelt sind, ruft der Hohepriester mit 
lauter Stimme die Teufel, und zugleich vernimmt man, wie sich vom 
Hause her ein abscheulicher Lärm erhebt. Er wird von Männern mit 
Bambustrompeten hervorgebracht, die im geheimen in das Haus hinein - 



1) Taylor, Op. cit., S. 165. 

2) Bourke, Scatologic Rites of All Nations. 1891, S. 129, 154 — 157. 

3) S. R e i k, Das Ritual. Imago-Bücher. Bd. XI. 

4) Lang, Op. cit., S. 34. 

5) Lang, Op. cit., S. 45. 

6) Frazer. Balder the Beautiful. 1913. Bd. II, S. 249 f. 



1 1. 






1 1 o Ernest Jona 



geführt wurden; aber die Frauen glauben, er kommt von den Teufeln, 
und sind sehr erschreckt. Dann treten die Priester ein, gefolgt von den 
Knaben, und zwar einzeln. Jedesmal, wenn ein Knabe beim Eingang 
verschwunden ist, hört man einen dumpfen Schlag, ein furchtbarer 
Schrei dringt heraus und ein Schwert oder ein Speer, triefend von Blut, 
wird durch das Dach der Hütte geworfen. Dies ist das Zeichen, daß 
das Haupt des Knaben abgeschlagen wurde, und daß der 
Teufel ihn entführt hat, damit er wiedergeboren werde. An einigen 
Orten werden die Knaben durch eine Öffnung in Gestalt eines Krokodil- 
rachens oder eines Kasuarschnabels gestoßen, und es heißt dann, der 
Teufel habe sie verschlungen. Fünf oder neun Tage lang bleiben die 
Knaben in der Hütte; im Finstern sitzend, hören sie den Schall der 
Bambustrompeten und von Zeit zu Zeit den Lärm der Musketenschüsse 
und das Klirren der Schwerter. Während sie mit gekreuzten Beinen in 
einer Reihe sitzen, ergreift der Häuptling eine Trompete und spricht 
durch die Mündung, mit der er die Hand jedes Jungen berührt, in 
fremdartigen Tönen, indem er die Stimme der Geister nachahmt; 
er warnt die Jungen bei Todesstrafe vor einer Verletzung der Regeln 
der Kaki-Gesellschaft. 

Die Beziehung zur Macht war in allen oben zitierten Beispielen 
klar und ist besonders eng. Mit einem Wort, einem Wind, einem 
Hauch oder Dunst zu schaffen oder zu zerstören, beweist eine höhere 
Machtstufe, als dies mit irgend einem Werkzeug der Macht, so wunder- 
voll es auch sein mag, zu vollbringen. Was die ursprüngliche Vorstellung 
(Darmgase) betrifft, so äußert sich dabei das Machtgefühl als Verachtung ; 
in vielen Ländern gilt das Ablassen eines Ffetus als tödlichste Beleidigung 
und kann unter gewissen Umständen Verbannung aus dem Stamm oder 
Todesstrafe nach sich ziehen. 1 Lorenz 2 hat gezeigt, wie sich die 
Macht Gottes gegen seine verwegensten Feinde einmal durch Wind, 
das andere Mal durch Trompetenblasen zeigte. Es sind die Mythen von 
der Zerstörung des Turmes von Babel und der Mauern von Jericho, und 
Lorenz zeigt ferner, wie mir scheint überzeugend, daß beide Varianten 
des Titanenmotivs sind. In der ersten geht die Zerstörung durch einen 
mächtigen Wind vor sich, der die Leute durch Verwirrung ihrer 

1) Bourke, Op. cit., S. 161 f. 

2) Lorenz, Das Titanenmotiv in der allgemeinen Mythologie. Imago, Jahr- 
gang II, S. 50—55. 




Die Empfängnis der Jungj'rau Maria durch das Ohr 1 1 1 



Sprache zerstreut, in der anderen laßt Gott sein auserwähltes Volk 
einen lauten Schrei ausstoßen und ihre Trompeten blasen. 

Obige Beobachtungen stehen in vollem Einklang mit der Schluß- 
folgerung, zu der ich auf Grund individueller Psychoanalysen gelangt 
bin, daß nämlich der Kastrationswunsch einen integrierenden Bestandteil 
des die Befruchtung durch Gase betreffenden infantilen Komplexes 
bildet. Das Charakteristikum dieses Komplexes ist seine Ambivalenz 
entsprechend der ambivalenten Einstellung des Kindes gegenüber seinem 
Vater, und seine Äußerungen zeigen gleichzeitig ein Ableugnen seiner 
Macht und eine Bestätigung seiner überlegenen. Gewalt; seine Impotenz 
und seine Omnipotenz. Durch die Auffassung des Penis als Organ, das 
Flatus hervorbringt (siehe S. 90), fließen diese beiden Gegensätze zu 
vollkommener Einheit zusammen. 

Weitere psychoanalytische Studien werfen neues Licht auf die Natur 
dieses paradoxen Verhaltens. Sie haben die Quelle der ambivalenten 
Einstellung zum Vater beleuchtet. Die feindliche und herabsetzende, 
der Wunsch, er möge impotent sein, stammt aus der Bivalität zwischen 
Kind und Vater bei der Mutter. Die Bewunderung, die des Vaters 
Größe noch übertreibt, hat einen tieferen Grund. Sie ist ein Abkömmling 
des primären Narzißmus und des Allmachtsgefühls, welche das Kind 
außerstande ist in der Realität zu erhärten, ein Versagen, zu dem die 
Anwesenheit des mächtigen Vaters viel beiträgt. So überträgt das Kind 
sein eigenes angeborenes Allmachtsgefühl auf den Vater 1 und identi- 
fiziert sich mit ihm und ist so in der Lage, die Begrenztheit der eigenen 
Macht eine Zeitlang länger zu ertragen, bis die Zeit für Kind gekommen 
ist, auch die Grenzen des Vaters zu entdecken; es macht dann den 
bleichen psychologischen Prozeß durch und setzt den himmlischen an 
die Stelle des irdischen Vaters. Es hat in beiden Fällen einen bedeutenden 
Gewinn — die Versöhnung mit einem mächtigen feindlichen Wesen 
und die Beschwichtigung der Schuldgefühle, die von ungehorsam und 
feindseligen Gedanken herstammen. 

Die merkwürdige Art, in der die Einstellung zum Vater entsteht 
und in dem besprochenen Kompromiß versöhnt wird, und auch die 
besondere Form dieses Kompromisses sind ein Abbild der Veränderungen 



i)Ferenczi, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Bausteine zur 
Psychoanalyse, Bd. I. 



, 



l l 2 Kniest Jones 



im Individuum selbst, Veränderungen, die erst sekundär auf den Vater 
übertragen werden. Denn nach meiner Erfahrung bilden sich die 
besonderen Phantasien, die den Gegenstand des vorliegenden Aufsatzes 
darstellen, bei Personen, die hauptsächlich wegen der Inzestschranke 
Schwierigkeiten bei Entwicklung von der prägenitalen zur genitalen 
Phase hatten 1 und die darum zu der früheren Phase regredierten. In 
dieser früheren Phase, der analsadistischen, war das Element, das am ehesten 
die Brücke zur genitalen abgeben konnte, das aber durch sie nicht in 
den besprochenen Fällen miteingeschlossen werden konnte, die 
Ausstoßung des Flatus mit seiner Beziehung zum Machtgefühl,- zu 
Ausstoßung und Projektion. Wie oben ausgeführt, konnte die Vereinigung 
aller dieser Elemente unter dem genitalen Primat in der Phantasie des 
Flatus ausstoßenden Organs Wünsche in einem Ausmaß befriedigen, 
wie es auf einem anderen Weg nicht möglich ist. Daß die Idee der 
höchsten Macht hier unter der Führung von Phantasien verwirklicht wird, 
welche feminine, anale, masochistische und homosexuelle Komponenten 
enthalten, — durch die Symbolisierung durch eine anmutige Taube, — 
ist in grundsätzlicher Übereinstimmung mit dem Geist der christlichen 
Heilslehre ; weitere Untersuchungen über diesen Gegenstand könnten 
zu einem tieferen Verständnis ihrer Psychologie führen. 



VI 

SCHLUSS 

Betrachten wir nun unseren Gegenstand als Ganzes, so muß die 
Genialität und das Feingefühl lebhaften Eindruck auf uns machen, mit 
der hier eine den Geist des Erwachsenen so abstoßende Idee zu einer 
nicht nur erträglichen, sondern in ihrer Größe erhabenen Vorstellung 
umgestaltet wurde. In seinem Bestreben, die reinste und unsinnlichste 
aller erdenkbaren Zeugungsarten darzustellen, die dem Schöpfer selbst 
am besten entsprechende, arbeitete der Geist sicher und betrat den 
richtigsten Weg, indem er zur Grundlage die roheste und gröbste aller 
erreichbaren Vorstellungen wählte; gerade durch solche extreme Gegen - 



i) S. Freud, Die Disposition zur Zwangsneurose. Ges. Schriften, Bd. V. 
2) S. meine Arbeit. Haß und Analerotik in der Zwangsneurose. Int. Zeitschrift 
f. Psychoanalyse, Bd. I, S. 429. 



i 




Simone Martini: Der englische Gruß 



Zu: Jones, Christi. Religion 



• 



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Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 113 



siitze werden stets die größten psychologischen Effekte erreicht. Von 
allen infantilen Zeugungstheorien, die im Unbewußten fortbestehen, ist 
vielleicht keine abstoßender als die hier beschriebene, und man kann 
sich keinen auffallenderen Gegensatz vorstellen als zwischen ihrer 
ursprünglichen Form und der in unserer Legende. Ursprünglich haben 
wir einen Vater, der seine Tochter im Inzest schwängert (= ein Sohn 
seine Mutter), indem er mit Hilfe seines Geschlechtsoigans Darmgase 
ausstößt und in ihre untere Ernährungsöffnung gelangen läßt, durch 
die später auch ihr Kind geboren wird. In der Legende wird der Ort 
des Austrittes vollkommen übergangen und der Eintritt findet durch 
das zur Aufnahme von Musik bestimmte Organ statt, eine Öffnung, 
die aller Sinnlichkeit viel ferner steht als jede andere des Körpers, als 
der Nabel, der Mund und sogar das Auge. Was kann es für ein 
unschuldigeres Symbol geben als den sanften Boten der Hoffnung und 
Liebe, die Taube? Und wer würde in dem zarten Atem der Taube, 
verstärkt durch die feierlichen Worte des Erzengels, die abstoßende 
Materie, die er symbolisiert, wiedererkennen, ihren Geruch in dem Duft 
der Lilien, die Feuchtigkeit und Wärme in der Aureole von Licht und 
Feuer, ihr Geräusch in dem sanften Girren — ..dem irdischen Echo 
von Gottes eigenem Wort" ? 

Der christliche Mythus ist vielleicht die gewaltigste und erfolgreichste 
revolutionäre Phantasie der ganzen Geschichte und sein auffälligstes 
Merkmal ist die vollkommene Verhüllung mit dem Gewand der bis zur 
Selbstopferung gehenden Unterwerfung unter des Vaters Willen, in der 
diese Phantasie auftritt. Es ist deshalb durchaus angemessen, daß eine 
so wichtige Episode wie die Geburt des Heros durch eine Symbolik 
dargestellt wird, die eine vollkommene Ableugnung der väterlichen 
l'otenz darstellt, aber gleichzeitig in den höchsten denkbaren Bildern 
unter dem Deckmantel des Vaters die Macht des Sohnes verherrlicht. 

Wenden wir uns zuletzt zu dem hier abgebildeten Gemälde 
Martinis, 1 das vor mehr als 600 Jahren gemalt wurde, so sehen wir, 
obwohl seine herrlichen Farben hier nicht wiedergegeben werden 
können, daß der ganze Gegenstand, der uns beschäftigte, mit einem 



1) Das Gemälde wird gewöhnlich Simone Martini und Lippo Memmi zusammen 
zugeschrieben, aber letzterer malte nur die Umrahmung und die hier nicht 
abgebildeten Engel auf der Seite. 

Jones. Zur Psychoanalyse der christlichen Religion. K 



114 Kniest Jones 



Liebreiz und einer Treuherzigkeit dargestellt ist, die kaum übertroffen 
werden können. Edward Hutton, einer unserer führenden Kritiker, 
schreibt darüber: „Wer könnte die Farben und die Feinheit dieser 
Arbeit beschreiben? Menschenhand kann nicht mehr leisten; es ist das 
schönste aller religiösen Bildnisse." Um zu zeigen, aus welchen Tiefen 
der Künstler seine Inspiration schöpfte, möchte ich die Aufmerksamkeit 
des Lesers auf ein kleines Detail lenken, auf einen für Martinis 
Verkündigungsbilder charakteristischen Zug, der allerdings später von 
anderen Malern 1 oft nachgeahmt wurde. Er betrifft die Glockenblumen, 
die zwischen Gabriel und der Madonna stehen. Unser Künstler deutet 
ganz unbewußt an, weshalb für diesen Zweck gerade Lilien gewählt 
wurden. Von allen Blumen ist die Lilie durch ihren feinen Duft 
bekannt; besser als die süße und schon fast geile Rose, der schwere 
Jasmin, die vergänglichen Feldbumen oder irgend eine andere Blüte 
kann sie die Krone der Reinheit darstellen, die notwendig ist, um die 
ganz entgegengesetzte ursprüngliche Vorstellung zu verhüllen. In dem 
Gemälde läßt der Künstler die Worte Gabriels, die dem Atem Gottes 
entsprechen, durch die Lilien gehen, um gleichsam das Befruchtungs- 
prinzip von der letzten Spur irdischen Schmutzes zu reinigen, um es 
von jeder möglicherweise noch vorhandenen Schlacke zu befreien. 

In Werken, die, wie es bei diesem der Fall gewesen sein muß 
durch die direkte Inspiration des Unbewußten entstehen, erkennen wir 
deutlich den Unterschied zwischen wahrer und Pseudokunst. Es zeigt 
auch, wie glücklich die Vereinigung zwischen der christlichen Religion 
und der Kunst war, bevor mit der Dekadenz der Renaissance die 
Scheidung eintrat und die Herrschaft des Puritanismus in der Religion 
begann. Unser ganzer Aufsatz zeigt, welche wichtige Rolle das ästhetische 
Gefühl bei der Ausbildung religiöser Anschauungen spielt, — die von 
uns analysierte Legende könnte mit einer hervorragenden poetischen 
Konzeption verglichen werden, — eine durchaus verständliche Tatsache, 
wenn wir uns erinnern, wie eng die Verbindung zwischen den 



i) Z. B. von Taddeo Bartoli (Akademie in Siena), Einen sehr deutlichen 
U mk über die Funktion der heiligen Worte geben jene Künstler, die sie in 
Gestalt einer Schlange vom Munde des Erzengels ausgehen lassen. (Ein 
Beispiel bietet der Altar in Klosterneuburg, reproduziert von B eissei, 
Geschichte der Verehrung Marias in Deutschland während des Mittelalters, 1909, 
S. 466.) 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr 1 1 5 



Wurzeln beider im unbewußten ist. Die Religion hat sich stets in 
irgend einer Form der Kunst bedient, und sie muß es tun, denn die 
Inzestwünsche bilden ihre Phantasien ausnahmslos aus dem Material, 
das die Erinnerung an die koprophilen Interessen der Kindheit liefert; 
das ist der wahre Sinn des Satzes : „Die Kunst ist die Dienerin der 
Religion." Die sich erweiternde Trennung zwischen den beiden und die 
Wendung der Kunst zu anderen Zwecken bildet das erste ernste Stadium 
in der Umbildung der Religion und im Triumph des Realitätsprinzips 
über das Lustprinzip. 






&• 



EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 
ÜBER DEN HEILIGEN GEIST 

Was die Zeit auch über die historische Persönlichkeit des Gründers 
des Christentums enthüllen mag — es herrscht unter denen, die ver- 
gleichende Religionsforschung getrieben haben, kein Zweifel, daß viele 
der Glauben, die sich um seine Person ranken, der ursprünglichen 
Grundlage angefügt und von fremden heidnischen Quellen abgeleitet 
wurden: der Name christliche Mythologie mag diesen Abweichungen 
mit Fug und Recht zugesprochen werden. Wie Frazer 1 es ausdrückt: 
„Nichts ist gewisser, als daß Sagen wie Unkraut um die großen 
historischen Figuren der Vergangenheit wuchern.'' 

Einige der wichtigeren Elemente dieses Sagenkreises sind schon mit 
Hilfe der psychoanalytischen Methode von Freud 2 erforscht worden. 
Ihm zufolge stellt das Hauptdogma der christlichen Religion — näm- 
lich der Glaube, daß die Menschheit durch den Opfertod Jesu Christi 
am Kreuz von ihren Sünden erlöst werden soll — eine Ausarbeitung 
des primitiven totemistischen Systems dar. Das Wesen dieses Systems 
sieht er in dem Versuch der Linderung des Schuldgefühls, das aus 
dem Ödipuskomplex herrührt, infolge des in Urzeiten befriedigten 
Impulses des Vatermordes und Mutterinzestes; es besteht guter Grund 
anzunehmen, daß dieser Komplex die letzte Quelle der von den Theo- 
logen beschriebenen „Erbsünde" ist. Dies war die erste große Sünde 
der Menschheit, und diejenige, aus der unser moralisches Gewissen 

1) Fraz.er: Adonis, Attis, Osiris, Third Ed., 1914, S. 160. 

2) Freud: Totem und Tabu. Ges. Sehr., Bd. X, S. 185. 






Eine psychoanalytische Studie über den heiligen Geist 117 

und unser Schuldgefühl geboren wurde. Die darauf bezügliche frühe 
Geschichte der Menschheit, die Tendenz zu dieser großen Sünde und 
die moralische Reaktion dagegen, wiederholt sich bei jedem Kind, das 
auf die Welt kommt, und die Geschichte der Religion ist ein nie 
endender Versuch, den Ödipuskomplex zu überwinden und zum Seelen- 
frieden durch Versöhnung mit dem Vater zu gelangen. Freud hat 
hervorgehoben, daß das auffallendste Charakteristikum der christlichen 
Problemlösung im Vergleich mit anderen, z. B. der mithraischen, in 
der Art besteht, wie diese Versöhnung zustande kommt, nämlich durch 
Unterwerfung unter den Vater, anstatt durch offene Auflehnung und 
Überwindung. Diese Unterwerfung, deren Prototyp die Kreuzigung ist, 
wird von Zeit zu Zeit in der Zeremonie der heiligen Messe oder 
Kommunion wiederholt, die psychologisch der Totem-Mahlzeit gleich- 
steht. In dieser Weise wird des Vaters Zorn vermieden und der Sohn 
nimmt seinen Platz an seiner Seite als ein Gleicher. In der Mahlzeit 
wird die Urtat des Tötens und Essens des Vaters wieder durchlebt und 
auch die reuige Pietät, die die Wiedervereinigung und Identifizierung mit 
ihm wünscht. Wir werden sehen, daß, dieser Ansicht zufolge, die 
christliche Versöhnung mit dem Vater auf Kosten einer Überentwicklung 
der femininen Komponente erreicht wird. 

Ich hoffe, daß die vorliegende Mitteilung die Schlußfolgerungen 
Freuds durch ein auf gleichen Linien laufendes Studium bestätigen 
wird. Vor ungefähr zehn Jahren veröffentlichte ich im „Jahrbuch der 
Psychoanalyse" einen Aufsatz über die Empfängnis der Madonna, und 
was ich hier vorzulegen habe, ist zum großen Teile auf der in diesem 
Buche enthaltenen erweiterten Fassung dieser Arbeit aufgebaut. Die 
dort verfolgte Forschung ergab gelegentlich die Untersvichung des 
folgenden Problems. 

In der christlichen Mythologie begegnen wir einer überraschenden 
Tatsache. Es ist die einzige Mythologie, in der die ursprünglichen 
Figuren nicht fortbestehen, in welcher die zu verehrende Dreieinigkeit 
nicht mehr in Mutter-Vater-Sohn besteht. Vater und Sohn erscheinen 
zwar noch immer, aber die Mutter, die Ursache des ganzen Kon- 
fliktes, ist durch die rätselhafte Gestalt des Heiligen Geistes ersetzt 
worden. 

Es scheint unmöglich, zu irgendeinem anderen Resultat als zu dem 
soeben ausgesprochenen zu gelangen. Die Mutter muß nicht nur 



1 1 " Kniest Jones 



logischerweise das dritte Glied jeder Dreieinigkeit ausmachen, deren 
beide anderen Glieder Vater und Sohn sind, dies ist nicht nur in all 
den anderen zahlreichen uns bekannten Dreieinigkeiten so, sondern 
es besteht auch eine beträchtliche Anzahl von direkten Beweisen, daß 
dies ursprünglich im christlichen Mythus der Fall war. Frazer 1 hat 
einige Beweise zu diesem Zwecke gesammelt und laßt diese Folgerung 
auf historischer Basis allein höchstwahrscheinlich erscheinen. Die 
ursprüngliche Mutter, die z. B. von der ophitischen Sekte als das dritte 
Glied der Dreieinigkeit anerkannt wurde, war scheinbar von baby- 
lonischem und ägyptischem Ursprung, obzwar es an Hinweisen darauf 
nicht fehlt, daß eine nebelhafte Muttergestalt auch im Hintergrund 
der hebräischen Theologie schwebt. So sollte die Stelle in der Genesis 
(I, 2): „Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern" eigentlich 
heißen: „Die Mutter der Götter brütete (oder flatterte) über dem 
Abgrund und brachte neues Leben hervor", eine vogelartige Auffassung 
der Mutter, die uns nicht nur an die Heilige Taube erinnern muß 
(d. h. der Heilige Geist, der die Mutter ersetzt), sondern auch an die 
Sage, daß Isis Horus empfing, während sie in der Gestalt eines Habichts 
über den toten Körper des Osiris flatterte. 

Während die streng patriarchalische hebräische Theologie die Mutter 
jedoch zu einer untergeordneten Holle und den Messias-Sohn in eine 
ferne Zukunft verbannte, behielt sie nichtsdestoweniger die normale 
Beziehung der drei Personen zueinander bei. Es ist daher wahrschein- 
lich, daß jede Aufklärung der Verwandlung der Mutter in den Heiligen 
Geist ein Licht auf die innere Natur der psychologischen Bevolution 
werfen wird, die sich in der Entwicklung vom Judaismus zum Christen- 
tum zeigt. 

Der Weg, der hier verfolgt wird, besteht in der Betrachtung der 
Umstände, die die Empfängnis des Messias begleiten. Dieser Weg 
erscheint aus zwei Gründen gerechtfertigt. Es ist erstens wohlbekannt, 
daß die Figur des Heiligen Geistes im Mythus nur als das Werkzeug 
der Befruchtung bei der Empfängnis des Sohnes erscheint und später 
als ambrosischer Segen, der sich über den Sohn ergießt, wenn er sich 
den Einführungsriten der Taufe unterzieht (später auch in Beziehung 
mit den Anhängern des Sohnes). Zweitens hat Otto Bank 2 vor langer 

1) Frazer: The Dying- God, 1911, S. 5. 

2', Otto Rank: Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909, 2. Aufl., 1922. 



' 



Eine psychoanalytische Studie über den heiligen Geist lig 

Zeil gezeigt, daß die Tendenz eines Mythus schon in seinen ersten 
Stadien enthüllt ist; er nennt dies den Mythus von der Geburt des 
Helden. Die Betrachtung des christlichen Mythus macht es wahrschein- 
lich, daß dieses Gesetz auch hier gilt, so daß ein Studium der Emp- 
fängnis Jesu Licht auf die Haupttendenzen und Zwecke des ganzen 
Mythus werfen könnte. 

Vor allem gibt gerade die Vorstellung einer übernatürlichen und 
abnormalen Befruchtung einen Anhaltspunkt für die mythische Tendenz. 
Es sagt uns sogleich, daß irgendein Konflikt in der Einstellung zum 
Vater besteht, denn die ungewöhnliche Art der Befruchtung weist, wie 
wir von anderen Studien wissen, auf den Wunsch hin, die Vorstellung, 
daß der Vater daran Anteil gehabt hat, zurückzuweisen. Es mag oder 
mag auch nicht die dem entgegengesetzte Tendenz vorhanden sein — 
der Wunsch, die besondere Macht des Vaters bewundernd zu ver- 
größern. Diese Ambivalenz zeigt sich deutlich in dem primitiven 
Glauben, daß die Kinder nicht vom Vater gezeugt sind, sondern durch 
Befruchtung der Mutter von dem betreffenden Clan Totem, denn der 
Totem ist einfach ein vorväterlicher Ersatz des Vaters, ein Übervater. 
Es ist daher nicht überraschend, zu erfahren, daß der christliche 
Mythus, wie so viele religiöse Mythen, sich mit dem jahrhunderte- 
alten Kampf zwischen Vater und Sohn befaßt. 

Wie erinnerlich, fand die Empfängnis Jesu in der ungewöhnlichsten 
Weise statt. In der Begel, wenn ein Gott ein irdisches Weib befruchten 
will, erscheint er auf der Erde entweder in menschlicher Gestalt oder 
als ein Tier mit besonders stark ausgeprägten phallischen Symbolen 
(als Stier, Schlange usw.) und befruchtet sie durch den Akt der 
sexuellen Vereinigung. Im Madonna-Mythus hingegen erscheint Gott- 
vater überhaupt nicht, außer wenn wir den Erzengel Gabriel als seine 
Verkörperung betrachten; die Befruchtung selbst findet statt durch den 
Gruß des Engels und den Atem der Taube, der zu gleicher Zeit in 
das Ohr der Madonna eingeht. Die Taube selbst, die den Heiligen 
Geist vertreten soll, nimmt ihren Ursprung von dem Mund des Vaters. 
Daher spielen der Heilige Geist und sein Atem hier die Rolle eines 
sexuellen Werkzeuges und erscheinen, wo wir logischerweise den 
Phallus, resp. den Samen erwarten würden. Ich zitiere St. Zeno „Der 
Leib Mariae schwillt durch das Wort, nicht durch den Samen'', oder 
St. Eleutherius: „O geheiligte Jungfrau . . . die du Mutter wurdest 



1 2 ° Kniest Jones 



ohne die Mitwirkung eines Mannes. Denn hier war das Ohr die Gattin 
und das Wort des Engels der Gatte." 

Wir werden sehen, daß sich unser Problem sogleich kompliziert. Es 
heißt nur dem ersten Rätsel ein zweites hinzufügen, wenn wir linden, 
daß die geheimnisvolle Figur, welche die Mutter ersetzt, ein männ- 
liches Wesen ist, das die Zeugungsorgane des Vaters symbolisiert. Bevor 
wir jedoch darauf eingehen, ist es notwendig, genauer die Einzelheiten 
der Befruchtung selbst zu betrachten. 

Hier führt eine vergleichende Analyse zu einem unerwarteten Schluß. 
Wenn wir zu entdecken trachten, wieso die Vorstellung des Atems in 
primitiven, d. h. unbewußten Vorstellungen mit der Samenbefruchtung 
verbunden wird, finden wir, daf3 dies auf einem großen Umweg 
geschieht. Wie ich ausführlich in der oben angeführten Arbeit gezeigt 
habe, hat der Atem in der primitiven Psyche nicht die eng umschriebene 
Bedeutung, die wir ihm jetzt geben. Ein Studium der psychologischen 
Philosophie der Griechen und Hindus im besonderen zeigt, daß der 
Atem eine viel größere Ideenverbindung hatte, die sogenannte Pneuma- 
konzeption, daß wahrscheinlich der größere Teil dieser Konzeption 
oder wenigstens ihre sexuelle Seite von einem anderen gasförmigen 
Exkret hergeleitet wurde, nämlich von dem, das von dem unteren 
Ende des Verdauungskanales ausgeht. Es ist dieser abwärts gehende 
Atem, wie er in der vedischen Literatur genannt wird, welcher das 
befruchtende Element in den verschiedenen Glauben der Schöpfung 
durch Wort oder Atem ist. In ähnlicher Weise führt uns eine Analyse 
der Vorstellung, daß das Ohr ein weibliches Organ der Empfängnis ist, 
zum Schlüsse, daß dies eine symbolische Ersetzung, eine „Verschiebung 
von unten nach oben" paralleler Gedanken ist, die sich auf die untere 
Öffnung des Verdauungsapparates beziehen. Wenn wir diese beiden 
Schlüsse in Beziehung bringen, können wir kaum die Folgerung ver- 
meiden, daß die in Frage stehende mythische Legende eine höchst 
verfeinerte und verwandelte Ausarbeitung der infantilen sexuellen 
Theorie ist, auf die ich an anderer Stelle 1 aufmerksam gemacht habe 
und derzufolge Befruchtung stattfinden soll durch das Passieren von 
Wind von dem Vater auf die Mutter. Ich habe auch hervorgehoben, 
warum diese abst oßendste der sexuellen Phantasien sich besser als alle 

1) Einige Fälle von Zwangsneurose. Juhrbueli der Psychoanalyse. Band IV, 
S. 586 ff. 



i 



Eine psychoanalytische Studie über den heiligen Geist 121 

anderen dazu eignet, die exaltiertesten und geistreichsten Vorstellungen 
auszudrücken, deren der menschliche Geist fähig ist. 

Diese infantile Theorie begleiten nun gewisse charakteristische Züge, 
die wir sowohl durch das Mittel individueller Psychoanalysen entdecken 
können als auch durch ein Studium des damit in Beziehung stehenden 
vergleichenden .Materials. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man 
annehmen, daß es auf ein Leugnen der väterlichen Potenz hindeutet 
und eine Art Kastrationswunsch darstellt, und dies ist zweifellos zum 
Teil richtig. Aber andererseits ist man erstaunt, zu finden, daß in all 
den zahlreichen Assoziationen zur Vorstellung der Schöpfung im 
Zusammenhang mit Wind beinahe immer die entgegengesetzte Vor- 
stellung von einem konkreten mächtigen Phallus enthalten ist, der den 
Wind ausstößt. So gehört in den meisten Glauben in der ganzen Welt 
ZU der Vorstellung des göttlichen zeugenden Donners eine Art von 
Donnerwaffe; die bestbekannte und weitest verbreitete ist das Schwirr- 
holz, .la, weitergehend, die Vorstellung der Befruchtung durch den 
Wind selbst scheint regelmäßig von den Primitiven als ein Zeichen 
besonders großer Potenz betrachtet zu werden, als ob die Macht, durch 
einen bloßen Laut, durch ein Wort oder selbst nur einen Gedanken 
zu schaffen, ein letzter Beweis ungeheurer Männlichkeit wäre. Das 
erreicht seinen Höhepunkt in dem Hinweis auf die Zeugung ohne 
Laut, nur durch einen stummen Gedanken, wie in dem Glauben, den 
verschiedene Nonnen im Mittelalter hegten, daß sie befruchtet seien, 
weil „Jesus an sie gedacht hatte". 

Ein ausgezeichnetes Beispiel für diesen Vorstellungskomplex, von 
verschiedenen Gesichtspunkten aus interessant, geben gewisse ägyptische 
Glauben über das Krokodil. Sie stehen auch in direktem Zusammen- 
hang mit dem vorliegenden Thema, denn das Krokodil wurde von den 
ersten Christen als Symbol des Logos oder Heiligen Geistes angesehen; 
dazu kam noch, daß man glaubte, das Krokodil befruchte sein Weibchen 
durch das Ohr, so wie die Jungfrau befruchtet wurde. Einerseits nun 
war das Krokodil den alten Ägyptern merkwürdig, weil es kein äußer- 
liches Genitalorgan hatte, keine Zunge und keine Stimme (Symbole 
der Impotenz), und doch andererseits, tiotz dieser rein negativen Eigen- 
schaften oder vielleicht gerade deswegen, wurde es als der höchste 
Typus sexueller Männlichkeit angesehen und eine Anzahl aphroditischer 
Gebräuche waren auf diesem Glauben begründet. Das Krokodil war ein 



1 22 Em est Jones 



Emblem der Weisheit, wie die Schlange und andere phallische Gegen- 
stände, und prangt als solches auf der Brust der Minerva, so daß die 
Alten zum Schluß gekommen zu sein scheinen, daß das mächtigste 
Zeugungswerkzeug in der ganzen Schöpfung das Schweigen des Weisen 
ist, daß die Allmacht der Gedanken sogar eindrucksvoller ist als die 
Allmacht des Wortes. 

Wir wissen, daß diese Überbetonung der väterlichen Potenz nicht 
ein primäres Phänomen ist, sondern es ist eine Übertragung vom 
Narzißmus der eigenen Person, hervorgerufen durch die Kastrations- 
angst als Strafe für Kastrationswünsche. Wir kommen somit zum 
Schluß, der reichlich durch individuelle Psychoanalysen belegt ist, daß 
ein Glaube an eine gasförmige Befruchtung eine Beaktion auf eine 
ungewöhnlich intensive Kastrationsphantasie darstellt und daß er nur 
vorhanden, wenn die Einstellung zum Vater besonders ambivalent ist, 
feindseliges Leugnen der Potenz mit der Bestätigung und Unterwerfung 
unter die höhere Macht abwechselt. 

Beide Einstellungen sind im christlichen Mythus angedeutet. Die 
Befruchtung durch action ä distance, durch bloße Boten, und die Wahl 
des gasförmigen Weges enthüllen eine Vorstellung von ungeheurer 
Potenz, welcher der Sohn durchaus unterworfen ist. Andererseits ist 
das Werkzeug, das zur Befruchtung ausersehen ist, keineswegs ein 
besonders männliches. Trotzdem die Taube offensichtlich ein phallisches 
Symbol ist, — in der Gestalt einer Taube verführte Zeus Phtheia und 
Tauben waren die amorähnlichen Embleme aller großen Liebesgöttinnen, 
Astarte, Semiramis, Aphrodite und der übrigen, — dankt sie doch die 
Verbindung mit Liebe hauptsächlich der zarten und liebkosenden Natur 
ihres Werbens. Wir können also sagen, daß sie eines der weibischesten 
phallischen Symbole ist. 

Es ist also klar, daß die Macht des Vaters sich nur auf Kosten einer 
Verbindung mit beträchtlicher Verweiblichung ausdrückt. Das gleiche 
Thema kommt beim Sohn noch deutlicher zum Ausdruck. Er erreicht 
Größe, welche den endlichen Besitz der Mutter und die Versöhnung 
mit dem Vater einschließt, aber erst nachdem er sich der größten 
Demütigung, verbunden mit einer symbolischen Kastration und dem 
Tod, entzieht. Einen ähnlichen Pfad muß jeder Anhänger Jesu ver- 
iolgen; die Erlösung wird nur durch Sanftmut, Demut und Unter- 
werfung unter den Willen des Vaters erreicht. Dieser Weg hat logischer- 



Eine psychoanalytische Studie über den heiligen Geist 125 

weise in extremen Fällen zu tatsächlicher Selbstkastration geführt und 
weist immer nach dieser Richtung, obzwar dies in Wirklichkeit natür- 
lich durch verschiedene Taten ersetzt ist, die zum Symbol dafür dienen. 
Der dadurch erzielte Gewinn ist ein doppelter: Objektliebe für die 
Mutter ist ersetzt durch eine Regression zu der ursprünglichen Identi- 
fizierung mit ihr, so daß Inzest vermieden und der Vater besänftigt 
ist; weiterhin ist die Gelegenheit gegeben, die Liebe des Vaters durch 
das Annehmen einer femininen Einstellung ihm gegenüber zu gewinnen. 
Der Seelenfriede wird erlangt durch eine Wandlung der Zuneigung in 
der Richtung einer Wandlung des Geschlechts. 

Wir kehren an diesem Punkt zu dem oben aufgestellten Problem 
zurück: der psychologischen Bedeutung des Heiligen Geistes. Wir haben 
gesehen, daß Er sich zusammensetzt aus der ursprünglichen Mutter- 
gottheit und der schöpferischen Wesenheit (Genitalorgane) des Vaters. 
Von diesem Standpunkt aus nähert man sich einem Verständnis der 
besonderen Furchtbarkeit einer Blasphemie gegen den Heiligen Geist, 
die sogenannte „unverzeihliche Sünde", denn so eine Beleidigung wäre 
symbolisch gleichbedeutend mit einer Befleckung der Heiligen Mutter 
und einem Kastrationsversuch an dem Vater. Es wäre eine Wieder- 
holung der Ursünde, der Anfang aller Sünde, die Befriedigung des 
Ödipusimpulses. Dies steht in vollkommener Harmonie mit unserer 
klinischen Erfahrung, daß Neurotiker beinahe immer diese Sünde mit 
der Masturbation identifizieren; ihre psychologische Bedeutung rührt 
von der unbewußten Verbindung mit Inzestwünschen her. 

Soweit kann man annehmen, daß die Gestalt des Heiligen Geistes 
mit dem schrecklichen Bilde der phantastischen „Frau mit dem Penis'' 
korrespondiert, der Urmutter. Aber die Sache ist komplizierter. Wenn 
sich die Mutter mit dem schöpferischen Werkzeug des Vaters verbindet, 
so verschwindet alle Weiblichkeit und die Gestalt wird unbestreitbar 
männlich. Diese Umkehrung der Geschlechter ist das wirkliche Problem. 
Aus den oben angeführten Gründen muß diese Geschlechtsveränderung 
etwas mit der Zeugung zu tun haben, und dies erinnert uns an eine 
seltsame Änderung des Geschlechts im Zusammenhange mit dem 
gleichen Akt. Beik 1 hat in seinen wichtigen Forschungen über die 
Pnbertätsriten und die Couvade-Zeremonien gezeigt, daß die sie durch- 

i) Reik: Das Ritual. Imago-Bücher Nr. XI. 



Kniest Jones 



düngende Haupttendenz ist, dem Ödipuskomplex, d. h. dem Wunsch 
nach dem Vatermord und dem Mutterinzest, zu begegnen, durch ein 
sehr seltsames Mittel, das aber trotzdem logisch genug ist. Die Primitiven 
gehen von der tief eingewurzelten Überzeugung aus, daß die Grundlage 
der unsehgen Anziehung der Mutter die physische Tatsache ist, daß 
man von ihr geboren wurde, eine Überzeugung, die einige reale Basis 
hat. Sie beginnen nun verschiedene komplizierte Prozeduren, deren 
wesentliches Ziel ist, diese physische Tatsache so weit als möglich 
ungeschehen zu machen und die Fiktion aufzustellen, daß der Knabe 
von dem Vater wenigstens wiedergeboren wurde. Auf diese Weise hofft 
der Vater euerseits die inzestuösen Wünsche zu sistieren und anderer- 
seits den Jüngling fester an sich zu binden; diese beiden Ziele ver- 
ringern die Gefahr des Vatermordes. In Terminis der Triebe ausgedrückt 
heißt das aber, daß eine inzestuöse heterosexuelle Fixierung durch eine' 
subhmierte Homosexualität ersetzt ist. 

Wenn wir nun darüber nachdenken, wie weitverbreitet diese Tendenz 

T üf% Ri r SdbSt kan " man ' W " Reik bemerkt ' ! » «Uen Teilen 

der Welt finden - erscheint es nicht zu kühn, auch in dem zur 
Diskuss.on stehenden Fall dieser Tendenz den Ersatz der Frau durch 
den Mann zuzuschreiben. Ich möchte daher vorschlagen, den Ersaf 
der Muttergottheit durch den Heiligen Geist als eine Kund- 
gebung der Ansicht zu betrachten, daß es ratsam sei, den Wünschen 
nach Mutterinzest und Vatermord zu entsagen und sie durch 
eine stärkere Bindung an den Vater zu ersetzen, ein Phänomen 
das die glexche Bedeutung hat wie die Pubertätsriten. Daher ragt im' 
Christentum, verglichen mit dem Judentum, die persönliche Liebe für 
Gottvater mehr hervor. Als weiterer Beweis dieses Schlusses mag die große 
Holle der sublimierten Homosexualität in der ganzen christlichen Religion 
hervorgehoben werden. Das außergewöhnliche Gebot der allumfassenden 
Bruderliebe, daß man nicht nur seinen Nächsten lieben solle wie sich 
selbst, sondern selbst seinen Feind, verlangt so viel Sozialgefühl, daß 
es, wie Freud hervorgehoben hat, nur von homosexuellen Gefühls- 
quellen stammen kann. Dann die weibische Kleidung der Priester, das 
erzwungene Zölibat, die Tonsur usw., all das bedeutet Entzug der 

mannhehen Attribute und ist somit gleichbedeutend mit symbolischer 
Selbstkastration. 

Die so erschaffene Gestalt stellt ein androgynes Kompromiß dar. 






Eine psychoanalytische Studie über den heiligen Geist 125 

Indem sie auf Elemente der Männlichkeit verzichtet, gewinnt sie das 
speziell weibliche Prärogativ des Gebarens und verbindet somit die 
Vorteile beider Geschlechter. Das hermaphroditische Ideal, welches das 
Christentum der Welt bietet, ist von ungeheuerer Bedeutung für die 
Menschheit geworden. Wir sehen darin einen gewichtigen Grund für 
den enormen zivilisierenden Einfluß des Christentums, denn das 
Zivilisieren des primitiven Menschen bedeutet im wesentlichen das 
Meistern des Ödipuskomplexes und das Verwandeln eines großen Teiles 
davon in sublimierte Homosexualität (= Herdeninstinkt), ohne welche 
keine soziale Gemeinschaft bestehen kann. Wir verstehen auch, warum 
eine wirkliche Bekehrung zum Christentum in typischer Weise als „vom 
Heiligen Geist wiedergeboren" beschrieben wird und warum ein 
untertauchen In Wasser (ein Geburtsymbol) ihr offizielles Zeichen ist ; 
ferner gibt es die Erklärung der seltsamen Entdeckung, die in einer 
früheren Arbeit 1 hervorgehoben wurde, daß die Taufflüssigkeit in gerader 
Linie von einer Körperflüssigkeit (Samen, Urin) des Vaters abgeleitet 
ist. Nebenbei erwähnt, sollte es nicht länger seltsam erscheinen, 
daß die intensivsten Arten religiöser Bekehrung entweder in den 
Pubertätsjahren, der homosexuellen Phase der Jünglingszeit, oder bei 
Erwachsenen beobachtet werden, die dem Trunk ergeben sind; man 
wird sich daran erinnern, daß Trunksucht ein besonderes Zeichen des 
psychischen Konflikts verdrängter Homosexualität ist. 

Die so erreichten Schlußfolgerungen stimmen gut mit denjenigen 
zusammen, die Freud auf anderer Linie bezüglich der Verbindung 
zwischen Christentum und Totemismus erreicht hat. Das Christentum 
stellt zu einem großen Teil sowohl eine verschleierte Rückkehr (Regression) 
zu dem primitiven totemistischen System und zu gleicher Zeit auch 
eine Verfeinerung dieses Systems dar. Es ähnelt dem Totemismus in 
der Schärfe der Ambivalenz gegen den Vater, obzwar die feindselige 
Komponente im Christentum ein weiteres Stadium der Verdrängung 
erreicht hat. Es stimmt auch mit der Tendenz der primitiven Ein- 
führunosriten, wie Reik sie erklärt hat, überein, aber es zeigt einen 
Fortschritt über sie hinaus, indem die von der Frau auf den Mann 
verschobene Erschaffung von der Pubertät zur Geburt zurückdatiert 
wird, gerade so, wie dies, nebenbei gesagt, mit dem Ritus der Taufe 

i\ Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker. Imago, Bd. I, 

S. 463- 



. Ernest Jones 



eine 



spater geschah. Anstalt die Geburt durch die Mutter durch 

symbolische väterliche Wiedergeburt zur Zeit der Pubertät ungeschehen 
behaTdek "' "" ^ ^^ "*" Symb ° Hsch nach dieser Methode 

In der Diskussion über das Geschick der ursprünglichen Muttergöttin 
und ,hrer Umwandlung in den Heiligen Geist haben wir eine sehr 
augenfällige Beobachtung außer acht gelassen. Obzwar in der christlichen 
Dmenngkeit selbst der Heilige Geist die einzige Gestalt ist, welche 
die ürmutter ersetzt, so erscheint doch in der christlichen Theologie 
eine weibliche Figur, die Jungfrau Maria, die eine wichtige Rolle spielt 
Es wäre somit richtiger zu sagen, daß die ursprüngliche Göttin „zerlegt" 
worden ist - um einen mythologischen Terminus zu gebrauchen - 
in zwei Gestalten, deren eine der Heilige Geist wird und deren andere 
die Madonna ist. um unsere Analyse zu vervollständigen, sollte etwas 
über die letztere Figur gesagt werden. 

Unter einem göttlichen Vater oder einer himmlischen Mutter d h 
einem Gott oder einer Göttin, verstehen wir vom rein psychologischen 
Standpunkt aus eine infantile Konzeption von Vater und Mutter eine 
Figur, die mit allen Attributen der Macht und Vollkommenheit aus- 
gestattet ist und mit Respekt oder Ehrfurcht betrachtet wird Die in 
frage stehende Zerlegung bedeutet daher, daß die göttlichen d h 
infantilen Attribute des ursprünglichen Mutterbildes auf die Vorstellung 
des Heiligen Geistes übertragen worden sind, während die rein mensch 
liehen, d. h. erwachsenen Attribute in der Gestalt einer einfachen Frau 
beibehalten wurden. Abgesehen von der Änderung im Geschlecht im 
ersten Falle, die oben behandelt wurde, ist der Prozeß der Trennung 
verwandt, die normalerweise während den Jünglingsjahren vorkommt 
wenn der junge Mann, der Dichotomie seiner eigenen Gefühle folgend' 
Frauen in zwei Klassen einteilt - menschlich erreichbare und 
unnahbare verbotene Respektspersonen; die extremen Typen sind die 
Dirne und die „Dame". Wir wissen aus zahllosen Einzelanalysen, daß 
diese Spaltung einfach eine Projektion der Dissoziation ist, die in den 
Gefühlen des Knaben für seine Mutter eintritt; die dem Sexualziel 
abgewandten Gefühle werden an verschiedene Respektspersonen fixiert 
wahrend die grob erotischen nur in Bezug zu einer gewissen Klass^ 
von Frauen: der Dirne, der Magd usw., in Erscheinung treten dürfen. 
Die „Dame sowohl als auch die Dirne sind daher von der Muttergestalt 



Ejine psychoanalytische Studie über den heiligen Geist 127 

abgeleitet. Daraus folgern wir, daß die Zweiteilung der ursprünglichen 
Göttin im Christentum eine Kundgebung derselben Verdrängung der 
inzestuösen Impulse ist. 

Diese Beobachtung und ein Vergleich der weiblichen Gestalt in der 
christlichen Mythologie mit der in anderen Dreieinigkeiten werfen ein 
Licht auf die Rolle, welche die Jungfrau spielt. Zu diesen Vergleichs- 
y.wecken seien die drei gewählt, welche F r a z e r so eingehend studiert 
hat, die drei, die in frühen Tagen des Christentums ernsthaft mit 
diesem in Wettbewerb getreten sind und die Quellen einiger seiner 
hervorragendsten Elemente sind. Ich beziehe mich auf die Dreieinigkeiten 
der Erlöser Adonis, Attis und Osiris. Bei all diesen haben wir einen 
Sohn, der die Mutter liebt, der stirbt, gewöhnlich auch noch kastriert 
wird, der von Zeit ZU Zeit betrauert wird, meist von Frauen, und 
dessen Auferstehung das Wohl oder die Rettung der Menschheit 
bedeutet. Zwei unterscheiden sich jedoch in einem interessanten Merkmal 
von der dritten. Bei Adonis und Attis ist die Muttergöttin, Astarte, 
bzw. Cybele, von überragender Bedeutung gegenüber dem jungen 
Erlöser; Osiris dagegen ist gerade so mächtig und ausgezeichnet wie 
Isis. Frazer 1 schreibt: „Während Adonis und Attis als einfache Dorf- 
burschen dargestellt werden, Hirten oder Jäger, welche die schicksals- 
schwere Liebe einer Göttin über ihre bäuerliche Sphäre in eine kurze 
und traurige Erhabenheit versetzt, erscheint Osiris einhellig als ein 
großer und wohltätiger König." Später jedoch weist er darauf hin. 2 daß 
. dieser Zug des Mythus anzudeuten scheint, daß im Anfang Isis das 
war, was Astarte und Cybele blieben, die stärkere Gottheit in dem 
Paar". So haben wir in den Serien Astarte, Isis, Maria eine Abstufung 
in der abnehmenden Größe der Urmutter. Obzwar Maria die Voll- 
kommenheit beibehält, hat sie doch die Charakteristika der himmlischen 
und unnahbaren Größe verloren und wird einfach eine gute Frau. 
Diese Unterordnung der Urmutter und der Entzug der infantilen 
Vorstellung der Göttlichkeit scheint mit der oben ausgesprochenen 
Ansicht über die Tendenz des christlichen Mythus, den Vater auf Kosten 
der Mutter zu erhöhen, gut übereinzustimmen. Ihre Bedeutung, auf 
die schon früher hingewiesen wurde, ist, dem Inzestwunsch durch eine 
engere Bindung an den Vater zu begegnen. 

1) Frazer: Adonis, Attis, Osiris, 1914, S. 158 f. 

2) Ibid. S. 202. 



PSYCHOANALYSE 

SIGM. FREUD: Die Zukunft einer Illusion. Gek. M. 2.30 

s^dSicrnf" " fÜhrt de f f hö P f - ^r Psychoanalyse in seiner neuen Arbeit aus _ 
n nn S t' m ™l*** ***** ^rf gezwungen werden, an sie zu glauben. Einige von 

Weh eS£«n"h t ?i """T?* ■» alle,«, was wir mühselig über die RealiS de 
Zr nenthHcl Ä^f" "* f" Wahnid "» vergleichen kann. Wohl hat die Religion 

der menschlichen Kultur Dienste geleistet, aber nicht genug. 1» den Jahrtausenden dure 
die sie d,e menschliche Gesellschaft beherrscht hat, ist es ihr nicht gelung™ ai *.! 3 
der Menscher, gluckhch zu machen, sie mit dem Leben zu versöhnen; vielmehr emu m de 
eine erschreckend große Anzahl der Menschen die Gesellschaftsordnung als ein Joch das 
man abschütteln muß. Die Priester konnten die Unterwürfigkeit de/ Massen gegen £ 
Religion nvx erhalten, indem sie der menschlichen Triebnatur große Zugeständnisse ein 

ermessen, welch großen Anteil an der intellektuellen Verkümmerung nefen de" se üe en 
Erztl^gTaT U " *"*— * d " SeXUe,le " Entwicklung besonders auch die 5g£ 
Freuds Ausführungen gipfeln in der Pnrdnnm«. r- - „ • u », 

für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf. Auf dfc^Swk^i^ ""P 
und der Erfahrung nichts widerstehen und der Widerspruch der Religion g gen beT 
allzu greifbar. Auch die geläuterten religiösen Ideen können sich difs cm %% ££ J L£ 
entziehen, solange sie noch etwas vom Trostgehalt der Religion retten wollen " 

Sl £* EI vd a wu m ""/, T z h * Eini * c ^ reinstiIlllmmgen 

im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. Geheftet M. ;.- 



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„7Vi<? A^iti 1'orA- TiWj«) 



SIGM. FREUD: Eine Teufelsneurose in, [ 7 . Jahrhundert 

Pappband M. I. — 

HERMANN ROHSCHACH fl}. Zwei schweizerische Sek- 
tenstitter. Geheftet M. 2.20. 

für Psy'diö'aiafe) 8 Bl " ggCÜ ~ D) Anton Uittcrnfthrer. (Nodi \ orlrflgcn in der „Sdiwctaerlsdien Gesellschaft 



DER RELIGION 

THEODOR REIK: Das Ritual. 2. ergänzte Auflage der „Pro- 
bleme der ReligionspS} chologie". Ganzleinen M. 14. — . 

Inhalt: I) Einleitung — II) Die Couvade und die Psydiogencse der Vergcltungsfurcht — III) Die PubertAts- 
rilcn der Wilden — IV) Kolnldre (Stimme des Gelübdes) — V) Das Sihofar (Das Widderhorn) — VI) Der 
Moses des Michelangelo. 

Es ist eine schwere Kost, die vorsichtig genommen und mehrmals verdaut werden muß, — 
aber es ist eine Arbeit, die den Problemen wirklich nahe zu kommen sucht; es ist 
nicht dieses ewige kompilierende Denken, das so häufig in der übrigen medizinischen Literatur 
uns ichthyosaurenhaft anmutet . . . Wenn Reik am Schlüsse seines Werkes schreibt, daß er 
der Religionswissenschaft einen neuen Weg gewiesen hat, den er an der Hand seines Meisters 
Freud betrat, dann muß ihm jeder Vorurteilsfreie, auch wenn er ihm nicht in allen 
Deduktionen folgen kann, rechtgeben. Wie schmerzlich manchem die Sondierung religiös- 
ethischer Gefühle sein mag, vom wissenschaftlichen Standpunkt ist sie berechtigt, und die 
Psychoanalyse ist zweifelsohne befähigt, diese Erkenntnis in ein bisher unbekanntes Reich 
zu führen. Reiks Buch kann nicht referiert werden, da jedes Referat nur Stückwerk bleiben 
muß; es ist ein Buch, das durchforscht zu werden verdient und das in sich den 
Keim neuen Werdens trägt. 

{Prof. Liepmann in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft") 

Der Ästhetiker findet manches Interessante über Musik, über die Hörner des Moses von 
Michelangelo und anderes. (Prof. Oesterreich in der „Vossischen Zeitung") 



THEODOR REIK: Der eigene und der fremde Gott. 

Ganzleinen M. lO.fü. 

Aus dem Inhalt: Jesus und .Maria im Talmud — Der hl. Epiphanius verschreibt sich — Das Evangelium 
des Judas Isduirlolh — Die l'nhclmlldikeil fremder Götter und Kulte — usw. 

Der tiefblickendste und scharfsinnigste Religionspsychologe unserer Zeit. „Schulreform", Bern) 
Man wird eine Methode, die so tiefe Sachverhalte aufdecken kann, nicht a limine ablehnen. 

Prof. Titius in der „Theologischen Literaturzeitung") 

Man muß Reiks wuchtigen Vorstoß anerkennen . . . Rücksichtslos geht der Weg, zwar 
oft durch Dunkel und Schrecken und kaltes Grauen. „Bremer Nachrichten") 

Das Buch ist unmittelbar erschütternd. Es versäume niemand, dem psychologischen Zu- 
sammenhang zwischen Christus und Judas Ischarioth unter Reiks sachkundiger Führung 
nachzusinnen. Graf Hermann Keyserling im „Weg zur Vollendung") 

Ein geistreiches Buch . . . Einer der hellsten Köpfe unter den Psychoanalytikern. 

{Alfred Dublin in der „Vossischen Zeitung") 



THEODOR REIK: Dogma und Zwangsidee. Geh. M. j.6o. 

Inhalt: I) Das Dogma — II) Die Entstehuni! des Dogmas — III) Dogma und Zwangsidee (Das Dogma als 
Kompromißausdruck von verdrängten und verdrängenden Vorstellungen. Die Verschiebung auf ein Kleinstes. 
Zweifel und Hohn. Dogma und Annthema. Der Widersinn Im Dogma und in der Zwangsidee. Die sekundäre 
Bearbeitung In der r.itloualen Theologie. Fides und Ratio. Das Tabu des Dogmas. Der latente Inhalt des 
Dogmas. Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. Das Wicdcrkehrend-Verdrangte. Die Stellung des 
Dogmas In der Itellglon. Glaubensgesetz und Sittenccsetz. 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I, Börsegasse i 1 
Soeben erschienen 

* 

Psychoanalyse und Weltanschauung 



von 



Dr. Oskar Pfister 

Pfarrer in Zürich 

Gek. M. 5.6o, Ganzleinen M. 7.— 

Der bekannte Schweizer Prediger und Psychoanalytiker 
erörtert die Beziehungen von Psychoanalyse und 
positivistischer Philosophie, Psychoanalyse und Meta- 
physik, Psychoanalyse und Ethik, und in einer 
besonderen Studie „setzt er sich freundsdiaftlich aus- 
einander" mit seinem Meister Sigm. Freud, dem er auf 
seinen religionskritiscken Wegen („Die Zukunft einer 
Illusion") nicht folgen kann. 

I 

Religiosität und Hysterie 



von 



Dr. Oskar Pf ister 

Pfarrer in Zürich 
Geh. M. 4.—, Ganzleinen M. 5.5o 

Inhalt: Zur Psychologie des hysterischen Madonnen- 
kultus. — Hysterie und Mystik bei Margarete Ebner 
(.1291 — l35l) — Eine Hexe des zwanzigsten Jahrhunderts. 
— Anhang: Die Religionspsychologie am Sdieidewege. 



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Ernest Jones 



Zur Psychoanalyse 



der 



christlichen Religion 



IMAGO-BÜCHER / XII